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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2281 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 92

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Montag, 4. Mai 1868

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Handelsverträge, Mont-Cenis-Bahn, Schweizerische Bundesverfassung, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Die Verhandlungen in Berlin werden wahrscheinlich ganz abgebrochen, da Deutschland nur sehr geringe Vortheile bietet und dagegen Forderungen stellt welche theilweise gegenüber der Bundesverfassung unzulässig erscheinen.1 Heute muss sich die Sache entscheiden; kommt der Vertrag zu Stande, so sei der Norddeutsche Bund geneigt uns wegen der Alpeneisenbahn eine Erklärung zu geben, wie wir sie gewünscht haben;2 ich habe Ihnen im letzten Briefe davon Kenntniss gegeben. In welcher Form eine solche Erklärung angeboten wird | darüber sind wir ohne Nachricht. Sobald wir etwas Positives und Entscheidendes erfahren will ich Sie davon in Kenntniss setzen.

Die jurassischen Bahnen3 sind in ein Stadium getreten welches wenigstens für den Canton Bern auch etwelchen Einfluss auf die Gotthard bestrebungen haben kann.4 Strousberg5 (es soll ein anderer sein als der Tessiner)6 will die Bahn BaselBiel erstellen, mit Anschluss von PruntrutDelsberg, wenn ihm die Staatssubventionen für die einzelnen Linien, also auch für PruntrutDels| berg überlassen werden; dazu ist eine Abänderung des Grossrathdecrets7 erforderlich von der man aber glaubt sie werde erfolgen. Im Jura selbst soll keine Opposition dagegen sein. Käme diese Linie zu Stande so wäre damit allerdings ein Theil des Cantons Bern nahe an das Interesse der westlichen Bahnen geknüpft und eine möglichst kurze Linie an den Mont-Cenis erstellt.

Mit vollkommener Hochachtung

Ihr ergebenster

Welti

Bern
4. Mai 1868.

Kommentareinträge

1Nach erfolglosen letzten Versuchen einer Einigung meldeten August Stähelin-Brunner und Joachim Heer am 6. bzw. 7. Mai das Scheitern der Unterhandlungen und reisten am 9. bzw. 10. Mai von Berlin ab. Vgl. Prot. BR, 1. Mai 1868; Prot. BR, 4. Mai 1868; Prot. BR, 5. Mai 1868; Prot. BR, 8. Mai 1868; Prot. BR, 11. Mai 1868; NZZ, 14. Mai 1868, 15. Mai 1868; Ermatinger, Dubs, S. 74–76.

2 Vgl. Prot. BR, 4. Mai 1868.

3Mitte der 1850er Jahre wurden die bereits seit 1842 bestehenden Bestrebungen für den Bau eines Eisenbahnnetzes im Berner Jura intensiviert und ab 1866/67 allmählich konkretisiert. 1870 erfolgte die Gründung der Chemins de fer du Jura bernois; diese nannten sich ab 1. Juli 1884 Jura-Bern-Luzern-Bahn und fusionierten per 1. Januar 1890 mit der Compagnie de la Suisse Occidentale et du Simplon zur Jura-Simplon-Bahn. Vgl. Schüler, Bernischer Jura, S. 8–23; HBLS II, S. 188–189; Geiser, Bernische Eisenbahnpolitik, S. 57–60.

4Im umgekehrten Fall konstatierte die bernische Eisenbahndirektion zwei Jahre später bei Behandlung der Frage einer allfälligen Berner Unterstützung für das Gotthardprojekt, «für die Jurabahnen sei die Gotthardbahn von keinem grossen Einflusse» . Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 133.

5Vermutlich Bethel Henry Strousberg (1823–1884), preussischer Eisenbahn- und Industrieunternehmer.

6Im Januar 1862 erteilte der Tessiner Grosse Rat dem Unternehmen Strousberg und Compagnie eine Konzession für die Linien LocarnoBellinzonaBiasca und BellinzonaMonte CeneriLuganoMendrisioChiasso, obwohl Strousberg als Abenteurer eingestuft wurde, der auf einen gewinnbringenden Weiterverkauf spekuliere. Da Strousberg keine Garantie für die Ausführung erbringen konnte, wurde die Konzession nicht bestätigt. Vgl. Processi verbali del Gran Consiglio, 11. Januar 1862 (S. 681–690); Processi verbali del Gran Consiglio, 19. Januar 1862 (S. 768–771); Planta, Alpenbahn, S. 62–67; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 63–64, 68. – Entgegen Weltis Annahme handelt es sich vermutlich in beiden Fällen um den oben genannten Bethel Henry Strousberg.

7Gemeint ist wohl das Dekret des bernischen Grossen Rates vom 2. Februar 1867, mit welchem dieser den Bau der Linien BielSoncebozLes Convers, SoncebozDachsfelden und PruntrutDelle sowie zugleich eine Subvention für diese Linien in Höhe von rund 7 Mio. Franken genehmigte. Vgl. NZZ, 5. Februar 1867, 6. Februar 1867; HBLS II, S. 188; Weissenbach, Eisenbahnwesen, S. 63–64.