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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2309 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 98

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 6. April 1869

Schlagwörter: Brennerbahn, Bundesrat, Mont-Cenis-Bahn, Società per le strade ferrate alta Italia (Oberitalienische Eisenbahngesellschaft) (SFAI), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr

Ich habe 6. April mit dem niederländischen Generalconsul1 gesprochen und denselben ersucht bei seiner Regierung vertraulich anzufragen, ob sie auf ein Subsidiengesuch eingehen würde.2 Er hat sich dazu bereit erklärt und will sein Schreiben abgehen lassen sobald er im Besitze eines Finanzplanes sein wird um dessen Einsendung ich Sie hiemit bitte. Da derselbe als Vorlage an die Verwaltungsräthe gedruckt wurde, so ist es Ihnen vielleicht möglich mir einige Exemplare zu schicken. Auch wäre es mir sehr erwünscht wenn ich für die holländische Regierung ein Exemplar des ital. Berichtes3 erhalten könnte.

Bei diesem Anlasse theile ich Ihnen einige Stellen aus einer Depesche4 mit welche Herr Pioda jüngshin| an den Bundesrath gerichtet hat.

«D'après les idées du ministère (Hr Pioda sagt er habe sich mit Herrn Menabrea5 besprochen) le prix pour l'anticipation de la percée du Mont Cenis à payer pour la France n'étant plus disponible, sa contribution l'entreprise de la voie ferrée du St. Gotthard ne saurait depasser la moitié des 90 millions necessaires; avec l'aide des provinces et des villes interessées au passage des Alpes Suisses on pourrait arriver en Italie à un chiffre d'à-peu-près [41?] millions de subside. Dans ce chiffre sont comprises les sommes votées par Gènes et par Milan6 et les 10 millions imposés à la société de la haute Italie .7 Mais celle-ci en possession du Semmering8, du Brenner et du Mont Cenis ne les donnera qu'à son corps défendant, tout passage suisse étant | considéré comme une concurrence. Ce sera un obstacle redoutable à surmonter, car cette compagnie est puissante et ajoute à toute occasion des lignes à son réseau. Recemment elle a obtenu la cession de la ligne de Turin à Savone et de Pistoie à Florence, de Pistoie et la Spezia à Gènes et à Nice. Son réseau embarasse maintenant toutes les lignes du Nord de Florence avec station dans la capitale. Et bientôt une nouvelle ligne viendra s'ajouter de Modène à Mantoue etc. – – – L'idée d'avoir un passage neutre à travers la suisse est populaire en Italie sous tous les rapports.»

Gestern sprach ich mit dem würtembergischen Gesandten9 der ohne dazu veranlasst zu sein aber freilich auch ohne allen Auftrag die Meinung aussprach es werde die Schweiz mit einem Subsidiengesuch auch an Würtemberg gelangen. Selbstverständlich erklärte ich ihm dass eine Betheiligung Würtembergs10 gewünscht | und gehofft werde und bat ihn die Sache von sich aus vorläufig bei seinem Ministerium zur Sprache zu bringen und mich über die Äusserung des letztern zu unterrichten.

Den Termin für die Antwort der Cantone auf die Noten11 hat der Bundesrath auf den ersten Mai gesetzt; ich glaube man hätte nicht weiter gehen dürfen; die Gotthardcantone resp. das Comité sind dadurch an einer frühern Eingabe und wir an der frühern Bearbeitung derselben nicht gehindert.

Die beiden Noten von Norddeutschld u Italien werden separat gedruckt; ich sende Ihnen noch heute jedenfalls morgen dieselben ein.12

Mit Hochachtung

Ihr ganz ergebenster

E Welti

Bern
6. April 1869.

Ich bitte Sie freundlichst mich gelegentlich über den Stand der Actiencapitalsammlung zu unterrichten.13

Kommentareinträge

1 J. G. Suter-Vermeulen (Lebensdaten nicht ermittelt), Generalkonsul des Königreichs der Niederlande in Bern.

2Escher unterrichtete den Ausschuss der Gotthardvereinigung am 30. März 1869, es sei Einleitung getroffen worden, «um die Regierungen von Belgien u. Holland hinsichtlich ihrer Geneigtheit zu einer finanziellen Unterstützung des Gotthardbahn-Unternehmens zu sondiren» . Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 30. März 1869.

