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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Kunz-Rebsamen

AES B2217 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#322*

Rudolf Kunz-Rebsamen an Alfred Escher, s.l., Mittwoch, 18. September 1867

Schlagwörter: Haus und Garten (Bewirtschaftung), Krankheiten, Lagebeurteilungen (diverse), Regierungsrat SH

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Die Schreiben an die Regierung von St Gallen & das Seethalcomité sind nach Ihren Entwürfen ausgefertigt &, unterzeichnet von Hrn Director Stoll, an Adresse abgegangen.

Das Schreiben von Baden betreffend die Bahnhofbaute in Schaffhausen wird in der Morgen stattfindenden Directionssitzung behandelt & ohne Zweifel eine Decharge an die Regierung von Schaffhausen zur beförderl. Mittheilung ihres Beschlusses bet. den Vertrag mit den dortseitigen Abgeordneten beschlossen werden.

Hinsichtl. der für die städt. Wasserleitung bestimmten Dohle unter dem Bahnhofe hindurch so zeigt sich, daß das Begehren von Baden post festum kommt, da die Dohle schon seit 10 Tagen fertig ist. Weil Hr. Seitz in Folge eines ihm wegen Verehelichung seiner Tochter für diese Woche ertheilten Urlaubes abwesend ist, so ist es mir nicht möglich vor seiner Rückkehr, alle Daten genau zu erheben, welche in der Antwort an Baden zu erwähnen sind.

Herr Director Schweizer hat den Kaufsvertrag mit Wüscher um f 60000 abgeschlossen & er hat Herrn Weder zu einer Vorlage bet. die Erbauung von Abtritten veranlaßt.

Andere wichtigere Geschäfte, deren spezielle Erwähnung Sie interessiren dürfte, liegen nicht vor.|

Unser Personenverkehr ist in diesem Augenblicke, in Vergleich zu der normalen Frequenz, fast Null. Man flieht unsere Stadt, welche die Physionomie der Trauer zeigt. Die Choleraanfälle haben aber auch in bedenklicher Weise zugenommen & man macht sich überall gefaßt, die Epidemie einschleichen zu sehen, da man ja nicht weiß, wann & wo sie sich zeigt. Ein großes Glück ist die im Ganzen herrschende Besonnenheit & Ruhe, sowie die opferwillige Hülfsbereitwilligkeit: denn solange die bedürftige Klasse dieses Schutzes gewiß ist, wird sie auch durch Ausschreitungen & Muthlosigkeit dem Feinde keinen gesäeten Boden geben. Gott gebe, daß wir von demselben bald wieder befreit werden.

Enge, das bisher verschonte Stadtviertel, ist, wie Sie den Blättern entnommen haben werden, von der Cholera ebenfalls heimgesucht, glücklicherweise bis jetzt nur in geringerem Maaße. In meiner nächsten Nähe zeigte sich gestern ein Fall, nämlich in einem der Vontobelhäusern (vis-à-vis von Benninger) Der Betreffende ist jedoch im Zustande der Genesung.

Ein anderer Fall betrifft einen ehemaligen Hausbewohner in Ihrem mittlern Hause. (also neben meiner Wohnung). Dieser Mann wohnte mit Mohr in der Mansardenwohnung, & diese beiden alten Männer, welche ein ziemlich vagirendes Leben, ohne Ordnung, im Haushalte selbst, führen, kamen mir schon längst verdächtig vor,| sodaß ich meinen Leuten kürzlich bemerkte, wenn die Epidemie in mein Nachbarhaus käme, so sei es mehr als gewiß, daß diese beiden alten Sünder von derselben angesteckt würden. Wirklich wird mir heute Mittag mitgetheilt, daß der Bezirksarzt die Wohnung des Mohr inspizirt & deren Desinfection angeordnet habe, mit der Eröffnung, es sei der Kamerad des Mohr vor einigen Tagen, an der Cholera erkrankt, in das Absonderungshaus eingebracht worden. Dieser Mann ist also außer Haus, auf einer seiner Wanderungen von der Seuche ergriffen worden.

Wenn nun auch nicht sicher ist, daß er nicht schon zu Hause die Keime der Krankheit in sich getragen habe & in seiner Anwesenheit im Hause nicht eine Gefahr für die andern Hausbewohner liege, so ist doch wenigstens die Gewißheit, daß der Anfall im Hause selbst nicht stattgefunden, eine grosse Beruhigung für die übrigen Bewohner desselben. Sollte unglücklicherweise in diesem Hause ein wirklicher Fall von Cholera eintreten, so ist eine größere Verbreitung derselben zu fürchten, gerade wie auch im gelben Hause. Es wäre gewiß gut, wenn Sie einmal eine Revision der Wohnungen & ihrer Bewohner vornehmen würden.

