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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2266 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 86

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 15. April 1868

Schlagwörter: Brennerbahn, Bundesrat, Handelsverträge, Regierungsrat LU, Staatsverträge

Briefe

Hochgeehrter Herr

Am letzten Samstag hatten wir Bundesrathssitzung zur Behandlung der Instructionen für den Handelsvertrag.1 Herr Schenk brachte seinen Antrag ein der genau so lautet wie ich es Ihnen letzthin mittheilte. Die Verhandlungen dauerten aber über die eigentl. Zollsachen so lange das2 diese Frage verschoben wurde; vorläufig wurde Herrn Heer Kenntniss gegeben dass der Bundesrath darüber noch einen Beschluss fassen werde.

Heute ist nun wieder die erste Sitzung und ich hätte das Resultat derselben abgewartet, wenn ich Ihnen nicht über die Antwort berichten wollte die gestern auf die vertrauliche Anfrage von Röder von Bismark3 eingelaufen ist. Röder hatte ihn gefragt ob sein Interesse für die Alpenbahn noch das Nämliche sei und ob man im All| gemeinen in Berlin gewillt sei bei Anlass des Handelsvertrages diesen Gegenstand zu besprechen und einen Vertragsartikel darüber in den Handelsvertrag aufzunehmen.4

Bismark antwortet darauf nicht direct sondern sagt ungefähr folgendes

die Brennerbahn hat bereits einen Theil des schweiz. Transites an sich gerissen;5 es wird das von Jahr zu Jahr in höherem Masse geschehen. Es wäre zu wünschen dass die Schweiz diess zunächst selbst beherzigte. So lange man die Rivalitäten der Cantone nicht überwinden und sich zu einem gemeinsamen Plan vereinigen kann wird man das Interesse der Nachbarländer fruchtlos anrufen. Die Erfahrungen der letzten Jahre werden übrigens eine wirksame Initiative der Bundesbehörden erleichtert haben. Es ist nun an der Zeit ein Project aufzustellen | welches in kürzester Frist und mit den geringsten Kosten zum Ziel führt.6 Die Idee des langen Tunels mit 12–15 Jahren Bauzeit7 muss verlassen werden. Gelingt es der Eidgenossenschaft die Interessen der Schweiz auf ein wohlfeileres und rascher zu erstellendes Project zu vereinigen dann muss sie das Interesse des Auslandes in Anspruch nehmen. Das Unternehmen ist zunächst ein schweizerisches; die Interessen des Auslandes sind unläugbar aber doch nur eventuelle.

Das ist dem Sinne nach genau die Antwort welche offenbar darauf berechnet ist uns von dem preussischen Gesandten vertraulich mitgetheilt zu werden; ich will trachten eine Abschrift zu erhalten und auch Ihnen eine zuzustellen. Auf mich macht sie trotz ihrer reservirten Haltung den Eindruck Preussen wünsche sehr dass die Schweiz | entschieden vorwärts gehe. Herr Dubs wird ohne Zweifel den gleichen Sinn damit verbinden und so hoffe ich dass der heutige Beschluss günstig ausfalle. Insofern der Antrag des Departementes des Innern beschlossen wird telegraphire ich Ihnen so: «die Proposition angenommen».8

In der ganzen Sache ist nur eines zu bedauern; hätten wir einen Mann in Berlin der mit Sachkenntniss Eifer u Energie verbindet, so liesse sich ganz gewiss ein grosser Schritt vorwärts thun. So wird Herr Heer die Sache im besten Fall nur sehr lau vertreten, was ich ihm persönlich durchaus nicht übel nehme.

Bei dieser Sachlage wäre wie Sie sehen ein Gesuch der Regierung von Luzern überflüssig gewesen;9 Herr Dubs war von Anfang an ohne Zweifel entschlossen sein Vorgehen von der Antwort aus Berlin abhängig zu machen.

Mit aller Hochachtung

Ihr ergebenster

E Welti

Bern 15. April 1868

Kommentareinträge

1 Vgl. Prot. BR, 11. April 1868.

2Verschrieb, wohl gemeint: «dass».

3 Otto von Bismark (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

4Die Anregung zu einer solchen Anfrage Roeders machte Jakob Dubs; Welti seinerseits besprach sich wiederholt mit Roeder darüber. Emil Welti an Alfred Escher, 7. April 1868.

5Der Bundesrat liess Erhebungen über den Verkehr zwischen der Schweiz und Italien seit der Eröffnung der Brennerbahn anstellen und stellte im Geschäftsführungsbericht für das Jahr 1867 fest, es sei schon «eine merkliche Abnahme des Verkehrs auf einem Theil unserer Alpenpässe vorhanden» . Bericht des schweiz. Bundesrathes an die h. Bundesversammlung über seine Geschäftsführung im Jahr 1867, in: BBl 1868 II, S. 315. Vgl. Prot. BR, 1. Juni 1868; Prot. BR, 3. Juli 1868; Prot. BR, 6. Juli 1868; Prot. BR, 8. Juli 1868.

6 Georg Stoll hatte bereits im Januar 1868 dem Ausschuss der Gotthardvereinigung ein Projekt von John Scott Russell vorgestellt, das vorsah, den Gotthardpass in grosser Höhe mit einem kurzen Tunnel zu überschienen. Dies wäre in verhältnismässig kurzer Zeit zu bewerkstelligen und könnte später durch einen langen, tiefer gelegenen Tunnel abgelöst werden. August von Beckh und Robert Gerwig hingegen hatten 1865 Varianten mit höher gelegenen Tunneln als nicht empfehlenswert eingestuft. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 13. Januar 1868; Beckh/Gerwig, Rentabilität, S. 58–74.

7 Beckh und Gerwig gingen 1865 für einen Tunnel von 15 km Länge je nach Bauart von einer Bauzeit zwischen 14 und 17 Jahren aus, die allerdings durch technische Neuerungen um mehrere Jahre verkürzt werden könnte. Vgl. Beckh/Gerwig, Rentabilität, S. 7–11.

8Der Bundesrat fasste erst am 22. April einen Beschluss zum Antrag. Am selben Tag schickte Welti die hier angekündigte Bestätigung an Escher. Emil Welti an Alfred Escher, 22. April 1868.

9Der Ausschuss der Gotthardvereinigung zog in Erwägung, den Bundesrat durch das Gesuch einer oder mehrerer Kantonsregierungen zu veranlassen, die Aufnahme eines Alpenbahnartikels in den Handelsvertrag anzustreben. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 30. März 1868.