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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2239 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 7 | Gagliardi, Escher, S. 547 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag, 1. Februar 1868

Schlagwörter: Freundschaften, Liberale Presse, Polemiken und Anwürfe (Escher)

Briefe

Glarus den 1. Februar 1868.

Mein theurer Freund!

Ich habe im Laufe dieser Woche so oft an Dich u. an den Kanton Zürich gedacht, daß es mich drängt, meine innige Theilnahme an Euern dermaligen eigenthümlichen Zuständen kundzugeben, obschon ich eigentlich selbst nicht recht weiß, was ich Dir schreiben soll.1 Ich denke aber, daß in einer Zeit der Widerwärtigkeiten, auch das einfachste Freundeswort etwas Stärkendes u. Ermuthigendes an sich habe, u. so möchte ich Dich denn recht angelegentlich bitten, wegen eines in solchem Umfange allerdings nicht erwarteten Resultates an der Zukunft Eures schönen Kantons nicht zu verzweifeln u. insbesondre über die vielen gehässigen persönlichen Angriffen, denen Du ausgesetzt bist, Dich mit dem Gedanken zu trösten, daß die unbefangnere Zukunft Deine vielfachen Verdienste richtiger zu würdigen wissen wird als die leidenschaftlich erregte Gegenwart u. daß man nachher Deiner staatsmännischen Tüchtigkeit sich nur um so mehr erinnern wird, je mehr Deine Gegner u. Nachfolger zu wün| schen übrig lassen werden.

Seitdem ich Dir in Bern rieth, eine allfällige Wahl in den Verfassungsrath jedenfalls anzunehmen, hat sich die Situation allerdings etwas geändert, u. ich will nun gerne sehen, was Du in dieser Hinsicht thun wirst.2 Zwar spricht für die Annahme immer noch der Grund, daß die Revisionsberathung die weitgreifendsten Folgen für die spätern Schiksale des Kantons wahrscheinlich haben wird u. daß Du Dich dabei keineswegs unbetheiligt fühlen kannst. Dagegen möchte ich Dir, wie die Sache jetzt steht, allerdings wenig Hoffnung machen, daß Du die Mehrheit des Verfassungsrathes auf Deiner Seite haben werdest; denn wenn auch viele der bisherigen Kantonsräthe auch mit dem neuen Mandate wieder werden betraut werden, so werden sie doch mit andern Gesinnungen u. Anschauungen, als den bisher befolgten, in den Saal des Verfassungsrathes einziehen. Ein Volksvotum wie das vom letzten Sonntag; wenn es auch nur den etwas vagen u. vieldeutigen Sinn hatte: «Wir wollen etwas Neues, weil uns die bisherige Ordnung nicht mehr gefällt», – kann doch seinen Eindruck nicht verfehlen; der Verfassungsrath wird das Gefühl haben, er müsse, um die Annahme der neuen Verfassung zu sichern, dem Volke wesentliche Aenderungen vorschlagen, wie namentlich Referendum, Initiative, Kantonalbank u. andere | finanziellen Köder. Ich für mich könnte mich nun zwar mit dem Referendum, oder für den Anfang noch besser mit dem Veto befreunden; denn die frühere politische Indifferenz u. das jetzige ungestüme Dreinschlagen Eures Volkes zeigen, in Verbindung mit einander aufgefaßt, daß dasselbe entweder zu viel oder zu wenig Rechte hatte, mit andern Worten daß das bisherige Verfassungssystem eine Halbheit ist, u. da man eben nicht zurückgehen kann, so muß man vorwärts schreiten u. das Volk durch größere Uebung zum politischen Selbstdenken u. zu einem richtigen Urtheile befähigen; es wird zwar dabei mehrere Male straucheln, aber zuletzt doch gehen lernen. Ich weiß jedoch, daß Du u. Rüttimann3 diese meine Ansichten nicht theilen, daß Ihr an der repräsentativen Demokratie, wie sie einmal ist, festhalten wollt . Es ist nun nicht zu bezweifeln, daß Ihr Euern Standpunkt im Verfassungsrathe vortrefflich begründen würdet u. daß durch Eure Theilnahme die Diskussion wesentlich an Interesse gewinnen würde; allein ob Ihr Euch in einen voraussichtlich erfolglosen Kampf einlassen wollet, das dürft Ihr Euch allerdings ernstlich fragen. Ich werde mich daher nicht wundern, wenn ich vernehme, Du habest Dir die Sache verbeten, so wenig ich anderseits es mißbilligen könnte, wenn Du die persönliche Unlust überwinden u. dem Vaterlande | auch noch dieses neue Opfer bringen würdest. Dagegen möchte ich Dich jedenfalls ersuchen, wenigstens im jetzigen Augenblicke Deine eidgenössische Stellung noch nicht aufzugeben; denn nicht nur gereicht Dir der Aufenthalt in Bern, wie Du selbst bemerktest, doch immerhin zu etwelcher Erheiterung u. Anregung, sondern ich zweifle auch nicht daran, daß Du dort fortwährend die verdiente Anerkennung finden wirst, welche man Dir gegenwärtig im Kanton – hoffentlich nicht für lange! – vorzuenthalten scheint. In dieser Beziehung also dürfte ich am ehesten meine frühere Ansicht geändert haben.

