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Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Kunz-Rebsamen

AES B2170 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#322*

Rudolf Kunz-Rebsamen an Alfred Escher, s.l., Montag, 22. Oktober 1866

Schlagwörter: Bundesfinanzen, Bundesrat, Bülach-Regensberg-Bahn (BRB), Eisenbahnen Bau und Technik, Expropriationen, Gotthardbahnprojekt, Krankheiten, Kuraufenthalte, Liberale Presse, Nationalrat, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Wahlen, Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ihre lieben Zeilen vom 15. dieß, womit Sie mich beehrten, erfreuten mich außerordentlich, da denselben so viel Beruhigendes über Ihren Gesundheitszustand zu entnehmen ist, daß Ihre baldige vollständige Wiederherstellung wohl mit begründeter Hoffnung erwartet werden darf. Das herrliche Herbstwetter, in Verbindung mit dem Einflusse des ohnehin milden Clima's & der reizenden Natur v. Montreux, sowie der nothwendigen Ruhe von den Geschäften wird auf Ihr spezielles Leiden bald zu heben geeignet sein. Die vielen, von verschiedenen Seiten an mich gerichteten Anfragen über Ihr Befinden – die das große Interesse beweisen, welches Allgemein an Ihrer Wiedergenesung genommen wird – werde ich daher, zu Aller Freude, in beruhigendem Sinne beantworten können. Gestern sprach mich Hr. Major Wehrli in Altstätten an: derselbe läßt Ihnen in bekannter Freundschaft speziell seine herzlichsten Wünsche für baldige Genesung zukommen & Sie bitten, sich doch nicht zu bald wieder an die Geschäfte machen zu wollen.

Bei der Nordostbahn geht's den gewohnten regelmässigen Gang. Die Einnahmen sind brillant. Die zwei ersten Wochen dieses Monates erzeigen ca f 50,000 Mehreinnahmen gegen 1865 (f 44000 NOB, f 6000 Zürich– Zug–Luzern; einzig bleibt Bülach–Regensberg zurück)

Betr die Linie RorschachRomanshorn, hat Hr Tobler die vorige Woche vorläufige Expropriationsunterhandlungen in Rorschach gepflogen, jedoch ohne großen Erfolg. Nur 4 Expropriaten der obern Linie geben verbindl. Anerbietungen ab; die übrigen behielten sich entweder Bedenkzeit vor od: stellten so exorbitante Forderungen, daß man auf dieselben zum Voraus nicht eingehen konnte.|

Es soll damit hauptsächl. ein Abgehen von dem obern Projecte erzielt werden wollen, das in Rorschach allgemein verpönt sei. Hr Tobler wird seine Bemühungen zur Vollziehung des ihm ertheilten Auftrages fortsetzen. – Auf ein an die Generaldirection der VSBahnen gerichtetes Ansuchen um Mittheilung der Baukostensumme für den Bahnhof Rorschach hat dieselbe vorläufig im ablehnenden Sinne geantwortet, jedoch sich vorbehalten, sachbezügl. Mittheilungen zu machen, wenn sie ihre Rechnungen noch nähergeprüft habe & sie auch den Zweck unseres Gesuches näher kenne.

Ueber den Bahnhof Schaffhausen wird Ihnen Hr. Fürsprech Ehrhardt ohne Zweifel bei seinem Dortsein nähern Bericht erstatten.