Bei diesem Anlasse kann ich zb. nicht unterlassen, Sie auf das Trödlergeschäft von Baumann aufmerksam zu machen. Wir haben fast täglich Gelegenheit, das Publikum, welches mit diesem Trödler verkehrt, zu beurtheilen. Die Mehr| zahl desselben gehört der alleruntersten Volksschichte an & da die Natur dieses Geschäftes den Verdacht der Diebshehlerei nicht ausschließt, sondern bei dem nicht über allen Zweifel erhabenen Character des Besitzers diesen Verdacht sogar rechtfertigt, so begegnen uns viele Gesichter, bei denen uns nicht ganz heimlich ist. Item, das ist ein Bild, das der vollen Wahrheit entspricht & das Sie vielleicht veranlaßt, bei Ihrer Rückkehr besondere Verfügungen zu treffen. Ich meinerseits könnte mich am Ende neben diesen Zuständen noch gedulden, da wir uns selbstverständlich soviel als möglich von dem Verkehre mit diesen Leuten fernhalten; aber angenehm sind sie nicht für die Nachbarschaft.

Mein in Ihrem Namen stattgefundenes energisches Einschreiten gegen manche eingefressnen Uebelstände, die selbstverständlich ohne Ihr Wissen Wurzel gefaßt & fortgewuchert haben, haben mir zwar des Neueren & die Unzufriedenheit mancher Ihrer Miether zugezogen.

Die Grube von Huber habe ich mit Hülfe von Arbeitern des Herrn Seitz & nach dessen persönlicher Anweisung versetzen lassen.

Die Ordnung hinter meinem Hause ist jetzt besser, läßt aber noch zu wünschen übrig. Wenn Sie nach Hause zurückgekehrt sein werden, wird ein Augenschein Ihrerseits vielleicht noch nachhelfen.

Mit Grübel, Weinschenk bin ich gegenwärtig in Fehde. Er richtet seit Jahr & Tag das Abwasser| seiner Scheune in seine Mistwürfe, die daher immer bis an den Rand mit Wasser angefüllt ist & eine Pfüze bildet. Der dadurch erwachsende Uebelstand ist doppelt: einmal steigen fortwährend schädliche Ausdünstungen aus diesem Loche, welche die Bewohner Ihres Hauses verspüren, & sodann kommt der Ueberfluß dieses Dachwassers in Ihr Land, das an die Mistwürfe anstößt. Ich habe nun einerseits den Gemeindrath Enge veranlaßt, dem Grübel die Ableitung des Dachwassers über seinen Hof in die Straßendohle, sowie die Reinigung & Eindeckung der Grube anzubefehlen & anderseits hatte ich den Bezirksarzt, unter Darstellung des Sachverhaltes, um eine Expertise über die Schädlichkeit der Grube angegangen. Soviel ich weiß, wird der Gemeindrath meinem Antrage entsprechen & hinsichtl des an den Bezirksarzt gerichteten Gesuches hat mich derselbe in Anbetracht seiner sonstigen Inanspruchnahme in diesem Augenblicke an das Statthalteramt gewiesen.

Mit den Reparaturbauten geht es soweit vorwärts, daß es sicher ist, sie werden noch fertig werden, bevor Sie die Jahresrechnungen bekommen. Ich treibe fortwährend & lasse mich auch durch den Verdruß nicht abhalten, mit den Bauleiter im Sinne der Wahrung Ihrer Interessen zu verkehren. | Bei diesem Anlasse erlaube ich mir Ihnen einige Puncte vorzubringen & Ihre Weisungen einzuholen.

