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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B2174 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 106 | Jung, Aufbruch, S. 270 (auszugsweise)

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Wien, Donnerstag, 8. November 1866

Schlagwörter: Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Gesandtschaft in Berlin, Gesandtschaft in Wien, Gesandtschaften und Delegationen (diverse), Krankheiten, Nationalrat, Presse (allgemein), Preussisch-Österreichischer Krieg (1865/66), Schweizerische Bundesverfassung, Wahlen

Briefe

Mein theurer Freund.

Der Eingang deines werthen Briefes vom 23. October 1 hat mich mit wahrer Wehmuth erfüllt. Ich hatte keine Ahnung von dem harten Schlage, der dich getroffen hat. Hätte ich die Trauernachricht früher erhalten, so würde ich auch allsogleich das gethan haben, was ich jezt nur noch verspätet thuen kann, dir die tiefinnigste Theilnahme eines alten, aber wahrlich treuen und aufrichtigen Freundes auszudrüken. Deine verewigte Gattin hat während der wenigen Stunden, die ich sie kennen gelernt habe, meine herzlichsten Sympathien gewonnen. Ich wußte, daß du mit ihr sehr, sehr glüklich warst und kann also auch den ganzen Umfang des Schmerzens ermeßen, den dir die rauhe Hand des unerforschlichen Schiksals verursacht hat. Gott tröste dich, mein theurer Freund. 2

Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, daß ich mit einigen Bedauern deine Mittheilungen über deine Gesundheit vernomen habe und hoffe von Herzen, daß deine Beßerung eine rasche und anhaltende sein möge. Solltest du wirklich dich genöthigt sehen den Winter in einem wärmeren Clima zuzubringen so würdest du wahrscheinlich zwischen Meran oder Nizza wählen; erlaube mir, daß ich dir von ersterem entschieden abrathe, denn Meran ist sehr windig und staubig und befriedigt deshalb auch selten die dortigen Wintercur gäste.|

Ich danke dir recht sehr für deine politischen Mittheilungen, die mich in hohem Grade interessirten, insbesondere die beiden wichtigen Punkte «Revision der Bundesverfaßung»3 und äußere Politik, inclusive diplomatische Vertrettung der Schweiz im Auslande. Deine, über diese Punkte ausgedrükten Ansichten stimmen mit den Meinigen vollkommen überein und ich möchte an ihnen kein Jota änderen. Gestatte mir aber doch hier über Beide noch etwas näher einzutretten.

Was die Bundesrevision in dem angedeuteten Sinne betrifft, so ist mein Grundsatz: Gebet dem Volke, was des Volkes ist, aber laßet auch dem gesunden Menschenverstande seine Rechte. Laßet das Volk durch Urwahlen oder indirecte Wahlen, wie es ihm beßer behagt, wie es glaubt, daß seine Intereßen am besten gewahrt seien, seine Vertretter wählen, aber laßt dann auch die Gesetze, die diese Volksvertretter vereinbaren, gelten, sie sind ja von Männern, die durch das Vertrauen des Volkes in den Gesetz gebenden Körper berufen wurden, nach reiflicher Erwägung, festgestellt worden. Gesetze, die von Männern, die vom Volke gewählt sind, also faktisch das Vertrauen des Volkes genießen müßen, berathen und angenommen sind, noch einml Volksversammlungen zur Begutachtung und zum Placet4 vorzulegen, ist ein so absurdes Vorgehen, daß man wirklich an dem gesunden Verstande derer, die solches in Vorschlag bringen, zweifeln möchte, wenigstens entschieden ihren Patriotismus in Abrede stellen muß. Was sind die unausbleiblichen Folgen eines solchen Verfahrens? Mißhelligkeiten, Hader, tiefinnere Zerwürfniße des Volkes – die Saat zum Bürgerkriege! Es wird die freien Institutionen unseres Vaterlandes untergraben und unausbleiblich einen inneren Zersetzungsprocess herbei führen, der die Schweiz zur leichten Beute ihrer Nachbarn machen wird. Ich behaupte, daß ein | solcher Schritt – ein so ungeheurer Rükschritt – die Freiheit unseres Vaterlandes tausendmal mehr gefährdet, als französ., italiänische, österreichische od. preußische Hinterlader5; und du hast vollkommen Recht, wenn du sagst, daß eine derartige Institution eine Hemmung des Fortschrittes und eine Lähmung der Staatsgewalt sei.

