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Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Wilhelm von Graffenried

AES B2172 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#229*

Karl Wilhelm von Graffenried an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 1. November 1866

Schlagwörter: Nationalrat, Wahlen

Briefe

Mhherrn Präsidenten Dr A. Escher,
Montreux.

fr.1

Hochgeachteter Herr Präsident,

Ich hatte die Ehre, Ihnen am 25. October zu schreiben, und hiesige Muthmaßungen im Betreff der Nationalrathswahlen mitzutheilen. Erst heute bin ich im Stande, Ihnen das offizielle Ergebniß des ersten Wahlganges im Mittellande zur Kenntniß zu bringen, daßelbe ist Folgendes:

absolutes Mehr: 3266
Stimmen erhielten: v. Büren 3995 Weber 2657
Brunner 3330 Graffenried 2511
Gonzenbach 3329 Stämpfli 2260
Steiner 3204 Schärer 2052

Für den zweiten Wahlgang am nächsten Sonntag werde ich Steiner gegenübergestellt. Es hat den Anschein, als rüste sich die liberale Partei zu einem etwas ernsteren Kampfe. Die Wähler des Amtes Schwarzenburg, welche bis 700 Stimmen in radicalem Sinne abzugeben im Stande sind, hatten am letzten Sonntag nur 250 geliefert; sie werden nun aufgefordert, sich zahlreicher zu betheiligen: ob mit Erfolg, wird sich zeigen. Ich habe nicht jede Hoffnung aufgegeben; die, welche mir bleibt, ist aber sehr gering. Zwar bemüht sich Schenk jetzt sehr um meine Wahl; in der Stadt Bern soll meine Sache nicht übel stehen; selbst einige Jung-Radicalen unterstützen nun meine Candidatur. Allein die Gegner entwickeln eine im Ganzen weit nachdrücklichere und weit kräftigere Thätigkeit. Im Amte Seftigen soll seit 14 Tagen auf Kosten der conservativen Candidaten in vielen Wirthschaften unentgeldlich ausgeschenkt werden. |

H. Steiner steht durch seinen Getreidehandel mit vielen Bauern im Wahlkreise in beständigem Verkehr, so daß es schwierig sein dürfte, seinen Einfluß zu überbieten. Mir würde es übrigens widerstreben, die für ihn angewendeten Mittel nachzumachen.

Vor der Aufstellung der conservativen Wahllisten wurde Fürsprech König von seinen Parteigenoßen angefragt, ob er eine Candidatur annehmen würde oder nicht. Herr König erklärte sich dem officiellen Wahlcomite gegenüber in bejahendem Sinne. Das Comite aber portirte nun H. Steiner, & zwar ohne H. König einer Entschuldigung oder auch nur einer Anzeige gewürdigt zu haben.

In den bernischen Wahlkreisen außer dem Mittellande sind die Wahlen so ziemlich wie vorgesehen ausgefallen. Jolissaint wurde nicht, dagegen Migy gewählt. Karlen, Scherz & Seiler sind noch nicht gewählt, aber bedeutend im Vorsprunge. Zyro in Thun ist gewählt. V. Känel ist mit nur 100 Stimmen durchgefallen. Von Niggeler & Dr Schneider ist nicht die Rede.

Ich hoffe von Herzen, die tägliche Beßerung Ihres Catarrhes ist seit meiner Rückkehr in Bern ununterbrochen fortgeschritten. Die herrliche Stimmeneinheit, mit welcher Sie gewählt worden sind, & an welcher ich nicht zweifelte, hat mich innig gefreut. Selbst der «Landes-Courier» zollt Ihnen seine Anerkennung.|

Nächste Woche werde ich Ihnen neuerdings zu schreiben mir erlauben. Inzwischen bitte ich Sie, den Ausdruck meiner vollkommensten Hochachtung & dankbaren Anhänglichkeit zu genehmigen.

C Wilhelm von Graffenried

Bern, 1. November 1866.

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