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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Eduard Ullmer

AES B2238 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#510*

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 6

Rudolf Eduard Ullmer an Alfred Escher, Enge, Freitag, 31. Januar 1868

Schlagwörter: Demissionen, Liberale Presse, Polemiken und Anwürfe (Escher)

Briefe

Lieber Freund.

Du wirst mich gütigst entschuldigen, daß ich Dir das beiliegende Entlassungsgesuch1 nicht persönlich überreiche, ich bin aber gemüthlich in einer so verzweiflungsvollen Lage, daß ich jetzt nicht im Stande wäre, vor Dir zu erscheinen.

Die Sache hat sich durch den, wie ich nun selbst einsehe, unglücklichen Schritt, den ich am Dienstag that, so geändert, daß ich nun auch die Privatklagen fallen lassen mußte. Bei Abgabe meiner Erklärung, daß ich die Klagen wegen Verletzung der Amtsehre zurückziehe, dachte ich & auch sonst kein Mensch daran, daß die Privatklagen doch noch vor der Jury zu verhandeln seien, vielmehr wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die letztern nun an die ordentlichen Gerichte gelangen. Anders die Anklagscommission, wenigstens zwei Mitglieder (worunter der Präsident Hauser2 & Gerichtsschreiber Nüscheler3 ). Sie berieten am Mittwoch & Donnerstag Abend, jedesmal 2–3 Stunden, ohne sich auf einen Beschluß vereinigen zu können. Diesem Wirrsal machte ich nun durch Einreichung meiner Abstandserklärung ein Ende, umso eher, als ich damit dem Gesammtobergericht eine höchst unangenehme Berathung ersparte. Denn Locher4 hätte natürlich recurrirt, | wenn er abgewiesen worden wäre. Eine solche Abweisung schien mir aber ganz hoffnungslos, denn – – die Ratten verlassen das Schiff.

Ich habe meinen Schritt in einer Erklärung zu entschuldigen gesucht, die Morgen oder Sonntags in der NZZtg erscheinen wird. Ob ich den rechten Ton getroffen, steht dahin, ich bestrebte mich wenigstens, sie äußerst ruhig zu halten.

«Es rast der See, er will sein Opfer haben» 5 & als solches habe ich mich nun hingegeben, ich bin aber überzeugt, daß es lange nicht als genügend angesehen wird & daß namentlich diejenigen, die sich nun mit aller Macht an ihre Sessel anklammern & sich angenehm zu machen suchen, als unfreiwillige Opfer bald möglichst fallen werden.

Mit der Bitte, Du mögest mich nicht aufgeben, sondern mir wenigstens noch einen kleinen Theil Deiner alten & bewährten Freundschaft bewahren, grüßt Dich freundschaftlich

Dein ganz ergebener

R. E. Ullmer

Enge 31. Jenner 1868.

Kommentareinträge

1Beilage nicht ermittelt. – Ullmer trat per 31. Januar 1868 als Präsident des Obergerichts und als Grossrat zurück; dies infolge der Angriffe des Pamphletisten Locher. Zu Locher vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Fussnote 3. Zu den einzelnen Pamphleten vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Fussnote 18. Zur belasteten Beziehung zwischen Ullmer und Locher vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Fussnote 57. Zur Eskalation vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Obergerichtspräsident Ullmer unter Dauerbeschuss.

2 Karl Hauser (geb. 1829), Zürcher Jurist, Präsident der Anklagekomission des Obergerichts.

3 Matthias Nüscheler (geb. 1808), zweiter Obergerichtsschreiber (ZH).

4 Friedrich Locher (1820–1911), Zürcher Anwalt, Publizist und Pamphletist. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers.

5Anspielung auf das Drama «Wilhelm Tell» (erster Aufzug, erste Szene) von Friedrich Schiller (1759–1805): «Da ras't der See und will sein Opfer haben.» Vgl. Schiller, Wilhelm Tell.