Wenn von der äußeren Politik die Rede ist, so heißt es immer es sei am besten wenn man trachte, daß von der Schweiz so wenig als möglich geredet werde, und sich ihre Nachbarn nicht um sie bekümmeren. Möchte man doch auch diesen Satz auf die innere Politik anwenden! Eine Institution, wie die erwähnte, würde nicht ermangeln sehr die Aufmerksamkeit der übrigen Mächte auf sich zu lenken; da sie ihnen, des Beispiels halber, nichts weniger als genehm wäre. Die Schweiz hat wahrlich jezt schon weit mehr freie Institutionen als ihren sämtlichen Nachbarn und den meisten übrigen monarchischen Staaten bequem ist.

Von wem ist die, ich möchte sagen, selbstmörderische Idee einer derartigen Revision der Bundesverfaßung ausgegangen? Wer sind ihre Vertretter? Ich kenne keinen; weder Personen noch Namen, denn ich habe, bis vor einem Monate, seit drei Jahren keine Schweizerzeitung gelesen6, aber ich werde dir ungefähr die Leute characterisiren, wie ich sie mir vorstelle. Es sind der Hauptzahl nach Menschen, die à tout prix einen Einfluß haben möchten, ihn aber noch nicht erreicht haben; die gerne einen Platz im Nationalrathe oder bei ihren heimischen Regierungen hätten, aber noch keinen erreichen konnten, weil der gerade Volkssinn immer noch ehrlichere und tüchtigere Männer an die von ihnen praetendirten Stellen wählte; die aber nun alles aufbiethen und kein Mittel scheuen um dennoch ihre ehrgeizigen Absichten zu erreichen – oder irgend eine Rancune zu befriedigen, | daher nach Popularitaet haschen und eben deshalb zu jedem Mittel greifen, das ihnen für diesen Zwek paßend erscheint, mag es noch so verwerflich, so verderblich für ihr Vaterland sein (wenn es ihnen nur selbst keinen directen Nachtheil bringt) Sie suchen das Volk zu ködern und buhlen um seine Gunst, indem sie ihm schmeicheln, es an seinen schwachen Seiten paken, ihm Rechte, von denen es früher nichts träumte, vorspiegeln, um es desto sicherer in ihren Netzen zu fangen. Diese Menschen vertretten den Jesuitismus7 in der Politik. Es ist ihnen nicht um das Volk, nicht um deßen Rechte zu thuen – um diese scheeren sie sich den Teufel – sondern nur darum um durch das Volk das zu erlangen was sie ambitioniren oder um durch dasselbe andere Leidenschaften zu befriedigen. Odi profanum vulgus8 Ich sage es heute wie vor 30 Jahren.

Ich vermuthe es giebt unter den Männern, die eine solche Volkssouveraenitaet befürworten, auch einzelne durchaus ehrenhafte Charactere, aber sie verstehen entweder das Volk nicht, oder trauen ihm zu viel zu; manche von ihnen mögen auch Idealisten sein, die da glauben, es sei das höchste Glük einer Nation, wenn ein jedes einzelne Individuum derselben die Rolle eines Lycurg9 spielen könne, sie bedenken aber nicht, daß das Volk das eigentlich gar nicht will, sondern vollkommen befriedigt ist, wenn es durch gute Gesetze, die ihm seine Repraesentanten geben, regiert wird.

Der Himmel möge verhüten, daß die Bundesversammlung je sich so weit vergeße die freien Institutionen der Schweiz in dem verderblichen Wahne sie noch freier zu machen, so rechtlich gründlich zu untergraben.

