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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2294 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 95

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 22. Dezember 1868

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt

Briefe

Hoch geehrter Herr

Da ich nicht sicher bin ob ich Sie morgen noch sehen werde, mache ich Ihnen brieflich folgende Mittheilung:

General von Röder sagt mir eben, Herr Wirth-Sand sei gestern bei ihm gewesen um ihm zu eröffnen dass sich für den Bau des Lukmanier eine «consolidirte» Gesellschaft gebildet habe die über die nöthigen Fonds verfüge;1 dieselbe beabsichtige nächstens in Berlin Eröffnungen zu machen; ob er (Herr | Röder) glaube, dass dieselben eine gute Aufnahme zu gewärtigen hätten.

Röder erwiederte: er glaube die Anfrage verneinen zu müssen, da Bismark2 offiziell erklärt habe nur von den schweizerischen Behörden Eröffnungen entgegen nehmen zu wollen, nachdem in der Schweiz selbst eine Einigung stattgefunden habe.3 Übrigens dürfe wohl der Lukmanier in Berlin überhaupt nicht auf grosse Sympathien zählen. Sobald der Gotthard nicht eine unverhältnissmässig lange Bauzeit in Anspruch nehme, werde sich Preussen | für diesen und nicht für eine Bahn entscheiden die den östr. Grenzen entlang führe.

Mit der Bemerkung des Hrn Wirth-Sand, es hätte doch ein Abgeordneter letzten Herbst in Berlin für das Lukmanierproject williges Gehör gefunden, wurde die Conversation geendigt über die ich Ihnen genau in den eigenen Ausdrücken des Generals referire.

Herr von Röder sprach schliesslich noch den Wunsch aus die Bemerkungen die Sie ihm über die Anerbietungen Gratoni's4, die Bauzeit des Tunels etc.5 gemacht hätten, schriftlich zu besitzen, | damit er dieselben nach Berlin schicken könne.

Mit Hochschätzung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
22. Dec. 1868.

Kommentareinträge

1In einem Bericht Wirth-Sand vom Juni 1869 legte er dar, dass er gegen Ende 1868 intensiv an der Schaffung einer Lukmaniergesellschaft arbeitete. Die belgische Gesellschaft, mit der er zu diesem Zweck in Kontakt stand, erteilte den Lukmanierplänen jedoch Ende Januar 1869 eine Absage. Vgl. Gygax, Wirth-Sand, S. 28–30.

2 Otto vonBismark (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

3Dies bezieht sich wohl auf die Äusserungen Bismarks, über die Welti Escher am 15. April 1868 berichtete. Emil Welti an Alfred Escher, 15. April 1868. – Auch bei den im Mai gescheiterten Handelsvertragsunterhandlungen in Berlin erklärte der Norddeutsche Bund, konkrete Vorschläge von seiten des Bundesrates zu erwarten. Emil Welti an Alfred Escher, 27. April 1868.

4 Severino Grattoni (1815?–1876), italienischer Ingenieur, Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer; zusammen mit den Ingenieuren Germano Sommeiller (1815–1871) und Sebastian Grandis (1817–1892) führend am Bau des 1871 eröffneten Mont-Cenis-Tunnels beteiligt.

5 Gratoni veranschlagte für einen Tunnel von 14,9 km Länge eine Bauzeit von 8½ bis 9 Jahren und eine Kostensumme von maximal 67 Mio. Franken, abhängig von der Ausmauerung. Vgl. Conférences internationales 1869, Rapport de la section technique, 23. September 1869; Prot. ständige Kommission Gotthardvereinigung, 22. April 1869; Häsler, Gotthard, S. 55; Alfred Escher an Karl Schenk, 9. Februar 1866.