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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Stehlin

AES B2274 | StABS PA 513a I B 5,1

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 89

Alfred Escher an Johann Jakob Stehlin, Zürich, Donnerstag, 23. April 1868

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat, Deutsches Zollparlament, Gotthardbahnprojekt, Handelsverträge, Mont-Cenis-Bahn, Staatsverträge

Briefe

Mein lieber Freund!

Ihre beiden werthen Zuschriften1 vom 21 dß. sind mir richtig zugekommen. Ihrem Wunsche zuvorkommend hatte ich bereits an Hrn. Zingg in dem Sinne geschrieben, daß er Hrn. Koller an die Probefahrt der Fell'schen2 Mont Cenis Bahn3 auf dem Wege der Präsidialverfügung abordnen möchte.4 Ich zweifle nicht daran, daß er dieß thun wird & bei den Bekanntschaften, die Hr. Koller unter dem am Mont Cenis beschäftigten Ingenieurpersonale hat, wird es ihm gewiß ein leichtes sein, sich den Zutritt zu der Probefahrt zu verschaffen.

In Beilage übermittle ich Ihnen den Bericht über die Verhandlungen des Bundesrathes in Sachen der Alpenbahnfrage, welchen ich von Hrn. Welti empfangen habe. Alles hat wieder an einem Fädelein gehangen! Wollen Sie mir die Beilagen nach gemachtem Gebrau| che gef. wieder zukommen lassen.

In dem gegenwärtigen Augenblicke eine Abordnung des Gotthardausschusses nach Berlin zu senden, um in der Alpenbahnfrage zu wirken, schiene mir nicht angezeigt.5 Eine Bestimmung, wie die von dem Bundesrathe beschlossene, in das Protokoll zu dem Handelsvertrage aufzunehmen, wird wohl bei der Preußischen Regierung auf keinen Widerstand stoßen, so daß eine unmittelbare Einwirkung auf die letztere oder auch eine mittelbare durch einflußreiche Mitglieder des Zollparlamentes nicht nothwendig sein wird. Bevor aber die bewußte Bestimmung im Protokolle feststeht, schon die Vollziehung dieser Bestimmung zur Sprache bringen zu wollen, dürfte doch als etwas verfrüht erscheinen & diese Erwägung erhält wohl um so mehr Gewicht, wenn man bedenkt, daß in den ersten Wochen der Session des Parlamentes dieses selbst & die Regierung vollauf mit Gegenständen dringlichster Natur beschäftigt sein werden. Indessen werden wir in den Mittheilungen des | Herrn Stähelin-Brunner6, welche Sie vielleicht schon erhalten, jedenfalls aber zu gewärtigen haben, noch sicherere Anhaltspuncte zur Beantwortung der Frage finden, was der Gotthardausschuß bei der obwaltenden Situation in Berlin zu thun oder zu lassen hat.7 Hr. Stoll8 will übrigens nicht nach Berlin gehen. Er sagt, wenn dort Schritte gethan werden sollen, so haben sie in dem gegenwärtigen Stadium der Angelegenheit von «Staatsmännern» auszugehen.

Im Gegensatze zu Ihnen – wir sind ja immer entgegengesetzter Ansicht! – hoffe ich, daß wir bald Veranlassung bekommen werden, eine gemeinschaftliche Reise nach Bern zu machen.

In warmer Freundschaft

ganz Ihr

Dr A Escher.

Zürich
23. April 1868.

Kommentareinträge

1 Vgl. Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 21. April 1868; Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, 21. April 1868.

2 John Barraclough Fell (1815–1902), britischer Eisenbahningenieur.

3Das für steile Rampen konstruierte System Fells arbeitete mit einer erhöhten Mittelschiene, an die zur Verstärkung der Adhäsion horizontal an der Lokomotive angebrachte Triebräder gepresst wurden. Das System wurde zwischen 1868 und 1871 an der von St-Michel nach Susa führenden Mont Cenis-Bahn über den 2084 m hohen Pass angewendet, bis die Strecke durch die Fertigstellung des Tunnels überflüssig wurde. Vgl. NZZ, 13. Mai 1868, 28. Mai 1868, 13. Juni 1868, 14. Juni 1868, 15. Juni 1868; Röll, Enzyklopädie II, S. 207–208; Röll, Enzyklopädie III, S. 441; Röll, Enzyklopädie VII, S. 301; Ransom, Mont Cenis; Jonas Furrer an Alfred Escher, 7. Dezember 1859.

4 Vgl. Josef Zingg an Alfred Escher, 19. April 1868; Alfred Escher an Josef Zingg, 21. April 1868. – Eine bezügliche Präsidialverfügung konnte im Protokoll des Ausschusses der Gotthardvereinigung nicht ermittelt werden.

5Ein solches Vorgehen in Zusammenhang mit den Verhandlungen der Schweiz mit dem Deutschen Zollverein über einen Handelsvertrag war zuvor vom Ausschuss der Gotthardvereinigung in Aussicht genommen worden. Emil Welti an Alfred Escher, 17. April 1868.

6 August Stähelin-Brunner (1812–1886), Grossrat (BS), Verwaltungsrat der Schweizerischen Centralbahn und der Basler Handelsbank.

7 Stähelin-Brunner war Delegierter der Schweiz in Berlin bei den Verhandlungen mit dem Deutschen Zollverein über einen Handelsvertrag.

8 Georg Stoll (1818–1904), Direktor der Schweizerischen Nordostbahn.