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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2221 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 83

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Freitag, 15. November 1867

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn

Briefe

Hochgeehrter Herr

Von Tag zu Tag hoffte ich Ihren letzten Brief1 in einläßlicher Weise nämlich so zu beantworten daß ich meine eigenen Anschauungen über das Bundesstaatsrecht in Eisenbahnsachen2 ausführlich aus einander setzte. Ich bin aber seit einiger Zeit so in Anspruch genommen daß ich keine Zeit dazu fand, besonders da ich vier Wochen lang zwei Departemente zu besorgen hatte.3 Im Allgemeinen bin ich mit Ihren Sätzen einverstanden u werde Ihnen die Abweichungen baldigst mittheilen. Der traurige Zustand in dem sich Italien befindet giebt wenig Hoffnung daß die Sache vorwärts gehe; Herr Pioda scheint auch noch keine| weitern Schritte gethan zu haben; wenigstens schreibt er nichts drüber. Mit dem neuen Gesandten Melegari4 hatte ich jüngst eine einläßliche Besprechung. Er sagte mir in Italien könne von einem andern Paß als dem Gotthard überhaupt nicht mehr die Rede sein; sobald einige Ruhe eintrete werde sich das Ministerium ohne Zweifel gerne mit der Sache befaßen; er halte dafür die sofortige Cooperation von Preußen sei absolut nöthig. Sei einmal die Sache in Gang so werde nichts mehr im Stande sein sie aufzuhalten. Die schlechten finanziellen Verhältniße hätten auch dem Mont Cenis nachdem er einmal begonnen gewesen sei nichts| mehr anhaben können etc.

Von größter Wichtigkeit für uns ist die Wiederbesetzung der preußischen Gesandtschaft. Ich bin persönlich sehr in Verlegenheit u bei meinen Collegen scheint sich eine Meinung auch noch nicht gebildet zu haben. Es scheint mir dringend nöthig daß die Wahl bald stattfinde.5 Von Seite des hiesigen preußischen Gesandten erhalte ich stetsfort die bestimmtesten Zusagen von dem Intereße welches das Ministerium an der Alpen bahn nehme. Ich werde die Frage in einer der nächsten Sitzungen wieder zur Sprache| bringen u geradezu beantragen daß man ohne erst eine Antwort von Italien abzuwarten sofort auch bei Preußen die Sache anhängig mache.6 Wenn wir nichts dafür thun so können wir von Andern nichts erwarten. Jetzt ist noch die Möglichkeit eines Erfolges vorhanden, in einem Jahr wüthet vielleicht der Krieg.7 Die allgemeine Apathie ist mir unerklärlich. Mit Freuden helfe ich zu jedem andern Paß wenn der Gotthard nicht zu Stande kommen kann. Wißen Sie vielleicht etwas Neueres so bitte ich um gefällige Mittheilung.

Mit Hochachtung Ergebenst

E Welti

Bern
15. Nov. 1867.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Escher hatte zuvor ein «Schema zur Beleuchtung der Schweizer Alpenbahnfrage vom bundesrechtlichen Standpunkte aus» erarbeitet. Alfred Escher an Karl Schenk, 21. Oktober 1867; Emil Welti an Alfred Escher, 28. Oktober 1867.

3Welti war 1867 Vorsteher des Militärdepartements und Stellvertreter von Josef Martin Knüsel im Justiz- und Polizeidepartement. Knüsel reichte am 7. Oktober ein Urlaubsgesuch ein und war bis am 6. November abwesend. Vgl. Aus den Verhandlungen des schweizerischen Bundesrathes (vom 21. Dezember 1866), in: BBl 1866 III, S. 376; Prot. BR, 7. Oktober 1867; Prot. BR, 6. November 1867.

4 Luigi Amedeo Melegari (1805–1881), ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Italien in Bern.

5Am 22. April 1867 ernannte der Bundesrat Joachim Heer zum ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister der Schweiz bei den deutschen Staaten mit Sitz in Berlin. Heer sah sich selbst lediglich als Übergangslösung und reichte im Herbst 1867 seine Demission ein. Im März 1868 kehrte er für die Unterhandlung des Handelsvertrages und anderer Abkommen nach Berlin zurück. Vgl. Joachim Heer an Alfred Escher, 20. April 1867; Prot. BR, 17. April 1867; Prot. BR, 22. April 1867; Prot. BR, 24. Juni 1867; Prot. BR, 21. Oktober 1867; Prot. BR, 2. Dezember 1867; Heer, Aufzeichnungen 1867, S. 1–121; Widmer, Schweizer Gesandtschaft, S. 62–69; Altermatt, Diplomatie, S. 58–65, 266–267; Emil Welti an Alfred Escher, 7. April 1868.

6Eine diesbezügliche Vorlage Weltis konnte in den Bundesratsprotokollen nicht ermittelt werden; die erste Behandlung der Alpenbahnfrage im Bundesrat nach diesem Brief fand am 29. November statt. Sie wurde von Karl Schenk auf äussere Veranlassung vorgebracht und betraf ein Lukmanierbahnprojekt. Vgl. Prot. BR, 29. November 1867.

7Verhandlungen zwischen den Niederlanden und Frankreich über die Abtretung Luxemburgs im Frühjahr 1867 belasteten das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Frankreich und Preussen. Zudem war Frankreich beunruhigt über die Annäherung der süddeutschen Staaten an Preussen und den Norddeutschen Bund. 1870 brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Vgl. Prot. BR, 29. April 1867; Sten. Bericht Reichstag Norddeutscher Bund, 1. April 1867 (S. 487–490); Sten. Bericht Reichstag Norddeutscher Bund, 26. Oktober 1867 (S. 671–682); Lenger, Revolution, S. 328–334; Kinder/Hilgemann, dtv-Atlas II, S. 349, 353; Die Gotthardvereinigung, Deutsch-Französischer Krieg und Ratifizierung des Staatsvertrags.