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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2241 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 9

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 7. Februar 1868

Schlagwörter: Demissionen, Nationalrat, Polemiken und Anwürfe (Escher), Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Verfassung ZH

Briefe

Glarus den 7. Februar 1868.

Mein theurer Freund!

Ich durfte es gar nicht erwarten, eine so schnelle u. zugleich eine so offene u. herzliche Antwort auf meinen letzten Brief zu erhalten, wie sie mir zu Theil geworden ist; empfange meinen wärmsten u. aufrichtigsten Dank dafür! Wenn ich nun nicht eben so schnell Deine Zuschrift erwiedert habe, so bitte ich Dich, dieß theils mit vielen Geschäften zu entschuldigen, theils mit dem eben so stichhaltigen Grunde, daß mir die Antwort auf die sehr wichtigen Fragen, die Du an mich stellst, etwas schwer fällt u. ich daher dieselbe noch einige Tage bei mir überlegen wollte.

Um nun sofort auf die Sache einzutreten, erkläre ich Dir zum voraus, daß ich hinsichtlich des Verfassungsrathes mit Dir einig gehe. Du konntest es schon aus meinem ersten Briefe herauslesen, daß ich mich ebenfalls auf die Seite des Ablehnens hinneige; wenn ich mich nicht bestimmter aussprach, so geschah es nur, um Deiner eignen Anschauung nicht | vorzugreifen. Es erscheint auch mir als unzweifelhaft, daß Du bei konsequentem Festhalten an den bisher vertheidigten Grundsätzen im Verfassungsrathe Dich in der Minderheit befinden würdest, selbst wenn es Dir gelänge, Deine Parthei wieder etwas zu organisiren u. zu diszipliniren, was jedenfalls schwer fallen dürfte. Nun kann Dir gewiß in einem Augenblicke, wo Dir Deine frühern, dem Staate gebrachten Opfer so schlecht belohnt werden, Niemand zumuthen, daß Du Dich in eine unfruchtbare Oppositionsstellung begeben sollest. Andere von Deiner Parthei sind nicht in gleichem Maße die Zielscheibe des Hasses u. Neides der Bewegungsmänner geworden, wie Du, der immer für die ganze Parthei herhalten mußte; daher können sie, wenn sie in den Verfassungsrath eintreten, deßhalb nicht verlangen, daß Du ihrem Beispiele folgen sollest. Wenn Du nun freiwillig Dich zurückziehst u. den Entscheid über die wichtigsten kantonalen Fragen Andern überlässest, so wirst Du doch hoffentlich einmal von jenen fortwährenden Angriffen verschont bleiben, mit denen man Deinen Einfluß zu untergraben suchte, während im umgekehrten Falle die Bewegungspresse bei jedem Anlasse, wo Du im Verfassungsrathe in Minderheit bliebest, Dich noch mit Hohn u. Spott übergießen würde. Durch Deine Ablehnung wirst Du allerdings Deinen Gegnern eine große | augenblickliche Freude bereiten, aber es wird auch da heißen: Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Vielleicht ist es nur um so schlimmer für sie, wenn sie im Verfassungsrathe keine Opposition, vor der sie sich ein wenig fürchten müssen, gegen sich haben; sie werden dann um so sicherer übermüthig u. unter sich uneinig! Auch kann es nicht ohne Eindruck bleiben, wenn ein Mann, dem man immer vorgeworfen hat, daß er zu viel Macht u. Einfluß in seiner Person zu vereinigen suche, einmal zeigt, daß er auch ohne fortwährendes Eingreifen in die Politik leben könne. Aus allen diesen Gründen bin ich also ebenfalls entschieden der Ansicht, Du sollest in den Verfassungsrath nicht eintreten, u. meine l. Frau1, der ich Deinen Brief mitgetheilt habe, ist damit ganz einverstanden.

