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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2240 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 8 | Gagliardi, Escher, S. 547–550 | Gauss, Briefe, S. 112–114 (auszugsweise)

Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, Zürich, Sonntag, 2. Februar 1868

Schlagwörter: Demissionen, Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Nationalrat, Verfassung ZH

Zürich 2 Februar 1868.

Mein theurer Freund!

Oft habe ich in diesen Wochen auch an Dich gedacht &, daß ich Dir's offen gestehe, mich in der Hoffnung gewiegt, ein Zeichen der Freund-schaft von Dir zu erhalten. Dieses Zeichen ist mir nun, wie ich mich ja noch nie, wenn ich auf Deine Treue Rechnung machte, getäuscht habe, in Deinem l. Briefe von gestern zu Theil geworden & ich benutze eine stille Sontagabend-stunde, die ich auf meinem Bureau zubringe, um Dir für Dein Schreiben, das mir sehr wohl gethan hat, herzlich zu danken & auf dasselbe zu antworten.

Wie es im Ctn. Zürich so kommen konnte, wie es gekommen ist, das will ich hier nicht er-örtern. Man kann darüber Hypothesen aller Art aufstellen, Artikel & sogar Bücher schrei-ben: Du kannst darüber gerade so gut ur-theilen wie ich. Ich will mich also in weitschich-tige Betrachtungen über diese Frage nicht ein-lassen. Widerspruch glaube ich von Dir nicht erfahren zu müssen, wenn ich mich dahin | ausspreche, daß die unparteiische Geschichte & wahr-scheinlich auch schon eine näher liegende Zukunft die Periode des «Systemes», welche den allerdings langen Zeitraum von 1845 bis 1868 umfaßt, als einen Zeitabschnitt bezeichnen wird, in wel-chem im Ctn. Zürich & in der Eidgenossenschaft unter nicht gerade untergeordneter Mitwir-kung des Cts. Zürich auf dem Gebiete der Poli-tik & auf demjenigen der Pflege der idealen & materiellen Güter namhafte Fortschritte ge-macht & große Schöpfungen ins Leben gerufen worden sind. Inwieweit ich dazu beigetra-gen, steht mir zu erörtern nicht an. So viel darf ich aber sagen, daß, wenn ich mir hinsicht-lich meiner Vergangenheit Vorwürfe zu machen habe, dieselben nicht meiner Stellung zum Staate, sondern derjenigen zu meiner Familie gelten. Ich habe mich dem Staate fast ganz hingegeben & meiner Familie fast ganz entzogen. Es fällt mir dieß um so schwerer auf's Herz, wenn ich an theure Verstorbene denke, wel-che darunter zu leiden hatten!

Und nun die Frage meines Eintrittes in den Verfassungsrath. Ich habe noch keinen endgülti-gen Entschluß in dieser Beziehung gefaßt & es bisanhin vermieden, mich hierüber, abgesehen von dem engsten Freundeskreise, auszusprechen. | Aber die Waagschale der Entscheidung neigt ganz ent-schieden auf die Seite des Nichteintrittes. Die Auf-nahme von Instituten, wie Referendum, Ini-tiative u. s. f. in die neue Verfassung ist wohl als unzweifelhaft anzusehen. Wenn auch die Mehrheit des zukünftigen Verfassungsrathes von der Unzweckmäßigkeit solcher Einrich-tungen überzeugt wäre, so würde sie es An-gesichts der Volksabstimmung vom letzten Sontage nicht wagen, sich dagegen auszuspre-chen. Warum soll ich unter solchen Umstän-den in nutzlosem Kampfe meine Kräfte auf-reiben? Du sprichst von einem «neuen» Opfer das ich damit dem Vaterlande bringen würde. Habe ich ihm nicht schon genug solche gebracht? Und wenn ich, so lange das Volk mit meiner Wirksamkeit einverstanden war, mich willig gewissermaßen als servus publicus hingab, hat es einen Sinn, sich wei-ter abzuquälen für Leute, die es gar nicht verlangen, ja die im Gegentheile begehren, daß man, um mit H. Nationalrath Scheuchzer zu reden, «verschwinde»?! Und wenn Du etwa an meine Partei oder, wie Du das nennen willst, denkst & vielleicht meinst, ich sei es die-ser schuldig, in den Verfassungsrath einzutre-ten, so muß ich befürchten, daß sie in dem | letztern eine ziemlich klägliche Rolle spielen wird, daß jeder Angehörige derselben nach eigenen Heften wird arbeiten wollen & daß vor allem aus darauf hingezielt werden wird, ja nicht abhängig von mir zu scheinen! – Was soll ich unter so bewandten Umständen im Verfas-sungsrathe? – Vielleicht wird nun allerdings gesagt werden, ich solle mich zu den «erweiterten Volks-rechten» bekehren & dann werde sich meine Stellung im Verfassungsrathe viel besser gestalten. Aber abgesehen davon, daß ich nie gegen meine Über-zeugung handeln werde, was soll ich im Verfas-sungsrathe, wenn ich in den Cardinalpuncten mich an den Triumphwagen meiner Gegenpartei anspannen zu lassen angewiesen bin? Ich denke, man kann die Herren ihren Kram selbst aushecken lassen, ohne unserseits noch die Verantwortlich-keit dafür mitzuübernehmen & uns dadurch lä-cherlich & verächtlich zugleich zu machen!

