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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B2202 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_002 (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 76 | Jung, Aufbruch, S. 403–404 (auszugsweise)

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Freitag, 21. Juni 1867

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Alpenstrassen, Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Handelsverträge, Staatsverträge, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Bundesrath!

Empfangen Sie vor allem meinen besten Dank für die Mittheilungen betreffend die Alpenbahnfrage, welche Sie an mich gelangen zu lassen die Güte hatten. Es gereicht mir, wie ich es Ihnen schon letzthin mündlich zu sagen die Ehre hatte, zu großer Ermuthigung, wahrzunehmen, wie auch Sie von der eminenten Bedeutung dieser Frage für die Zukunft unsers Vaterlandes durchdrungen & wie Sie bereit sind, in Ihrer einflußreichen Stellung zu einer glücklichen Lösung derselben beizutragen, unbekümmert um die Anfechtungen jeglicher Art, welchen diejenigen unausweichlich ausgesetzt sind, die sich die Anstrebung großer Ziele zur Lebensaufgabe machen.

Ich habe dem Gotthard-Ausschusse das Programm, wie wir es letzthin in Bern zusammen besprachen, mitgetheilt & es hat der Ausschuß beschlossen, etwa in der zweiten oder dritten Woche der Bundesversammlung eine Sitzung zu halten, um dasselbe zu discutiren. Es schien | mir, das Programm sei im Ganzen günstig aufgenommen worden.1 Die Mitglieder wollten sich aber während der ersten Wochen der Bundesversammlung noch besser orientiren, mit befreundeten Mitgliedern des Bundesrathes, vielleicht auch des National- & Ständerathes Rücksprache nehmen u. s. f. Es wird also der Gotthardausschuß nicht definitiv berathen & noch weniger irgend welche Schritte thun, bevor ich neuerdings das Vergnügen gehabt haben werde, die Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen.

Meine Ansichten sind immer die gleichen, welche ich Ihnen bei unsern letzten Unterredungen darzubringen die Ehre hatte. Die Gotthardvereinigung hat, wie ich glaube, anerkennenswerthe Resultate zu Tage gefördert. Sie hat das Gotthardproject vom technischen, commerziellen & militärischen Standpuncte aus in gründlicher Weise beleuchtet & ihm dadurch in der öffentlichen Meinung einen Boden geschaffen, den es früher auch nicht von ferne besaß. Sie hat ferner bei den betheiligten Cantonen & Eisenbahngesellschaften Subventionen im Betrage von 15,050,000 Frcs.2 erhältlich gemacht. Sie hat endlich – es darf dieß, ohne dem Vorwurfe der Selbstüberhebung zu verfallen, gesagt werden – wohl nicht am wenigsten dazu beigetragen, daß das Italienische Ministe| rium sich vor einem Jahre für das Gotthardproject aussprach3 & daß Preußen ungefähr gleichzeitig eine Conferenz von deutschen Staaten nach Berlin einberufen zu wollen erklärte4, um die Subventionirung einer Alpenbahn auf Schweizerischem Boden zum Gegenstande gemeinsamer Verhandlungen zu machen. Wenn nun aber jetzt, nachdem die mittlerweilen eingetretenen kriegerischen Ereignisse5 die Alpenbahnangelegenheit in Stocken gebracht hatten, dieselbe wieder in Fluß gebracht & zu diesem Ende hin vor allem weitere Verhandlungen mit Preußen & Italien gepflogen werden sollen, so kann ich mich dem Eindrucke nicht entziehen, daß nun mehr der Bundesrath handelnd auftreten sollte. Abgesehen davon, daß bei dem Stadium, zu welchem die Alpenbahnfrage gegenwärtig gediehen ist, eine derartige Stellung des Bundesrathes durch die Natur der Sache angezeigt zu sein scheint, darf überdieß nicht außer Acht gelassen werden, daß die Schweiz jetzt in Preußen & Italien eine förmliche diplomatische Vertretung hat6 & daß im zweiten Semester dieses Jahres Handelsverträge mit Preußen, bez. weise dem deutschen Zollvereine & mit Italien abgeschlossen werden sollen7, deren naher Zusammenhang mit der Frage der Erbauung einer Alpenbahn auf Schweizerischem Boden in die Augen springt. | Ich habe auch das instinctive Gefühl, daß Preußen gegenwärtig geneigt sein dürfte, sich der Schweiz gegenüber zuvorkommend zu benehmen & eine solche günstige Stimmung nicht für die Förderung des großen nationalen Werkes einer Schweizerischen Alpenbahn zu verwerthen, würde mir – kurz gesagt – als eine Ungeschicklichkeit erscheinen! Würde nun der Bundesrath, indem er unter den obwaltenden Conjuncturen die Alpenbahnfrage in die Hand nähme, Preußen & Italien gegenüber nicht von der Subventionirung des Gotthardprojectes, sondern von gemeinsamer Unterstützung einer Alpenbahn auf Schweizerischem Boden sprechen, so dürfte vom bundesrechtlich-politischen Standpuncte aus gegen ein derartiges Vorgehen des Bundesrathes nichts, aber auch wirklich gar nichts einzuwenden sein & das Gotthardproject gleichwohl das concrete Product der allgemeiner gehaltenen Formel werden.