Im gelben Hause befindet sich neben dem Abtritte ein hölzerner Anbau, welcher die Holzvorräthe einiger Familien enthält. Derselbe ist aber so baufällig, daß er nach dem Urtheile sowol der Bewohner, als dem Gutachten der Herren Acter & Staub zusammenfällt, sobald die Abtrittbaute in Angriff genommen, bezw. dort geschlossen werden muß. Ich habe mich auch davon überzeugt, daß jeder Franc Reparaturkosten in das Wasser geworfen wäre, da alle holzigen Bestandtheile auseinanderfallend & faulig sind. Die bet. Miether könnten nun aber diesen geschlossenen Raum nicht entbehren, da ihnen ein anderer Ablagplatz für ihr Holz & Baumaterial nicht angewiesen werden kann. Als man deßhalb davon sprach, den Schopf einfach zu beseitigen, ohne einen neuen zu erstellen, erhoben sie Einwendungen & Bitten & ich erlaubte mir, auf den Rath von Acter & Staub, den Neubau eines Schopfes, welcher sich auf ca f 200 stellen wird, unter Vorbehalt Ihrer Genehmigung zu gestatten. Die beiden Baumeister erklärten nämlich übereinstimmend, nachdem Sie den Neubau der Abtritte bewilligt, werden Sie sicher auch denjenigen des Schopfes nicht verweigern. Gegenwärtig ist noch nicht an dieser Arbeit begonnen & es wäre deßhalb, falls Sie damit nicht einverstanden wären, noch immer Zeit zum Abschlage der Arbeit. Ich bitte Sie um Ihre gef. Weisung hierüber.

Im mittlern Haus (Steinemann, Huber etc ) sind keine Fensterladen im ganzen obern Etage. Ich| glaube auch, daß niemals solche vorhanden waren. Anläßlich der etwas umfänglichern Reparatur auch dieses Hauses frägt es sich nun, ob man von der Erstellung von Fensterläden absehen wolle od: nicht. Im Erdgeschoß, das von Huber bewohnt wird, sind Laden vorhanden & es sollte meiner Ansicht nach auch um des bessern & gleichförmigern Ansehens willen, der obere Stock mit solchen versehen werden, abgesehen davon, daß Laden theils mit Rücksicht auf das gesündere & angenehmere Wohnen in Räumen, welche durch solche vor Regen & Hitze geschützt werden können, theils aber auch im Interesse der bessern Erhaltung des Gebäudes selbst, in einem Baue nicht fehlen sollten. Herr Staub hat mir schon früher geäußert, daß Sie gegen die Erstellung von Laden nichts einwenden werden; ich habe mir aber Ihre bestimmte Einwilligung vorbehalten. Der Kostenaufwand, der hier in Frage kommt, ist ca f 200. Ich bitte Sie auch hierüber um gef. Wegleitung.

Die Dohle in Ihrem Lande neben dem [...digli?] wird gegenwärtig – wegen starker Verschlammung mit vieler Mühe & daher auch mit bedeutenden Kosten – gereinigt. Herr Seitz hat die Arbeiten – angeordnet & sie unter die Aufsicht von Oberbahnaufseher Vetter gestellt. Vor einigen Tagen Abends sah ich gelegentlich eines Spaziergangs diesen Arbeiten nach & es bemerkten mir die beschäftigten Arbeiter, daß ihre Arbeiten solange nutzlos seien, als bis nicht der Graben längs dem Lande des Bodmer-Toggenburger, welcher die | Fortsetzung des Ihrem Lande entlang gehenden Grabens bis zum See bilde, geöffnet sei; Herr Vetter habe dieserhalb mit dem Vogte des minorennen Bodmer, Herrn Meier-Nägeli, Rücksprache genommen, derselbe sich aber geweigert, den Graben reinigen zu lassen & ihm, Vetter, anheimgegeben, diese Arbeit in Ihren Kosten auszuführen, in Folge wessen, um die ganze Sache nicht zu verzögern, dieser sie, die Arbeiter, angewiesen habe, den nächsten Tag den Bodmer'schen Graben zu reinigen. – Ich glaubte, in Ihrem Sinne zu handeln, wenn ich den Arbeitern anbefahl, diese Arbeit zu unterlassen & hingegen mich zu Hrn. Präsident Landolt verfügte, um ihn zu ersuchen, im Namen des Gemeindrathes Herrn Meier-Nägeli einen Befell zur sofortigen Oeffnung der frl. Grabenabtheilung anzulegen. Dieses Werk genügte denn auch vollkommen, um Meier-Nägeli zur Erfüllung dieser Pflicht zu veranlassen. Am zweiten oder dritten Tag konnte die Reinigungsarbeit in Ihrem Lande wieder aufgenommen werden. Die dabei verwendeten Leute scheinen recht fleißig zu sein.

Indem ich diese etwas umständlich gewordene Berichterstattung schließe, erübrigt mir noch, Ihnen meine Freude über Ihr fortwährendes Wohlbefinden auszusprechen & in der Hoffnung, daß mir das Glück bescheert sei, auch meinerseits Ihnen stete Gesundheit melden zu können, benutze ich diesen Anlaß Sie, hochgeachteter Herr Präsident, meiner ausgezeichneten Hochachtung & treuen Anhänglichkeit zu versichern

R Kunz

Bleicherweg
18 Sept 1867

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