Ich gehe nun zu der Gesandtschaftsfrage über. Es kann mir natürlich nicht beifallen Dir gegenüber die Wichtigkeit des internationalen Verkehres durch Gesandte hervorzuheben, da ich überzeugt bin, daß du davon ebenso durchdrungen bist, wie ich. | Ich werde dieser Tage an die Redaction des «Bundes» einen Artikel «zur Gesandtschaftsfrage» abgehen laßen10, von dem ich glaube, daß er auch deine Billigung erhalten werde. Er behandelt den Gegenstand nicht gründlich und ausführlich – ich habe dieß, wie ich dir in meinem lezten Briefe11 bemerkte, in einem längeren Memoire an den Bundesrath12 gethan – sondern er soll die Frage nur einigermaßen beleuchten und einige Gegenartikel verschiedener Blätter13 wiederlegen. Es ist schon viel Unsinn und Gemeines gegen die Gesandtschaften geschrieben worden. Durch Gemeinheit zeichnet sich besonders die St Galler Zeitung aus und wenn sie mit Ambassadoren, Excellenzen und Hofschranzen herumwirft, so documentirt sie dadurch nur ihren enormen Blödsinn. Die schweizerischen Gesandten nehmen, wie es auch der Machtstellung ihres Vaterlandes entspricht, einen sehr bescheidenen Rang ein, aber sie sind die fast unumgänglichen nothwendigen Vermittler zwischen dem Bundesrathe und den Regierungen bei der sie beglaubigt sind. Ihre Geschäfte sind viele und manigfaltige. Laut meinen Aufzeichnungen habe ich vom 5 bis 31 October 118 Geschäfte verhandelt, von denen mehr als ein Drittel eine schriftliche Erledigung erforderte.14 Ich frage nun, wie sollen alle diese Geschäfte erledigt werden, wenn die Legation in Wien aufgehoben würde? Die schweiz. Gesandtschaft am kais. Hofe besteht seit den Jahren 1799 oder 1800 und es ist während der 66 Jahren noch keiner der schweizerischen Regierungen eingefallen sie für überflüßig zu erklären. Soll nun die Ultraliberale Parthei in der Schweiz, die, offen gestanden, in der überwiegenden Mehrzahl ihrer Mitglieder keinen blauen Dunst vom Gesandt| schaftswesen hat, der sogar die nöthigen geschäftlichen Kenntniße abgehen um sich eine richtige Anschauung darüber zu bilden, auf einmal aufgeklärter sein und beßer wißen was unserm Vaterlande frommt, als jene Männer, die seit mehr als sechs Decenien die Geschike der Schweiz leiteten? Das «Brechen mit der Vergangenheit» wäre in dieser Beziehung höchstens eine läppische Anwendung einer hübschen, aber sehr vulgären Phrase. Soll man Consuln hinsetzen, wo jezt Gesandte sind, um an jedem Posten vielleicht 5–6000 frcs. zu ersparen, also Cichorie trinken, weil der Caffee etwas theurer ist? Daß Consuln nie erreichen können, was Gesandte erreichen, brauche ich Dir nicht auseinander zu setzen. Oder soll man für jeden Quark eine Specialmission absenden? Durch ein solches Verfahren würde sich die Schweiz höchstens lächerlich machen und am Ende würden die vielen Specialmißionen gewiß auch nicht einem vermeintlichen Einsparungssysteme ein günstiges Resultat liefern. Irgend eine Art Repraesentation muß sein. Die einzige vernünftige ist die durch Gesandte. Das Gesandtschaftswesen, sogar der Name «Gesandter» ist in der Schweiz sehr unpopulär, weil man immer irrige Begriffe damit verbindet, und darum wollen auch die Ultras an dieser Frage ihre Spornen verdienen. Nur immer hübsch im Trüben fischen!

Ich hoffe, auf den gesunden Sinn der Bundesversammlung15 vertrauend, daß sie zu der Proposition der Aufhebung der Gesandtschaften, nicht Hand biethen wird, daß sie im Gegentheil im wohlverstandenen Intereße der Schweiz die Gesandtschaftsposten noch um zwei, einen in | Washington, den anderen in Berlin16 vermehren wird. Vor Kurzem besuchte mich der Freiherr von Werther17 und drükte im Verlaufe des Gespräches die Hoffnung aus die Schweiz werde auch in Berlin einen Gesandtschaftsposten errichten «da der hochbegabte Mann, der an der Spitze der preußischen Regierung stehe18, gewiß von den wohlwollendsten Absichten für die Schweiz erfüllt sei.»

