Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2218 | CH-BAR#J1.2#1000/1310#35*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 80

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 1. Oktober 1867

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat

Briefe

Hochgeehrter Herr

Heute ist eine Depesche des H. Pioda eingelangt, worin er sich im Allgemeinen über die politische Situation verbreitet1, ohne der Eisenbahnfrage irgendwie zu erwähnen.2 Die gleiche Stille auch hier. Möglicherweise wird sich die Stellung des Bundesrathes einigermaßen ändern, wenn H. Fornerod3 ersetzt wird, welcher uns in seiner gestrigen Sitzung seinen Austritt angekündigt hat um sich in | der welschen Schweiz an die Spitze eines Unternehmens «d'utilité publique» zu stellen. Was dieses sein wird weiß ich nicht.4

Herrn Häberli habe ich noch vor der thurgauischen Commißionssitzung geschrieben u ihn dringend gebeten seine Opposition gegen eine Verständigung aufzugeben.5 Es scheint aber meine Bitte nicht nur wenig Erfolg gehabt zu haben, sondern Herr Häberli auch verletzt zu sein; er hat mir bisher nicht geantwor| tet.

Von H. von Röder vernehme ich wiederholt, daß man in Berlin Eröffnungen wegen einer Alpenbahn mit Vergnügen entgegen nehmen würde. Hoffentlich wird sich H. Pioda beeilen u die Sache zu gutem Ziele führen.

Hochachtungsvoll

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
1. Okt. 1867

Kommentareinträge

1 Vgl. Prot. BR, 2. Oktober 1867.

2Am 7. September 1867 hatte der Bundesrat beschlossen, durch Pioda eine Anfrage bei der italienischen Regierung bezüglich der Alpenbahnfrage vorzubringen. Emil Welti an Alfred Escher, 7. September 1867.

3 Constant Fornerod (1819–1899), Bundespräsident (VD). – Fornerod trat per Ende Oktober 1867 von seinem Amt zurück. Vgl. Prot. BR, 2. Oktober 1867; NZZ, 4. Oktober 1867.

4 Fornerod übernahm nach seinem Rücktritt die Direktion einer vor kurzem gegründeten Finanzgesellschaft mit Sitz in Genf, des Crédit foncier suisse. In den kommenden Jahren verstrickte sich das Unternehmen, das seinen Sitz mittlerweile faktisch nach Paris verlegt hatte, in betrügerische Machenschaften. In diesem Zusammenhang wurde Fornerod als Leiter des Instituts im Januar 1874 zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, im November desselben Jahres aber freigesprochen. Vgl. NZZ, 3. Oktober 1867, 30. Januar 1873, 2. Juli 1873, 23. Januar 1874, 26. Januar 1874, 26. November 1874; Altermatt, Bundesräte, S. 152.

5Der Grosse Rat des Kantons Thurgau hatte in der Seetalbahnangelegenheit eine Kommission eingesetzt. Es galt, die Frage der Erstellung der Linie RomanshornKonstanz, auf welche die Schweizerischen Nordostbahn ein Ausschlussrecht besass, und den Anschluss an das Grossherzogtum Baden in Konstanz zu klären. Während die Kommissionsmehrheit mit der Schweizerischen Nordostbahn unterhandeln wollte, vertrat Häberlin die Position der Kommissionsminderheit, welche zunächst die Frage des Anschlusses an Baden klären und eine finanzielle Beteiligung des Kantons verhindern wollte, was auf eine Verzögerung der Entscheidung hinauslief. Vgl. NZZ, 28. September 1867; Geschäftsbericht NOB 1867, S. 4–8; Mebold, Häberlin, S. 255–270.

Kontexte