3Der Ausschuss der Gotthardvereinigung liess 1869 durch Professor Marc-Etienne Dufraisse (1811–1876) eine französische Übersetzung des Berichts anfertigen, den der damalige Minister für öffentliche Arbeiten Stefano Jacini im Februar 1866 dem italienischen Parlament präsentiert hatte. Vgl. Gotthardvereinigung, Projets de chemins de fer; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 10. April 1869, 28. Mai 1869; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 120; Die Gotthardvereinigung, Absatz 9.

4 Vgl. Schreiben Giovanni Battista Pioda an Emil Welti, 26. März 1869, in: DDS II, S. 269–270; Prot. BR, 5. April 1869.

5 Luigi Federico Menabrea (1809–1896), Senator, Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Italien.

6Stadt und Provinz Genua sagten dem Gotthardprojekt rund 7 Mio. Franken zu, Stadt und Provinz Mailand rund 2,5 Mio. Franken. Alfred Escher an Carl Feer-Herzog, 23. Mai 1870; Die Gotthardvereinigung, Ringen mit den Splügenpromotoren.

7Die Società per le strade ferrate alta Italiabzw. eine Vorgängergesellschaft hatte sich 1864 zu einem Beitrag von 10 Mio. Franken an eine schweizerische Alpenbahn verpflichtet. Vgl. Progetto di legge presentato dal Ministro dei Lavori Pubblici nella tornata del 25 febbraio 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005), Art. 2; Alfred Escher an Jakob Dubs, 26. Februar 1865.

8Die Semmeringbahn führt von Gloggnitz nach Mürzzuschlag und wurde als Teilstück der von der kaiserlich-königlich privilegierten Südbahn-Gesellschaft betriebenen Strecke WienGrazLjubljanaTriest in den Jahren von 1848 bis 1854 erstellt. Sie gilt als erste Hochgebirgsbahn der Welt. Vgl. Dinhobl, Semmeringerbahn, S. 11.

9 Adolf von Ow-Wachendorf (1818–1873), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Württemberg in Bern.

10 Würtemberg entschloss sich erst im Verlauf der internationalen Gotthardkonferenz in Bern von September und Oktober 1869, an dieser teilzunehmen. Vgl. Note der königlich württembergischen Gesandtschaft bei der schweiz. Eidgenossenschaft, betreffend die Gotthardbahn (vom 23. September 1869), in: BBl 1869 III, S. 21; Die Gotthardvereinigung, Die internationale Gotthardkonferenz von 1869.

11Gemeint sind die Noten des Norddeutschen Bundes und Italiens vom 31. März 1869, in denen sie dem Gotthardprojekt ihre Unterstützung zusicherten. Mit Datum vom 5. April 1869 folgte eine Note des Grossherzogtums Baden. Vgl. Aus den Verhandlungen des schweizerischen Bundesrathes (vom 5. April 1869), in: BBl 1869 I, S. 737–739; Aus den Verhandlungen des schweizerischen Bundesrathes (vom 7. April 1869), in: BBl 1869 I, S. 740–741; Die Gotthardvereinigung, Die internationale Gotthardkonferenz von 1869.

12 Vgl. Emil Welti an Alfred Escher, 7. April 1869.

13Am 30. März 1869 wurde Escher vom Ausschuss der Gotthardvereinigung ersucht, bei schweizerischen Bankinstituten und Bankvereinen sowie beim schweizerischen Handelsstand Schritte vorzunehmen, um ein Konsortium zu gründen, das die Bildung einer Gesellschaft für die Ausführung des Gotthardbahnprojekts an die Hand nehmen sollte. Die erste Sitzung dieses Konsortiums fand am 12. April statt. Der Stand der Aktienkapitalsammlung wurde bis zu diesem Termin auf rund 29 Mio. Franken beziffert. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 30. März 1869; Prot. Consortium Gründung Gotthardbahn, 12. April 1869 (S. 3–4); Die Gotthardvereinigung, Geldbeschaffung: Die Bildung des Finanzkonsortiums.