Der Ullmer-Locher'sche4 Prozeß5, in welchem Viele auch jetzt noch den Kernpunkt der ganzen Bewegung erblicken, scheint mir eine sehr schiefe Wendung genommen zu haben. Wenn, wie ich immer noch anzunehmen geneigt bin, das Locher'sche Pamphlet größtentheils auf Verläumdungen beruhte, so lag Alles daran, die Mehrheit möglichst schnell u. genau auszumitteln. Anstatt also dem ausgestreuten Gifte der Verläumdung Zeit zu lassen, sich des Volkes in einer Weise zu bemächtigen, daß dagegen kaum mehr aufzukommen war, hätte das Schwurgericht schon im Dezember abgehalten werden oder, wenn dieß nicht möglich war, hätte wenigstens die anerkennenswerthe u. gut geschriebne Tobler'sche6 Broschüre7 viel früher erscheinen sollen. Wie | nun die Sache jetzt stand, hätte die schwurgerichtliche Verhandlung allerdings Unordnungen herbeiführen können, die aber zuletzt nur der tumultirenden Parthei geschadet hätten, u. eine Freisprechung Locher's wäre sehr wahrscheinlich gewesen. Auf dieses Endresultat der Verhandlung aber kam es viel weniger an als auf den Gesammteindruck, den die Zeugenverhöre u. die Haltung der Partheien auf das unbefangne Publikum, namentlich auch in weitern Kreisen, gemacht hätten. Es scheint mir daher, daß Ullmer in seinem eignen Interesse nicht wohl daran gethan hat auf die schwurgerichtliche Verhandlung zu verzichten; es hat sich eben an ihm das alte Sprichwort bewährt, daß die Furcht (vor Beleidigungen) ein schlechter Rathgeber sey! Schon bei der Zurückziehung der Klage auf Amtsehrverletzung dachte ich, dieselbe werde ihm nun sofort als Folge seines Schuldbewußtseyns ausgelegt werden; in noch viel höherm Grade muß dieß nun der Fall seyn, da er auch seine Privat-Injurienklage8 fallen läßt! Als ich heute seine Erklärung in der N. Z. Ztg.9 las, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren: «Der Mann hat vollständig seinen Compaß verloren»! Daß es etwas schwer sey, völlig unbetheiligte u. doch kompetente Gerichte zu | finden, könnte er ja voraussehen u. eben darum hätte er das Schwurgericht mit allen seinen übeln Chancen annehmen sollen; denn einen Angriff wie den Locher'schen, der die ganze bürgerliche u. moralische Existenz des Angegriffnen zu vernichten bestimmt war, kann man am allerwenigsten todtschweigen u. den Gegner mit mattherziger Schwäche seinem «innern Wurm» überlassen! Ich weiß nicht, ob Du diese Ansichten unbedingt theilst, aber es interessirt Dich doch vielleicht, die Anschauungsweise eines Fernerstehenden kennen zu lernen, der bis dahin immer für Ullmer Parthei ergriffen hat, was nun aber nachgerade sehr schwer fallen dürfte!

