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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2300 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 96

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Montag, 1. Februar 1869

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Wie ich Ihnen jüngsthin mündlich mitzutheilen die Ehre hatte, übermachte Hr von Röder zu Anfang dieses Jahres seinem Ministerium ein Memorial in dem er namentlich auseinandersetzte, dass die preussische Regierung von der Initiative des Bundesrathes nicht viel zu erwarten habe, dass sie vielmehr die Angelegenheit der Alpenbahn selbst an die Hand nehmen müsse wenn ihr daran etwas gelegen sei, dass aber nach seiner Auffassung hiebei nur der Gotthard in Frage kommen könne etc. | Hierauf ist nun letzter Tage von Bismark1 eine Antwort eingekommen, welche mir Hr von Röder «ganz confidentiell» mitgetheilt hat. Ihr Inhalt ist wesentlich folgender:

Das Ministerium (Bismark) habe von dem Berichte «mit lebhaftem Interesse» Kenntniss genommen und denselben zu beförderlicher Berichterstattung an das Handelsministerium ( Itzenplitz2 ) geschickt. Der Rapport des letzteren werde in Abschrift «zu persönlicher Kenntnissnahme» des Gesandten beigelegt.

Dieser Rapport des Handelsministers auf | dessen Mittheilung sich Bismark lediglich beschränkt spricht sich in folgendem Sinne aus:

Der Handelsminister sei im Allgemeinen mit den Ansichten Röders über die Vorzüge des Gotthard einverstanden. Dagegen scheine es doch noch nicht gerathen für denselben «Partei zu nehmen». Die Vorzüge vor dem Lukmanier werden durch grössere Kosten u längere Bauzeit aufgewogen. Auch sei nicht zu übersehen, dass die Entscheidung zwischen einem grossen Tunel und einem obern Übergang noch nicht getroffen und noch nicht spruch| reif sei.3 Spreche sich in letzter Instanz die Technik für einen hohen Übergang aus, so sei der Lukmanier wesentlich im Vortheil.4 Da die Schweiz die finanzielle Hülfe des Auslandes in bedeutendem Masse in Anspruch nehme, so seien diese Fragen reiflich zu prüfen um so mehr als Italien kaum im Stande und Willens sein werde ein sehr grosses Opfer zu bringen.

Soweit dieser Rapport dessen Anschauungen Bismark völlig unerörtert lässt.

Es scheint mir nun dringend noth| wendig, dass die preussische Regierung über die Fragen der Bauzeit, Baukosten etc. gehörig aufgeklärt werde, was durch das im Druck befindliche Memoire5 ohne Zweifel am besten wird geschehen können. Herr von Röder hat ferner den dringenden Wunsch, dass Sie selbst in Berlin die nöthigen Schritte thun und die erforderlichen Aufklärungen geben möchten. Es würde das nach meiner Meinung die Sache sehr fördern, denn offenbar ist man in Berlin disponirt die Angelegenheit ernstlich an die Hand zu nehmen sowie auch das Gutachten von Itzenplitz | von der Überzeugung und Voraussetzung ausgeht, dass Preussen seinerzeit eine Subvention beschliessen müsse.

Mit Herrn Melegari6 hatte ich gestern auch eine Besprechung; er hat das Memorial von dem er Ihnen gesprochen hat beendigt und wird es 1. Februar nach Florenz abgehen lassen. Es ist wie er mir sagt in dem Ihnen schon bekannten Sinne gehalten. Anfangs März geht Hr Melegari selbst nach Italien mit dem Vorsatz die Eisenbahnfrage dort kräftig zu unterstützen.

Wenn jeder an seinem Platze seine | Pflicht thut können wir am Ende doch ein glückliches Resultat hoffen.

Mit bekannter Hochachtung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
1. Febr. 1869

Kommentareinträge

1 Otto von Bismark (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

2 Heinrich von Itzenplitz (1799–1883), Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten des Königreichs Preussen.

3Die Möglichkeit eines hochgelegenen Übergangs mit nur kurzem Tunnel bei entsprechend starken Steigungen rückte mit der Eröffnung der Fellschen Mont-Cenis-Bahn im Mai 1868 in den Blickpunkt. Bereits im Januar 1868 wurde in einer Sitzung des Ausschusses der Gotthardvereinigung ein Projekt für eine Überschienung des Gotthards vorgestellt.Emil Welti an Alfred Escher, 15. April 1868, Fussnote 6; Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, 23. April 1868.

4Ein hochgelegener Übergang wurde beim Lukmanier als gut realisierbar erachtet. Verschiedene Lukmanierprojekte beschäftigten sich mit solchen Varianten. So erstellte Georges-Thomas Lommel 1867 ein Projekt, das einen oberen Übergang zumindest als provisorische Lösung vorsah. Vgl. Lommel, Projekt Lukmanier 1867; Gygax, Wirth-Sand, S. 27–29; Planta, Alpenbahn, S. 89–90; Schmidlin, Ostalpenbahnfrage, S. 109–110.

5Gemeint ist wohl ein vom Ausschuss der Gotthardvereinigung im März 1869 veröffentlichtes Projekt, das auf einer Studie Gottlieb Kollers beruhte. Vgl. Koller, Ausführung Gotthardbahn; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 150–153; Die Gotthardvereinigung, Die internationale Gotthardkonferenz von 1869.

6 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.