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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B2183 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 5

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, s.l., Sonntag, [ 1867 ]

Schlagwörter: Liberale Presse, Polemiken und Anwürfe (Escher), Presse (allgemein)

Briefe

F. G. Ehrhardt
KANTONSFÜRSPRECH
ZÜRICH.

Mein lieber Escher!

Wenn ich meinen persönlichen Gefühlen Ausdruck geben soll, so spreche ich mich mit Entschiedenheit dahin aus, daß auf das [Pamphlet?]1 nicht geantwortet wird. Es würde jede Antwort theils überflüssig, theils zwecklos sein. Ersteres für Alle, die Dich kennen u. dahin glaube ich alle besseren Elemente zählen zu dürfen; denn Dein Leben gehört ja seit 20 Jahren der größten Oeffentlichkeit an. Letzteres weil Deine systematischen Antipoden nicht belehrt werden wollen u die große urtheilslose Masse (par préference jetzt Volk genannt) nicht mehr belehrt werden kann. Ich halte überhaupt, nachdem wir einmal auf dem Punkte angekommen sind, auf dem wir stehen, alles Schreiben für erfolglos. Der Ausscheidungsproceß ist in u. für diesen Moment erfolgt u. wenn wir hundertmal mit allen Gründen | der Logik, der gesunden Vernunft u. des Rechtes unsere Sache führen u den Beweis für dieselbe leisten werden, so genügt ein einfaches, unmotivirtes non liquet2 des Landbotens u. ähnlicher Blätter, um jeden Eindruck unserer Beweisführung zu polelysiren3 . Wir müssen sicherlich von vornen anfangen; sei es durch Koncessionen oder in Folge eines gänzlichen Zurücktrittes oder Zurückdrängen der Parthei. Ich denke unsere Demagogen unterwühlen das Terrain für sich in bester Weise; denn was die Masse von ihnen erwartet, weil sie es versprochen, können sie ja nicht erfüllen.

Urtheile u. Eindrücke, welche das Pamphlet hervorgerufen, kenne ich bis jetzt nur von Freunden u. diese sind noch für Nichtbeachtung von Deiner Seite. Ich werde aber weiter zu fragen suchen u Dir wahrheitsgetreu referiren. Dein persönlicher Character wird – u. das ist nicht unklug – verhältnißmäßig glimpflich behandelt während Deine politische Thätigkeit in den bisherigen u spätern Artikeln der N.Z.Z. | ihre richtige Würdigung finde u. finden werde. Das hat aber mehr Bedeutung für Fernerstehende; für unsern Canton ist in diesem Augenblicke Hopfen u Malz verloren!

Meinen vorletzten Brief 4 schrieb ich allerdings in sehr gedrückter Stimmung; allein wer jetzt hier lebt, dem ist es sicherlich nicht zu verargen, wenn er den Muth hin u. wieder verliert. Bei mir hat das am Ende nicht viel zu bedeuten; möge Muth u. Kraft nun Dir – daran zweifle ich gar nicht – u Deinen politischen Freunden erhalten bleiben. Betrachte Du aber jetzt die Leute zwei- u dreimal! Meiner Ansicht nach sollte jetzt eine gewisse Partheiexpuration eintreten u. sich eine neue Parthei aus zuverlässigern Elementen bilden. Treichler5 u. Consorten werden nicht helfen. Doch darüber später mehr!

Sulzberger6 hat die Vertheidigung von Ullmer aus einem unbegreiflichen Grunde refüsirt. Ich habe ihm durch OSchreiber Tobler7 , einen tüchtigen Mann, | rathen lassen, einen auswärtigen Advocaten ( Bützberger8, Hoffmann9 in St. Gallen, König10 ) zu nehmen; obschon dies Schwierigkeiten wegen unserer Advocaten-Exclusivität hat.

Deine g. Mutter befindet sich erträglich; ich bin im Begriffe zum Mittagsessen zu ihr zu gehen.

Tausend warme Grüsse für Dich

Dein

Er.

Sonntag, ½ 1 Uhr. 11

Kommentareinträge

1Ehrhardt bezieht sich auf das Pamphlet «Der Prinzeps und sein Hof» von 1867 von Friedrich Locher. Zu Lochers Pamphleten vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers. Zu Ehrhardt vgl. Friedrich Lochers Pamphlete «Die Freiherren von Regensberg» und das liberale System Alfred Eschers, Absatz 28.

2Non liquet (lat.): es ist nicht klar.

3Polelysiren: scherzhafte Analogiebildung zu ‹analysieren›. Die genannten Zeitungen analysieren (=auflösen) die Gründe nicht, sie polelysieren.

4 Vgl. Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 26. Juni 1867.

5 Johann Jakob Treichler (1822–1906), Grossratspräsident und Nationalrat (ZH).

6 Emil Sulzberger (1807–1869), Fürsprecher in Zürich, Grosser Stadtrat von Zürich und Grossrat (ZH).

7 Leonhard Tobler (1818–1892), erster Obergerichtsschreiber (ZH).

8 Johann Bützberger (1820–1886), Jurist, Nationalrat (BE).

9 Karl Hoffmann (1820–1895), Jurist, Kantonsrat (SG).

10 Karl Gustav König (1828–1892), Grossrat und Ständerat (BE).

11Datierung gemäss Briefkontext.