Erlaube mir nun noch, daß ich dir über meine jezige persönliche Stellung mit aller Offenheit eines Freundes zum Freunde spreche. Wenn nun, wie so ziemlich zu erwarten steht, der Gesandtschaftsposten in Wien erhalten bleibt, so ist nun die weitere Frage wird der neue Bundesrath mich in meiner jezigen Stellung, die ich nur provisorisch bekleide, bestättigen? Es ist dieß eine Lebensfrage für mich. Meine Ernennung wurde hier in wißenschaftlichen, politischen und diplomatischen Kreisen mit aufrichtiger Freude begrüßt und ich habe die ehrendsten Beweise davon erhalten. Würde mir nun aus irgend einer Partheirüksicht ein Nachfolger gegeben so wäre meine bisherige, jahrelang ehrenvoll errungene Stellung in hohem Grade compromittirt, denn man würde hier, nicht vertraut mit den schweizerischen Verhältnißen, Unfähigkeit meinerseits, wenn nicht noch schlimmere Motive hinter meiner Entsetzung suchen.

Du wirst mir wohl glauben, daß ich während meiner Amtsführung dem Bundesrathe nicht die mindeste Ursache zu irgend einer Art Unzufriedenheit geben werde. Ich behandle alle Fragen mit der größten Gewißenhaftigkeit und versäume auch nicht das geringste was zur Forderung meiner Aufgabe ersprießlich ist. Ich thue es | nicht bloß aus Pflichtgefühl, sondern auch weil ich die Stelle mit Freuden versehe.

Nach den Nationalrathwahlen19 zu urtheilen dürfte der Bundesrath mit einigen wenigen Abänderungen wieder aus den nämlichen Mitgliedern zusammengesetzt werden, wenigstens scheint es mir für die Hrn Dubs, Knüsel20, Fornerod21 und Schenk22 der Fall zu sein. Es wären dieß also die nämlichen Männer, die mich zum prov. Geschäftsträger ernannt haben. Bundesrath Näf23 dürfte in Ausfall kommen; nun sagte mir Aepli er habe einmal munkeln gehört, daß man für Naef, falls er nicht wieder in den Bundesrath gewählt würde, die Gesandtenstelle in Wien reservire. Ich halte nun allerdings eine solche Collegiale Protection nicht zu den Unmöglichkeiten, aber ich gestehe dir ganz offen, daß ich – ich spreche hier gewiß ganz ohne eigenes Intereße – diese Wahl für eine sehr unglükliche halten würde, denn Näf paßt mit seinem Alter, seiner notorischen Trägheit und seinem allbekannten Cynismus wahrlich nicht auf einen Gesandtschaftsposten wie Wien.

Der Bundesrath hat durch 18 Jahre eine merkwürdig unerklärliche Nachsicht mit der Geschäftsführung des verstorbenen Hr Steiger24 gehabt; sie war so unordentlich, ja liederlich als nur möglicherweise denkbar ist. So wie in seinen Privatangelegenheiten (er hat bei seinem Tode über 100,000 fl. Schulden hinterlaßen, ohne daß die Gläubiger einen Kreuzer bekommen) so war er in seiner officiellen Stellung | von einer beispiellosen Nachläßigkeit. Ich will mich nicht auf nähere Details darüber einlaßen; ich habe nun schon seit einem Monat geordnet und gearbeitet um Vernachläßigtes und Versäumtes ins Reine zu bringen. Ich kann es mir nun nicht leicht denken, daß der Bundesrath ohne eine von mir gegebene Veranlaßung mich irgend einem Protections- kinde opfern werde; aber man muß unter unseren Verhältnißen auf alles gefaßt sein.

Du wirst mir, mein lieber Freund, nach diesen Auseinandersetzungen gewiß auch nicht zürnen wenn ich dir heute noch einmal meine schon in meinem lezten Briefe ausgesprochene herzliche Bitte wiederhole, du mögest bei einer eventuellen definitiven Besetzung meiner jezigen Stelle Deinen Einfluß zu meinen Gunsten verwenden. Ich weiß dein Einfluß ist sehr groß und du wirst gewiß bei den Bundesräthen meine Wahl durchsetzen können, da du ja nur etwas befürwortest, was nach den Gesetzen des Rechtes und der Billigkeit gewährt werden kann. Ich glaube auch der Bundesrath wird an meiner Befähigung zu dieser Stelle nicht zweifeln, da ich bei meiner viel schwierigeren Mißion in Brasilien25 mir seine volle Zufriedenheit erworben habe.