Genug für heute; ich wollte einmal in dieser mir nahe liegenden Sache mein Herz ausschütten! Ich hoffe, Du werdest meine Bemerkungen ebenso freundschaftlich aufnehmen, wie sie aus treuem Freundesherzen geflossen sind. Mit vielen Empfehlungen an Deine verehrte Mutter u. Schwester grüßt Dich bestens

Dein ergebner

Dr. J J Blumer.

Kommentareinträge

1Blumer bezieht sich auf das Abstimmungsergebnis vom 26. Januar 1868. In jener Abstimmung sprach sich das Zürcher Stimmvolk für die Totalrevision der Kantonsverfassung aus. Diese Revision wollte das Stimmvolk jedoch nicht dem Grossen Rat überlassen, weshalb sich 83% der Stimmen für die Einsetzung eines Verfassungsrates aussprachen. Verfassungskämpfe, Absatz 3.

2Ordentliche Julisession, 1.–25. Juli 1867; Fortsetzung und Schluss der ordentlichen Julisession, 2.–21. Dezember 1867. Vgl. Kern, Repertorium I, S. 308.

3 Johann Jakob Rüttimann (1813–1876), Kantonsrat und Ständerat (ZH), Professor für Zürcher Privatrecht und schweizerisches Staatsrecht an der Universität Zürich, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, Verwaltungsratsvizepräsident der Schweizerischen Kreditanstalt, Aufsichtsrat der Schweizerischen Rentenanstalt, Verwaltungsrat der Nordostbahn.

4 Friedrich Locher (1820–1911), Zürcher Anwalt, Publizist und Pamphletist. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Fussnote 3. Zu Lochers Pamphleten vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers. – Locher trat 1868 in den Verfassungsrat ein, den er nach der ersten Sitzung jedoch sogleich wieder verliess. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, «Das neue ‹System› zeigt die Schatten des alten, ohne dessen Lichtseiten».

5 Ullmer trat per 31. Januar 1868 als Präsident des Obergerichts und als Grossrat zurück. Rudolf Eduard Ullmer an Alfred Escher, 31. Januar 1868, Fussnote 1; Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Absatz 36.

6 Leonhard Tobler (1818–1892), erster Obergerichtsschreiber (ZH). – Escher lernte Tobler in der Studentenverbindung Zofingia kennen. Zwischen ihnen bestanden in den 1840er und 1850er Jahren diverse Berührungspunkte. So waren sie beide Grossratsmitglieder und sassen gemeinsam im Erziehungsrat sowie in diversen politischen Kommissionen. Zudem war Tobler Sekretär der Erziehungsdirektion während der Zeit, in der Escher als Erziehungsdirektor amtete. Vgl. Koch, Netzwerke, S. 49, 281; Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Absatz 28; Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Fussnote 113.

7 Vgl. Tobler, Locher.

8Unter einer Injurienklage (lat. iniuria (Injurie = Beleidigung)) wird eine Klage wegen Beleidigung verstanden. Vgl. HRG online, Injurienklage.

9 Vgl. NZZ, 1. Februar 1868. – In einer Erklärung veröffentlichte Ullmer in der NZZ seine Zuschrift an die Staatsanwaltschaft vom 28. Januar 1868. Zu diesem Schritt sah er sich aufgrund des Aufkommens zahlreicher Gerüchte bezüglich seines Entscheids, seine Klage wegen Verletzung der Amtsehre gegen Locher fallenzulassen, «gedrungen», wie er einleitend schreibt. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Absatz 35.