Schwieriger ist allerdings die Frage zu beantworten, wie Du Dich hinsichtlich Deiner eidgenössischen Stellung verhalten sollest. Wenn ich in Bern mich dafür aussprach, Du sollest mit den kantonalen zugleich die eidgenössischen Stellen aufgeben, so meinte ich damals, es würde dieß erst nach dem Verfassungsrathe geschehen, zu einer Zeit, wo die politische Umwandlung des Kant. Zürich in einem Dir feindlichen Sinne vollzogen wäre. Nun gestaltet sich die Sache anders, indem wir beide finden, Du sollest nicht in den Verfassungsrath eintreten, weil von demselben nichts zu | erwarten sey; dieß schließt aber noch keineswegs aus, daß am Ende der ganzen Krisis, welche der Kt. Zürich wird durchmachen müssen, die Bewegungsparthei doch wieder unterliegen u. eine vernünftigere Richtung an's Staatsruder gelangen könnte. Diese Entwicklung nun, scheint es mir, könntest Du ruhig abwarten u. einstweilen Deinen Sitz im Nationalrathe beibehalten, zumal ein innerer Zusammenhang zwischen dieser eidgen. Stellung u. der zürcherischen Verfassungsrevision nicht besteht u., wie Du selbst sagst, keineswegs vorliegt, daß Du auch als Repräsentant in der Bundesstadt das Vertrauen Deiner Wähler verloren habest. Eine sofortige Wiederanregung der Bundesrevision erwarte ich nicht; die Herren haben einstweilen in den Kantonen genug Werg an der Kunkel! Eine zwingende Nothwendigkeit, aus dem Nationalrathe auszutreten, liegt also nach meiner Ansicht für Dich nicht vor; dagegen muß ich allerdings das Gefühl ehren, welches Dich zu jenem Schritte veranlassen zu wollen scheint, – das Gefühl nämlich, Du müssest dem Volke Dich auch bei diesem Anlasse wieder als starken Charakter zeigen, wofür es Dich von jeher gekannt hat, u. zugleich Deinen Gegnern beweisen, daß sie durch Deine Verdrängung eigentlich nur dem Kant. Zürich geschadet haben. Denn die Lücke, die Du im Nationalrathe lässest, wird in der That nicht leicht auszufüllen seyn; unter der Führung der H.H. Scheuchzer2 u. Zangger3 wird die zürcherische Abordnung nicht mehr | den nämlichen Einfluß haben wie bis dahin. Ich kann also schließlich nichts anderes sagen als: handle so, wie Du es, nach nochmaliger Erwägung aller Für- u. Gegengründe, Deiner Individualität u. den waltenden Umständen am entsprechendsten finden wirst. – Wenn ich übrigens es allerdings auch für mich selbst bedaure, wenn Du jetzt schon aus dem Nationalrathe austrittst, weil, wie Du richtig bemerkst, wir uns immer am meisten während der Bundesversammlung gesehen haben; so hast Du doch auf diese Seite der Frage um so weniger Rücksicht zu nehmen als bei mir schon längst der Entschluß feststeht, mit dem Ablaufe meiner jetzigen Amtsdauer im Mai 1869 aus dem Ständerathe zurückzutreten. Es werden dann mehr als 20 Jahre verflossen seyn, seitdem ich ununterbrochen in dieser eidgen. Behörde sitze, u. das ist genug für mich, weil mit der Zeit Alles seinen anfänglichen Reiz verliert, aber auch genug für den Kanton, weil es nur recht u. billig ist, wenn nach so langer Zeit wieder einmal ein Anderer nach Bern geschickt wird. Auch gestehe ich, daß ich einem Bundes-Referendum, welches mit der Zeit allerdings kommen kann, schwerlich Geschmack abgewinnen könnte u. es gerne Andern überlassen will, mit demselben zu regieren.

Wie Du mit aller Beruhigung auf Dein 23jähriges politische's Wirken zurückbliken kannst, während dessen so viele wirkliche Fortschritte im Kanton Zürich u. in der Eidge| nossenschaft gemacht worden sind, so glaube ich, Du könnest auch getrost in die Zukunft blicken, welche in vielen Beziehungen wieder besser anerkennen wird, was Du geschaffen u. angestrebt hast. Die Zeit selbst wird Dich an Deinen Gegnern rächen, ohne Dein Hinzuthun: so ist es jetzt schon erheiternd zu sehen, wie die «Schweiz» in St. Gallen, welches Dich fortwährend auf die gehässigste u. zugleich blödsinnigste Weise verfolgt hat, nun bereits sich gegen die auch dort angeregte Verfassungsrevision zur Wehr setzen muß! Obschon der Kanton St. Gallen bereits ein sehr entwickeltes Veto hat, so würde man doch, wie ich aus einer Unterredung mit Hrn. Sailer4 weiß, in den dortigen Regierungskreisen das Referendum sehr ungerne sehen, weil man nicht ohne Grund den Einfluß der Ultramontanen fürchtet. Aus ähnlichen Gründen sehen die Liberalen der Urkantone die ganze Zürcher Bewegung mit Unbehagen u. lebhafter Besorgniß, wie ich einem Briefe entnehme, den ich kürzlich von Hrn. Oberst Benziger5 in Schwyz erhalten.

Ich hoffe, daß sich in Deiner Familie Alles wohl befinde, was ich auch von der meinigen sagen kann. Empfehle mich nebst meiner l. Frau6 bestens Deinen Damen u. sey meiner unwandelbaren freundschaftlichen Gesinnung versichert. Herzlich grüßt Dich

Dein treuer

Dr. J J Blumer.

Kommentareinträge

1 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter von Dorothea Heer-Schindler und Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau Blumers; ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

2 Friedrich Scheuchzer (1828–1895), Grossrat und Nationalrat (ZH). Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, 2. Februar 1868, Fussnote 2

3 Hans Rudolf Zangger (1826–1882), Grossrat und Nationalrat (ZH). – Zangger war ein führender demokratischer Politiker, der sich in den eidgenössischen Räten unter anderem für die Totalrevision der Bundesverfassung von 1874 engagierte. Er wurde am 8. März 1868 in den demokratischen Verfassungsrat gewählt, in welchem er bis 1869 verblieb. Er war Mitglied der 35er-Kommission.

4 Carl Georg Jakob Sailer (1817–1870), Grossrat, Regierungsrat, Nationalrat und Bundesrichter (ZH). – Sailer gehörte den radikalen Liberalen an, bis er sich nach 1861 zu den gemässigten Liberalen bekannte. Vgl. HLS online, Sailer Carl Georg Jakob.

5 Nikolaus Benziger (1830–1908), Leitung der Verlagsbuchdruckerei seines Onkels zusammen mit seinen Brüdern und Vettern. Vgl. HLS online, Benziger Nikolaus.

6Gemeint ist Susanna Blumer-Heer (1820–1902).