Was dann meine Eidgenössische Stellung anbetrifft, so weißt Du, wie sehr mir dieselbe von jeher am Herzen lag. Die Thätigkeit im Nationalrathe war immer derjenige Theil meiner öffentlichen Wirk-samkeit, welcher mich am meisten angesprochen hat. Die Stellung, welche ich unter den Vertre-tern der Nation nach & nach gewonnen hatte, war auch dazu angethan, mir persönlich zu besonderer Genugthuung zu gereichen, & der | Sache, der ich diente, nicht unerheblichen Vorschub zu leisten. Dazu kommt, daß der Nationalrath mit seinen Commissionen mir Gelegenheit bot, mit meinen Freunden aus den verschiedenen Theilen der Schweiz hie & da während kürzerer oder län-gerer Zeit zusammenzuleben & Stunden des geselligen Verkehres zuzubringen, welche in die Eintönigkeit meines gewöhnlichen Lebens eine anziehende Abwechslung brachten & die mir Zeitlebens in der angenehmsten Erinnerung bleiben werden. Brauche ich noch hinzuzufügen, daß wir beide uns fast nie als während der Sessio-nen der Eidg. Räthe & jedenfalls nie für längere Zeit als dannzumal sahen? – Wenn ich unter diesen Umständen meine Nationalrathsstelle aufgeben soll, so muß ich auf eine reiche Quelle geistigen Genusses & gemüthlichen Lebens verzichten! Du kannst versichert sein, daß ich dieß nicht leichten Herzens thue! Aber meine Ehre scheint mir es gebieterisch zu erheischen. Ich kann nicht nach der Stellung, die ich im Laufe der Zeit im Natio-nalrathe eingenommen habe, in demselben zur Ruine zusammenbröckeln! Ich kann nicht, wenn nun-mehr die Einführung des Referendum in die Bun-desangelegenheiten vorgeschlagen werden wird & ich, wie vor 2 Jahren, dagegen zu Felde ziehen wür-de, risquiren, daß Hr. Scheuchzer mir sage, ich sollediejenigen Zürcherschen Abgeordneten sprechen lassen, | welche das Zürcher'sche Volk hinter sich haben! Ich hal-te es überhaupt gerade als Anhänger des Re-präsentativsystemes für unschicklich, daß ein Volksrepräsentant seine Verrichtungen fort-setze, wenn feststeht oder wenigstens der An-schein dafür vorhanden ist, daß er nicht mehr die Mehrheit derer, die er repräsentiren soll, hinter sich hat. Ich gebe nun zu, daß nicht mit voller Gewißheit feststeht, daß ich in meiner Eidgen. Stellung als Mitglied des Nationalra-thes die Mehrheit meiner Wähler gegen mich ha-be: aber es ist doch der Anschein hievon in hohem Maaße vorhanden. – Was nun aber den Zeitpunct anbetrifft, auf welchen ich meinen Austritt aus dem Nationalrathe zu erklären habe, so müßte derselbe nach meiner Ansicht ungefähr mit dem Zeitpuncte der Ablehnung einer Candidatur für den Verfassungsrath zusammenfallen, wie ich denn dannzumal auch meine übrigen öffentlichen Stel-len (mit Ausnahme der Großrathsstelle, welche bis zur Auflösung des Großen Rathes beizubehal-ten ein Gebot der Bürgerpflicht ist) niederlegen würde. Ich sehe nicht ein, was es nützen würde oder bedeuten sollte, die verschiedenen Stellen nicht auf einmal, sondern in Zwischenräumen niederzulegen. Der Grund zu diesem Schritte ist bereits vorhanden. Warum also denselben nicht demnächst & in vollem Umfange thun? |

Schließlich kann ich mich nicht enthalten, noch darauf aufmerksam zu machen, daß Beurkundung von Charakterfestigkeit selten ihren Eindruck auf das Volk verfehlt. Ich habe die intime Überzeugung, daß ich mich & die Sache, der ich diene, in den Augen des Volkes unendlich viel besser stelle, wenn ich An-gesichts der neusten Vorgänge im Ctn. Zürich alle meine öffentlichen Ämter niederlege als wenn ich mir in irgend welcher Weise den An-schein gebe, als ob ich mich an dieselben anklam-mern wollte & ohne sie fast nicht leben könnte!

Da hast Du nun meine innersten Gedanken, wie man sie einem Herzensfreunde von Deiner Art mittheilt. Ich wiederhole, daß ich erst in dem engsten Kreise meiner Freunde mich über diese Materie ausgesprochen habe & daß meine Ent-schlüsse noch nicht definitiv gefaßt sind. Du wirst mich sehr verbinden, wenn Du mir noch melden willst, was Du zu dem Inhalte dieses Briefes sagst.

Über den Ullmer Prozeß mag ich mich nicht mehr verbreiten. Mein Brief ist ohnehin schon zu lange geworden & dann handelt es sich um etwas, das sich nun einmal nicht mehr ändern läßt, das aber – das wirst Du mir glauben – ohne mein Hinzuthun geworden ist, wie es wurde! Gewiß nimmt Deine treffliche Frau auch regen Antheil an dem, was im Ctn. Zürich geschieht & na- | mentlich auch mir widerfährt. Es sollte mich wundern, wenn sie nicht die in meinem gegenwärtigen Brie-fe entwickelte Anschauungsweise theilen würde. Und Frauen treffen gerade in solchen Dingen oft viel sicherer das Rechte als Männer!

Du aber, mein theurer Freund! empfange noch einmal meinen warmen Dank für Deine Anhänglichkeit & sei überzeugt davon, daß ich auf Dein Urtheil über meine politische Vergangen-heit einen ungleich höhern Werth lege als auf tausende & tausende von Stimmen einer wandel-baren Volksmenge! Empfehle mich Deinen Damen auf's angelegentlichste. Empfange unser Aller, auch Lydie's, warme Grüße & sei in alter Freund-schaft & Treue umarmt von

Deinem

A Escher