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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2220 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 82

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Montag, 28. Oktober 1867

Schlagwörter: Brennerbahn, Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Mont-Cenis-Bahn, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeehrter Herr

Von Herrn Schenk habe ich Ihre Auseinandersetzung1 noch nicht erhalten; er hat mir sie aber auf heute zugesagt u ich werde dann gerne Ihnen meine Ansicht darüber sagen.

Zweck dieses Briefes ist die Mittheilung einer Antwort des H. Pioda in Betreff der Eisenbahnangelegenheit.2 Er schreibt darüber: es sei ihm erst kürzlich möglich geworden mit dem Minister der öffentlichen Arbeiten ( Giovannola3 ) zu sprechen u dieser | habe sich so geäußert:

La Suisse ne peut pas douter de l'interêt que met l'Italie à l'éxecution d'un passage des Alpes italo suisses, mais parceque elle y met beaucoup d'interêt elle ne veut pas recommencer des études déja faites, elle ne veut pas se mettre dans un dedale de conférences gouvernementales qui pourraient reprendre la chose ab ovo4. Il's'agit maintenant de savoir s'il y a quelqu'un qui fasse une offre d'éxecution; c'est alors qu'on pourra aviser aux subsides à acoorder. La attendant, a-t-il dit, le Brenner et le Mont-Cenis serviront au plus | pressé.

Von dem Finanzminister5 u dem der öffentlichen Angelegenheiten6 – so schreibt Herr Pioda – habe er günstige aber allgemeine Antwort bekommen; da das Ministerium in der jetzigen Lage sich mit der Sache nicht befaßen könne, habe er die offizielle Note nicht über reicht u wolle die Bildung eines neuen Ministeriums abwarten.7

So sehr ich auch persönlich mit dem letztern Entschluß einverstanden sein muß so kann ich doch das Benehmen des Herrn Pioda nicht begreifen. Offenbar ist der Herr Mini| ster der öffentl. Arbeiten über die Angelegenheit sehr schlecht orientirt u es wäre am Platze gewesen ihm die Sachlage u namentlich die veränderte Situation in welcher sich jetzt der Bundesrath befindet8 auseinander zu setzen. Ich fürchte es werde das auch in Zukunft nicht viel beßer kommen. Sobald wieder eine neue Antwort eingeht gebe ich Ihnen davon Kenntniß.

Mit Hochachtung

Ihr ergbenster

E Welti

Bern
28. Okt. 1867.

Kommentareinträge

1Gemeint ist ein von Escher ausgearbeitetes «Schema für die Beleuchtung der Alpenbahnfrage vom bundesrechtlichen Standpuncte aus». Alfred Escher an Karl Schenk, 21. Oktober 1867 Emil Welti an Alfred Escher, 15. November 1867.

2Am 7. September 1867 hatte der Bundesrat beschlossen, durch den Schweizer Gesandten in Italien eine offizielle Anfrage bei der italienischen Regierung bezüglich deren Intentionen in der Alpenbahnfrage vorzubringen. Pioda erstattete dem Bundesrat unter Datum vom 22. Oktober Bericht. Vgl. Prot. BR, 1. November 1867; Emil Welti an Alfred Escher, 7. September 1867.

3 Antonio Giovanola (1814–1882), Senator und Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien.

4Ab ovo (lat.): vom Ei aus; übertragen: von den ersten Anfängen an.

5 Ministerpräsident Urbano Rattazzi (1808–1873) ersetzte im Juli 1867 den zurückgetretenen Francesco Ferrara (1810–1900) ad interim als Finanzminister des Königreichs Italien.

6 Die von Welti verwendete Bezeichnung des Ministers ist nicht eindeutig und womöglich ein Schreib- oder Übersetzungsfehler. Möglicherweise handelt es sich um den Aussenminister (ital.: Ministro degli Affari Esteri), Pompeo di Campello (1803–1884). Denkbar ist auch der Bildungsminister (ital.: Ministro della Pubblica Istruzione), Michele Coppino (1822–1901).

7Das Kabinett des bisherigen MinisterpräsidentenRattazzi wurde bereits am 27. Oktober durch ein neues Ministerkollegium unter Luigi Federico Menabrea (1809–1896) ersetzt, so dass die von Pioda erwähnten Minister zum Zeitpunkt von Weltis Brief bereits nicht mehr im Amt waren. Doch noch Mitte Januar 1868 stellte der Ausschuss der Gotthardvereinigung fest, dass «die in raschem Wechsel einander ablösenden Ministerien» sich noch nicht mit Angelegenheiten wie der Alpenbahnfrage beschäftigen konnten. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 13. Januar 1868. Vgl. NZZ, 22. Oktober 1867, 26. Oktober 1867, 27. Oktober 1867, 28. Oktober 1867.

8Bundespräsident Constant Fornerod trat am 31. Oktober 1867 zurück. Sein Nachfolger im Bundesrat wurde Victor Ruffy (1823–1869), der am 6. Dezember 1867 gewählt wurde. Vgl. Altermatt, Bundesräte, S. 185–186; Emil Welti an Alfred Escher, 1. Oktober 1867.