Nun zu was Andrem. Die HHr. Werdmüller Vater26 und Sohn27 habe ich hier mehrmals gesehen. Der alte Herr ist körperlich noch sehr rüstig nur wird er etwas taub und fängt an eine Abnahme seines Gedächtnißes zu bemerken. Philipp ist fortwährend der unstäte Character von früher und hat es bis jezt, in seinem 50. Jahre, noch nicht dahin gebracht eine bestimmte, feste Stellung zu erlangen. Er fängt bald dieß, bald jenes an, hält nirgend aus und ist auch in der That wenig vom Glüke begünstigt. Schade um | seine gewiß großen Talente seine, Gradheit und seine Energie, daß er nicht in einer Stellung ist, in der er seine guten Eigenschaften verwerthen könnte. Eugenie28 wird sehr alt und hat jezt Zeit und Ruhe manche ihrer Jugendthorheiten zu bereuen. Hr v Werdmüller Vater erzählte mir vor wenigen Tagen er habe jüngst mit einem gewißen Hr Grimm29, Director einer der Eisenbahnen, der keine Ahnung hatte, daß er (Werdmüller) mit dir in einem verwandtschaftlichen Verhältniße stehe, von der Finanzlage Oesterreichs gesprochen. Grimm habe ihm im Verlaufe des Gespräches bemerkt, die Lage sei so trostlos, daß dem Staate nur noch geholfen werden könnte, wenn an der Spitze der Finanzverwaltung ein Mann stehen würde von den Talenten dem Character und der Energie von Dr Alfred Escher in Zürich. Hr. v.Werdmüller erzählte mir das mit sichtlichem Wohlbehagen und einem gewißen Stolze.

Vorige Woche war ein alter Herr v. Wattenwyl30 (von Murifeld) aus Bern hier. Wir sprachen viel von schweizerischen Zuständen und auch von dir. Er bat mich wenn ich dir einmal schreibe, dir zu sagen, daß du an ihm einen aufrichtigen Verehrer habest. Nun du siehst dein Name wird auch hier mit aller verdienten Anerkennung genannt.

Ich schließe diesen nun schon sehr langen Brief indem ich dir nochmals mit allem Freundesvertrauen meine Bitte ans Herz lege. Du würdest mich unendlich erfreuen wenn du mir bald wieder einige Zeilen schreiben würdest. Lebe recht herzlich wohl, mein theurer Freund, in alter, unveränderter Freundschaft

Dein treuer

Tschudi

Wien den 8. Nov. 1866.|

PS. Ich komme so eben von Hr. v. Beust31. Der Mann rettet gewiß Oesterreich nicht! Mir machte er keinen günstigen Eindruk; er hat zwar eine pfiffige, schlaue Physiognomie und hat bewiesen, daß er ein gescheuter Kopf, aber auch ein unglüklicher Politiker ist; aber ich vermiße in seiner Haltung seinem ganzen Ausdruke, und seinen Gesprächen Character. Oesterreich bedarf vor allem nur Charactere; mit gut geschriebenen Noten und einer Fuchspolitik geht es in Gottes Namen nicht. Beust wird sich nach meiner Ansicht Allem fügen, dem liberalsten Constitutionalismus so wie den reactionärsten Tendenzen und selbst dem Absolutismus je nachdem der Wind weht. Ich habe selten einen hochgestellten Mann gesehen, der mir so sehr den Eindruk einer «geschmeidigen Natur» machte wie Beust. Nun wir werden sehen wie sich die Verhältniße unter seiner Leitung gestalten. –

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Augusta Escher-Uebel war am 22. Juli 1864 im Alter von 25 Jahren gestorben. Vgl. NZZ, 23. Juli 1864; Jung, Aufbruch, S. 268–270.

3Escher war am 12. Juli 1865 zum Präsidenten der Kommission zur Revision der Bundesverfassung gewählt worden und hatte sich in der Wintersession des Nationalrats 1865 in mehreren Reden zu den einzelnen Artikeln der Bundesverfassung von 1848 geäussert. 1866 wurde die Bundesverfasssung teilrevidiert. Vgl. Prot. NR, 12. Juli 1865; NZZ, 27. Oktober 1865, 28. Oktober 1865, 29. Oktober 1865, 31. Oktober 1865, 2. November 1865, 4. November 1865, 5. November 1865, 7. November 1865, 10. November 1865; Jung, Aufbruch, S. 153, 1009.