Die Ansicht, die Sie bei unserer letzten Unterredung aussprachen, daß nämlich ein Vorgehen in Sachen auf den Zeitpunct unmittelbar nach der bevorstehenden Bundesversammlung8 zu verschieben sein dürfte, theile ich auch jetzt noch vollkommen. In der Zwischenzeit sollte das Thema, wie mir scheinen will, nur mit der größten Vorsicht besprochen werden. Die einschlägigen bisherigen | Verhandlungen des Gotthardausschusses wurden ausdrücklich als ganz confidentielle bezeichnet & ich zweifle nicht daran, daß die Mitglieder sich demgemäß benehmen werden. Eine wichtige Frage wird auch die sein, ob der Gotthard Ausschuß die Angelegenheit wieder beim Bundesrathe in Anregung bringen solle oder ob es angezeigter scheine, daß der Bundesrath die Frage von sich aus aufnehme. Auch hierüber werde ich nun ja bald Gelegenheit finden mündliche Rücksprache mit Ihnen zu nehmen.

Die Mittheilungen, welche Sie mir über das Ergebniß Ihrer Unterredung mit Herrn Stämpfli zu machen die Gefälligkeit hatten, veranlassen mich noch, Einen Punct hier zu berühren & mich mit voller Offenheit über denselben gegen Sie auszusprechen. Es wird mir oft eingewandt, daß Hr. Stämpfli9 & andere Parteigänger einer «Einmischung» des Bundes in die Alpenbahnfrage diese Einmischung lediglich oder wesentlich als Mittel benutzen wollen, um zur Centralisation des Eisenbahnwesens 10 in den Händen des Bundes zu gelangen. Ich will dieß zwar nicht glauben & es ist augenscheinlich, daß aus einer etwelchem Unterstützung, welche der Bund einer Alpenbahn als einem kolossalen, die Kräfte der Cantone übersteigen| den Werke zu Theil werden läßt, die Centralisation des Eisenbahnwesens ebenso wenig folgt, als die Beihülfe, welche der Bund bei der Herstellung von Alpenstraßen leistete11, die Centralisation des Straßenwesens mit logischer Nothwendigkeit nach sich gezogen hat. Gleichwohl wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich hierüber zu beruhigen die Güte hätten: denn, wie sehr mir auch die Verwirklichung des Gotthardprojectes am Herzen liegt, so würde ich sie gleichwohl durch die Centralisation der Eisenbahnen in den Händen des Bundes für zu theuer erkauft erachten! Gewiß richte ich keine Fehlbitte an Sie, wenn ich Sie ersuche, mir betreffend diesen Punct einige aufklärende Zeilen zukommen lassen zu wollen.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Bundesrath, die Versicherung vorzüglicher Hochachtung von

Ihrem ergebenen

Dr A Escher

Zürich
21. Juni 1867

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «Herr Bundesrath Welti, Bern.»

