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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2302 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 97

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 12. März 1869

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Handelsverträge, Lukmanierbahnprojekt, Presse (allgemein), Staatsverträge

Briefe

Hoch geehrter Herr

Am letzten Samstag hat Herr von Röder mir die Depesche vorgelesen welche er in Alpenbahnsachen nach Berlin geschickt hat. Dieselbe ist sehr gut gehalten enthält aber sachlich für Sie nichts Neues. Es wäre nun dringend zu wünschen dass das italienische Ministerium seinerseits ebenfalls in die Linie rücken würde. Sobald wir hier Bericht haben, dass eine Eröffnung von Seite Italiens in Berlin stattgefunden hat, mache ich Ihnen telegraphisch davon Mittheilung1 und es scheint mir dann der Moment gekommen in welchem Sie in Berlin persönlich auftreten müssen.2 Wenn wir jetzt nicht durchdringen so ist für längere Zeit in dieser Richtung wenigstens nichts mehr möglich. Die neuesten Berichte | aus Berlin welche zuerst in schwäbischen Mercur3 erschienen sind, haben wenig zu bedeuten; sie stehen möglicherweise mit folgender Nachricht im Zusammenhang welche mir durch Brief vom 9. d. Mts. Hr. Hammer4 zugehen liess und worin mir derselbe berichtet, er habe jüngsthin privatim den Hr Delbrück5 angefragt, ob vielleicht Preussen geneigt wäre einen ähnlichen Artikel in den Handelsvertrag auf zu nehmen, wie diess in dem ital. Vertrag geschehen sei6, darauf aber die Antwort erhalten es scheine diese Aufnahme nicht angezeigt weil ein solches Begehren von Seite der Schweiz leicht zu Competenzstreitigkeiten im Schosse des Zollvereines7 führen würde. Diese Competenzfrage habe ich auch dem Abgeordneten Berger8 zur Erwägung gegeben und ihn ersucht dieselbe den massgebenden Persönlichkeiten seiner Partei9 vorzulegen; bis jetzt bin ich noch ohne | Antwort. Über die Sache selbst hat sich Delbrück nicht ausgesprochen; dagegen soll nun auch der Handelsminister Itzenplitz10 von seiner frühern Vorliebe für den Lukmanier vollkommen zurükgekommen sein. An den Abgeordneten Twesten11 ist nun ebenfalls das Ansuchen um Betheiligung für unsere Sache gestellt worden.

Mit Herrn Regierungspräsident Weber habe ich morgen eine Besprechung, deren Resultat ich Ihnen ungesäumt mittheilen werde.

In letzter Zeit hat mich namentlich die Frage beschäftigt: was wird der Bundesrath thun wenn ihm Preussen und Italien erklären, dass sie mit ihm über den Bau des Gotthard verhandeln wollen?12 Wem wird der Bundesrath von einer solchen Eröffnung Kenntniss geben und in wessen Namen wird er die Unterhandlungen führen da er selbst nicht auf eigene Rechnung als Contrahent auftreten kann? Diese Fragen hängen mit den weitern zusammen: | durch welche geograph. Puncte wird die Gotthardbahn begrenzt? Wer ist der rechtliche Repräsentant und Inhaber des Unternehmens? Wenn es eine Actiengesellschaft ist, wann soll dieselbe begründet werden u in welches Verhältniss werden namentlich die beiden Staaten Preussen und Italien dazu treten? Es scheint mir dass man über diese allgemeinsten Grundlagen nicht bloss klar sein; sondern dass darüber auch soweit immer möglich eine Verständigung angebahnt werden sollte und ich erlaube mir daher die angelegentliche Bitte Sie möchten mich wenn auch nur in ganz kurzen Zügen über die Meinung unterrichten welche Sie hierüber hegen sowie über allfällige Programme und Beschlüsse des Gotthardcomités.13

Mit vollkommener Hochachtung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern den 12 März 1869.

Kommentareinträge

1 «Die gewünschte Eröffnung hat in Berlin stattgefunden.» Telegramm Emil Welti an Escher, 25. März 1869 (BAR J I.2).

2Bereits am 1. Februar 1869 schreibt Welti, Roeder wünsche, dass Escher selbst in Berlin die nötigen Schritte unternehme. Emil Welti an Alfred Escher, 1. Februar 1869.

3Zeitungsausgabe nicht ermittelt.

4 Bernhard Hammer (1822–1907), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Berlin.

5 Rudolph von Delbrück (1817–1903), Staatsminister ohne Geschäftsbereich des Königreichs Preussen und Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes.

6Gemeint ist Art. 17 des Handelsvertrags zwischen der Schweiz und Italien, unterzeichnet am 22. Juli 1868. Emil Welti an Alfred Escher, 5. Juni 1868; Die Gotthardvereinigung, Absatz 19.

7Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Bundesrathes» .

8 Louis Constanz Berger (1829–1891), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses, Industrieller (Gußstahlfabrikant).

9 Berger war Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei. Vgl. Prot. Preussisches Staatsministerium, VI/2, S. 612.

10 Heinrich von Itzenplitz (1799–1883), Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten des Königreichs Preussen.

11 Karl Twesten (1820–1870), Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags des Norddeutschen Bundes.

12Diese Erklärungen reichten die beiden Staaten Ende März ein. Emil Welti an Alfred Escher, 6. April 1869, Fussnote 11; Die Gotthardvereinigung, Absatz 23.

13Eine Antwort Eschers konnte nicht ermittelt werden. – Die offizielle Antwort des Ausschusses der Gotthardvereinigung auf die Anfrage des Bundesrates erfolgte Mitte April. Die Gotthardvereinigung, Absatz 24.