Nun zu den Nationalrathswahlen. Ich hätte Ihnen darüber bälder geschrieben, wäre es mir möglich gewesen, Ihnen etwas Zuverlässiges in Sachen mittheilen zu können. Was in den äußern Bezirken geht, wissen Sie ohne Zweifel aus der N.ZZ. Vom II. Wahlkreis verlautet noch nichts. Gestern soll eine Vorversammlung des IV. Kreises in Dielstorf stattgefunden haben, welche die Namen von Dr Sulzer, Dr Scheuchzer, Statthalter Meier, Sal. Volkart & für Andelfingen (neben Schenk) noch Gerichtspräsident Fehr portiren will. Scheuchzer wird kaum reussiren, da seine schwierige Affaire (s. N.ZZ.) gewiß ihm manchen Wahlfreund entzogen hat. Uebrigens garantiren kann man für nichts. – Den I. Wahlkreis anlangend, so kann ich Ihnen mittheilen, daß die offene Erklärung von Oberst Ziegler in der N.ZZ. im Allgemeinen sehr ungünstig aufgenommen wird. Und mit Recht – dieser Mann hat sich überlebt, paßt nicht mehr recht in das Getriebe us. Zeit| & sein Aerger & Mißmuth fangen an geradezu jedermann lächerlich vorzukommen. Es ist überhaupt gut, daß dieser Popanz einmal auf seine wirkliche Größe bezw. Nichtgröße reduzirt wird.

Die unter dem Präsidium des Hr. Dr Rüttimann gestern im Schützenhause abgehaltene Vorversammlung der Wähler des I Kreises war nicht stark besucht. Ich war während der Einleitungsrede des Herrn Präsidenten in den Saal gekommen, war also nicht am Anfang anwesend; der spätern Verhandlung glaubte ich aber entnehmen zu können, daß die Einleitung der Versammlung sich fast lediglich darauf beschränkt hat, darauf anzutragen, Herrn Dr A Escher, Bundesrath Dubs & RR Treichler als selbstverständlich zu Wahlcandidaten vorzuschlagen & für die 4. Candidatur einen Zweiervorschlag in dem Sinne zu machen, daß, nachdem Hr Dubs in den Bundesrath wiedergewählt & somit in dem NatRath wieder zu ersetzen sei, dann derjenige der zwei, welcher bei den ordentl. Integralwahlen nicht gewählt werde, die Stimmen der Wähler für die Ersatzwahl erhalten soll. – Gewiß kein Mensch weniger als ich zieht die Gesinnungstüchtigkeit des Herrn Dr Rüttimann, den Tact & die hohe Unpartheilichkeit desselben in Zweifel. Aber es gibt öfters Sachen, deren Beurtheilung so sehr vom Standpuncte der individuellen Ansichten aus stattfindet, daß es für den Einzelnen schwer ist, mit Ueberzeugung auch für Andere zu sagen, ob das eingeschlagene Verfahren zweckmässig – klug oder ob es nicht so sei. Ich meinerseits fühlte sofort heraus, daß, natürlich ohne Absicht, der Versammlung ein gewisser moralischer Zwang aufgelegt zu werden schiene durch den Vorschlag des Herrn Präsidenten, was der| malcontenten (theilsweise in der Versammlung vertretener ) Presse Gelegenheit zu Ausfällen nach ihrer bekannten Art bieten werde. Ob dieses so ist, werden wir später sehen. Aber so etwas muß man auch in der Versammlung selbst gefühlt haben, denn es wollte sich keine Discusion, wie sie von Jedem herbeigewünscht werden mußte, entwickeln: sie war ja zum Theil durch den Vorschlag des Herrn Präsidenten abgeschnitten worden. Ohne also ein anderes Votum schritt man zu den Vorschlägen zur 4. Wahlcandidatur bezw. zu derjenigen für die eventuelle Ersatzwahl (für Hrn. Dubs) Während des Einsammelns der Stimmzeddel erhob sich nun aber Hr. Peter, Verwalter der linkseitigen Dampfschifffahrt in Horgen mit dem Bemerken, daß er, wenn auch etwas & vielleicht zu spät, sich doch mit diesem Gange der Vorversammlung nicht einverstanden erklären könne. Wenn man auch allgemein darüber einig gehe, Hrn Dr Escher, Herrn Dubs & Herrn Treichler wieder vorzuschlagen, so erheische doch die große Bedeutung dieser Wahlen, daß man sich über ein gewisses Programm auf Representation in Bern klar machen sollte, welches im Einklange mit den Intentionen der Wähler stehe. Er theilte dann dieses Programm in äußere & innere Politik. Bezügl. der äußern Politik sei er mit der bisherigen Haltung der zürch. Representanten einverstanden, er verlange nur, daß man sich nicht vor ausländischen Einflüssen beuge, sondern fest etc: auftrete. Auch die innere Politik der zürch. Representation sei sachentsprechend gewesen, jedoch glaube er vor Handlungen im Sinne einer größern Centralisa| tion & erdrückenden Ausgabenbelastung des Bundes (durch Gotthard!) abrathen zu sollen. Schließlich befürwortete er die Candidatur des Herrn Julius Stapfer in Horgen (Bruder des Oberst Stapfer) & verlangte noch Auskunft über Hrn. Dr Zangger Director der Thierarztneischule, da er die schweizerische Politik derselben nicht kenne. – Herr Dr Rüttimann, nachdem derjenige Bürger, der Herrn Zangger vorgeschlagen, denselben in unbedeutenden Worten gepriesen, nahm hierauf das Wort, um in wenigen Zügen die von den zürch. Representanten eingehaltene innere & äußere Politik darzulegen & – Jedermann wird das Nämliche sagen müssen – es ist ihm dieß ganz vortrefflich gelungen. Hoffentlich wird die NZZ. diese ausgezeichnete Improvisation bringen. Ich beschränke mich daher auf darauf zu bemerken, daß sie, wie ich wahrnahm, allgemein überzeugend gewirkt hat. Eine weitere Discusion folgte nicht.