4Placet (lat.): Es gefällt. Ausdruck der Zustimmung.

5Escher war am 19. Juli 1866 in die Nationalratskommission zur Einführung von Hinderladungsgewehren gewählt worden. Vgl. Bericht des Bundesrathes an die h. Bundesversammlung, betreffend die Einführung von Hinterladungsgewehren (vom 12. Juli 1866), in: BBl 1866 II, S. 307–313; Botschaft des Bundesrathes an die h. Bundesversammlung, betreffend die Einführung von Hinterladungsgewehren (vom 28. November 1866), in: BBl 1866 III, S. 231–256; Jung, Aufbruch, S. 153.

6Johann Jakob Tschudi lebte seit seiner Rückkehr von seiner letzten Brasilien-Forschungsreise anfangs 1862 wieder auf seinem Landsitz Jakobshof in Niederösterreich. Offenbar hatte er erst wieder mit seiner Ernennung zum provisorischen Geschäftsträger in Wien am 5. Oktober 1866 mit der Lektüre von Schweizer Zeitungen begonnen. Vgl. NZZ, 24. November 1861; Prot. BR, 8. Oktober 1866; ADB XXXVIII, S. 749–752; Zur Schweizer Aussenpolitik und Aussenhandelspolitik der 1850er und 1860er Jahre, Absatz 66.

7Gemeint ist die den Jesuiten zugeschriebene Maxime «Der Zweck heiligt die Mittel», wie sie beispielsweise von Sylvester Jordan in seinem 1839 erschienenen Buch «Die Jesuiten und der Jesuitismus» dargelegt wird. Vgl. Jordan, Jesuiten, S. 1–4.

8Odi profanum vulgus (lat.): Ich hasse das gemeine Volk.

9 Lykurg gilt antiken Quellen zufolge als Gesetzgeber von Sparta, da die Spartaner ihre politischen und rechtlichen Grundstrukturen einem einzelnen Gesetzgeber zugeschrieben haben. Es handelt sich jedoch um eine konstruierte Figur mit unsicherer Überlieferung. Vgl. Thommen, Sparta, S. 31–34.

10 Vgl. Der Bund, 12. November 1866, 13. November 1866.

11Brief nicht ermittelt.

12Es handelt sich um ein Memorandum, das Tschudi an Bundesrat Jakob Dubs gerichtet hat. Vgl. Tschudi, Auslandsvertretungen; Schazmann, Tschudi, S. 170; Zur Schweizer Aussenpolitik und Aussenhandelspolitik der 1850er und 1860er Jahre, Absatz 66.

13 Vgl. Der Bund, 3. Oktober 1866; St. Galler-Zeitung, 4. Oktober 1866.

14Tschudi hatte einen statistischen Bericht zuhanden des Bundesrats über den Geschäftsumfang sowie einen Bericht über die Geschäftspendenzen der Gesandtschaft in Wien erstellt. Vgl. Die Schweizerische Gesandtschaft in Wien (BAR E2, 1000/44-574), 24. November 1866; Prot. BR, 21. November 1866; Prot. BR, 28. November 1866.

15Der Nationalrat nahm in seiner Sitzung vom 13. Dezember 1866 den Minoritätsantrag von Louis Ruchonnet an. Vgl. NZZ, 16. Dezember 1866, 17. Dezember 1866, 19. Dezember 1866; Zur Schweizer Aussenpolitik und Aussenhandelspolitik der 1850er und 1860er Jahre, Absatz 70. – Zu Louis Ruchonnet, dem späteren Bundesrat, vgl. Altermatt, Bundesräte, S. 232–237; Meuwly, Ruchonnet; HLS online, Ruchonnet Louis; HBLS V, S. 731.

16Das politische Departement beschloss am 15. April 1867, einen ersten provisorischen Gesandtenposten in Berlin einzurichten. In Washington gab es seit 1822 ein Konsulat. Vgl. Procès-verbal de la séance du 17 avril 1867, in: DDS II, 17. April 1867, S. 107; Widmer, Schweizer Gesandtschaft.