1An der Sitzung des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung am 18. Juni 1867 in Olten legte Escher ein Programm vor, in dem er das Verfahren aufzeigte, welches seiner Ansicht nach in Anbetracht des bereits erreichten Stadiums des Gotthardprojekts zur weiteren Förderung des Projekts angewendet werden sollte. Weiter informierte Escher über ein Schreiben des badischen Aussenministers Rudolf von Freydorf an Georg Stoll, Direktor der Schweizerischen Nordostbahn, wonach sich Preussen derzeit wenig geneigt zu Unterhandlungen mit der Gotthardvereinigung zeigte und statt dessen den Gedanken einer provisorischen Überschienung ins Spiel brachte.Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 18. Juni 1867; Jung, Aufbruch, S. 573; Emil Welti an Alfred Escher, 15. April 1868.

2Auf der Basis eines 1865 aufgestellten Finanzplans waren in der Schweiz Zusagen für diese Gesamtsumme gemacht worden. Die Gotthardvereinigung, Absatz 7.

3Eine von Stefano Jacini, Minister für öffentliche Arbeiten des Königreichs Italien, initiierte Alpenbahnkommission stellte in ihrem im Februar 1866 präsentierten Bericht den Gotthard an die erste Stelle der Alpenbahnprojekte. Die Gotthardvereinigung, Absatz 9.

4 Preussen hatte sich auf Anfrage Badens zur Organisation einer Konferenz in der Frage der Subvention einer Gotthardbahn bereit erklärt und zu diesem Zweck im Februar und März 1866 auch bereits verschiedene deutsche Staaten angefragt. Die Gotthardvereinigung, Absatz 8.

51866 war der Deutsche Krieg im Gange (auch Preussisch-Österreichischer Krieg). Die Gotthardvereinigung, Absatz 13.

6Der Gesandtschaftsposten in Florenz war 1860 provisorisch eingerichtet worden; seit 1864 wurde er regulär von Giovanni Battista Pioda als ausserordentlichem Gesandten und bevollmächtigtem Minister versehen. Im April 1867 beschloss der Bundesrat die Errichtung eines ordentlichen Gesandtenpostens in Berlin und ernannte Joachim Heer zum ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister. Vgl. Altermatt, Diplomatie, S. 46–71.

7Die jeweiligen Verhandlungen mit dem Deutschen Zollverein und Italien fanden erst im Frühjahr 1868 statt. Die Gotthardvereinigung, Absatz 18.

8Die ordentliche Sommersession der eidg. Räte wurde am 1. Juli 1867 eröffnet und dauerte bis am 25. Juli. Vgl. Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung, in: BBl 1867 II, S. 363; Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung, in: BBl 1867 II, S. 476.

9Hervorhebung im Original mittels rosa Unterstreichung vermutlich durch Empfänger.

10Hervorhebung im Original mittels rosa Unterstreichung vermutlich durch Empfänger.

11Die Bundesversammlung verhandelte 1861 und 1862 über Bundesbeiträge an die Erstellung der Furka-, der Oberalp- und der Axenstrasse. Welti – damals Ständerat – gehörte in seiner Kammer zu der Kommissionsmehrheit, welche sich dafür aussprach, die maximal festgesetzte Subventionssumme beizutragen. Vgl. Bericht der Mehrheit der ständeräthlichen Kommission, betreffend die Erstellung der Furka-, Oberalp- und Axenstraße und die Vervollständigung des bündnerischen Straßennetzes (vom 7. Februar 1862), in: BBl 1862 I, S. 520–523.