Die Abstimmung ergab eine Mehrheit von Stimmen für Herrn Schmid in Gattikon (der wahrscheinl. wegen der Erwählung seines Schwagers & Associé Hr Henggeler in Zug nicht annehmen würde) Hrn. Julius Stapfer & Hrn. Dir. Zangger. Vereinzelte Stimmen erhielten Hr. Dir. Stoll (8), Hr. Dr Eugen Escher (8) etc: Damit schloß die Versammlung, indem noch ausgemacht wurde, daß das Ergebniß derselben in den öff Blättern bekannt gemacht werde.

Im Ganzen habe ich bis jetzt den Eindruck| empfangen, daß, in us Bezirke wenigstens, eine außerordentliche Betheiligung an den Wahlen nicht zu erwarten steht. Und warum? Weil man bezügl. der drei ersten Wahlen einig ist & keine Opposition mit Gegenvorschlägen dasteht & weil hinsichtl. der 4. Wahl noch keine abgeklärte Meinung vorhanden ist. So sonderbar man diese Ansicht halten mag & so wenig hoch man dabei das Bewußtsein der Wähler über die Hochwichtigkeit dieser Wahlen anzuschlagen versucht ist, so kann ihr bei näherer Betrachtung der frühern & jetzigen Haltung der Wählerschaft eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden. Möge ich mich getäuscht haben!

Wenn ich bestimmtere Mittheilungen vor den Wahlen noch machen kann, werde ich nicht ermangeln, Ihnen sofort Bericht zu erstatten. –

Sie haben die Freundlichkeit, nach dem Befinden meiner Familie & von mir zu fragen. Ich bin so glücklich Ihnen das beste Wohlsein Aller melden zu können. Gestatten Sie mir aber auch das Geständniß, daß wir sehr oft in us Familiengesprächen Ihrer in hochachtbarer Theilnahme gedenken & den lebhaften Wunsch aussprechen, Sie möchten doch recht bald wieder ganz gesund & gekräftigt zu Ihrer hochachtbaren Familie zurückkehren können. Meine Familie bittet Sie die Versicherung ihrer hochachtungsvollen Gesinnung genehmigen zu wollen.|

Genehmigen Sie, Hochgeachteter Herr Präsident, auch meinerseits die erneuerte Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung & treuesten Anhänglichkeit

R Kunz

Bleicherweg, 22 Oct
1866.

M Hochgeachteten Herrn Präsident Dr A. Escher Montreux.