17 Karl von Werther (1809–1894), preussischer Diplomat und Vertreter Bismarcks im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten in Berlin.

18Gemeint ist Graf Otto von Bismarck, den König Wilhelm I. von Preussen 1862 zum Ministerpräsidenten und Aussenminister eingesetzt hatte. Vgl. Ullrich, Bismarck, S. 59–60.

19Gemeint sind die Nationalratswahlen vom 28. Oktober 1866 im Hinblick auf die Bundesratswahlen vom 8. Dezember 1866. Vgl. Nationalratswahlen online.

20 Josef Martin Knüsel (1813–1889), Bundesrat (LU).

21 Constant Fornerod (1819–1899), Bundesrat (VD).

22 Karl Schenk (1823–1895), Bundesrat (BE).

23 Wilhelm Matthias Näff (1802–1881), Bundesrat (SG). – Näff wurde am 8. Dezember 1866 bei den Erneuerungswahlen des Bundesrats im dritten Wahlgang und nach der Verzichtserklärung des Glarners Joachim Heer im Amt bestätigt. Vgl. Altermatt, Bundesräte, S. 141.

24 Ludwig Eduard Steiger (1816–1866), ausserordentlicher Gesandter der Schweiz, ab 1856 ständiger Geschäftsträger in Wien.

25Tschudi war von 1859 bis 1861 als ausserordentlicher Gesandter für die Schweizer Kolonisten in Brasilien tätig gewesen. Vgl. ADB XXXVIII, S. 750–751.

26 Philipp Heinrich Werdmüller (1792–1880), eidgenössischer Stabshauptmann, Kaufmann. – Werdmüller hatte 1813 Eugenia Ursula Werdmüller-Zollikofer (1794–1832), die ältere Schwester von Lydia Escher-Zollikofer, geheiratet. 1821 siedelte er mit seiner Familie von Zürich nach Wien über und hatte in Pitten (Niederösterreich) eine Papierfabrik gegründet, die er bis 1856 erfolgreich betrieb. Vgl. Genealogie Zollikofer (StATG C 0'1, 5); Weisz/Werdmüller, Werdmüller II, S. 357–358, III Stammtafel, S. 21.

27 Philipp Otto Werdmüller (1815–1891), Sohn von Eugenia Ursula Werdmüller-Zollikofer und Philipp Heinrich Werdmüller. – Werdmüller war Kunstsammler und führte ein zurückgezogenes Leben als Rentner, nachdem 1859 seine Frau Louise Carolina Werdmüller-Osterried und seine Tochter kurz nacheinander gestorben waren. Vgl. Weisz/Werdmüller, Werdmüller II, S. 358, III Stammtafel, S. 21.

28 Catharina Ludovica Eugenia Werdmüller (1821–1895), Tochter von Eugenia Ursula Werdmüller-Zollikofer und Philipp Heinrich Werdmüller. – Catharina Ludovica Eugenia Werdmüller blieb zeitlebens ledig. Vgl. Weisz/Werdmüller, Werdmüller II, S. 358, II Bildtafel XXXII, III Stammtafel, S. 21.

29Person nicht ermittelt.

30Es dürfte sich um Ludwig Salomon Friedrich von Wattenwyl (1799–1877) handeln, Artilleriehauptmann, ab 1832 Berner Stadtrat und ab 1844 Burgerrat. – Wattenwyl war das einzige Kind von Franz Friedrich von Wattenwyl (1753–1838) und Rosina Elisabeth Fischer (1766–1835) und hatte von seinem Vater das Gut im Murifeld geerbt. Vgl. Braun, Familie von Wattenwyl, S. 194; HLS online, Wattenwyl, Franz Friedrich von.

31 Friedrich Ferdinand von Beust (1809–1886), österreichischer Aussenminister. – Beust hatte Alexander von Mensdorff-Pouilly (1813–1871), österreichischer Aussenminister (1864–1866), am 3. November 1866 im Amt abgelöst. Vgl. Prot. BR, 7. November 1866; Der Bund, 8. November 1866; Schreiben Johann Jakob Tschudi an BR, 19. Dezember 1866, in: DDS II, S. 80–82. – Zur Aussenpolitik von Friedrich Ferdinand von Beust vgl. Rogainis, Beust; Potthoff, Beust.