Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Schenk

AES B2150 | CH-BAR#J1.165#1983/44#67*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 73

Alfred Escher an Karl Schenk, Zürich, Freitag, 9. Februar 1866

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, European Central Railway Limited (ECR), Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Tunnelbau, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Hochgeachteter Herr Bundesrath!

Gestern hatte ich, wie vorausgemeldet, Gelegenheit, mit den HH. Stehlin, Vigier1 & Peyer im Hof über die Frage Rücksprache zu nehmen, ob die Anordnung einer Eidg. Expertise betr. die Leistungen der Centraleuropäischen Gesellschaft2 vor der am 19. dß. beginnenden Bundesversammlung im Interesse der Gotthardbestrebungen sein dürfte. Es gab sich die einmüthige Ansicht Kund, es sei wünschbar, daß diese Maaßregel ergriffen werde.3 Erscheint es angezeigt, in der bevorstehenden Bundesversammlung auf Zurückziehung der | Conzessionsgenehmigung zu dringen, so kann wenigstens die Einrede nicht entgegengesetzt werden, es existire keine Expertise neusten Datums. Sollte es dagegen zweckmäßiger erscheinen, in der nächsten Bundesversammlung die Annullirung der Conzession Sillar nicht zu urgiren, so wird es nicht schwer sein, dieser Politik Statt zu geben, auch wenn eine neue Eidgenössische Expertise erhoben worden ist. Ich möchte Sie also ersuchen, die Vornahme einer Eidgenössischen Expertise noch vor der nächsten Bundesversammlung veranlassen zu wollen.4

Der Bericht, den Peyer im Hof über die Vorgänge im Tessin in der gestrigen Ausschußsitzung erstattet | hat5, ließ uns in einen Pfuhl von Verkommenheit des öffentlichen Lebens blicken, der als ein eigentlicher Schandfleck für die Schweiz bezeichnet werden muß.

Es ist Aussicht vorhanden, daß die Italienische commerzielle Commission noch diese Woche einen dem Gotthard günstigen Spruch thun & daß auch in Deutschland ein namhafter Schritt im Sinne unserer Bestrebungen gethan werden wird.6

Der Mont Cenis Tunnel ist im J. 1865 um 1200 Meter vorgerückt. Grattoni7, der die Arbeiten leitet, hat in seinen offiziellen Bericht an das Ministerium8 die Erklärung aufgenommen, es werde im J. 1871 die Locomotive durch den Mont Cenis Tunnel | fahren. Derselbe Grattoni, der competenteste Mann in der Materie der großen Tunnel, hat Koller gesagt, er glaube die Garantie für den Bau des Gotthardtunnels in 10 Jahren um 71 Millionen Franken übernehmen zu können. Grattoni hat in letzter Zeit einschlägige Versuche mit Gotthardgranit anstellen lassen.

Genehmigen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von
Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Zürich
9. Febrr 1866.

Kommentareinträge

1 Josef Wilhelm Vigier (1823–1886), Regierungsrat und Ständerat (SO), Bundesrichter, Ersatzmann des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung, Verwaltungsrat der Solothurner Bank.

2Die European Central Railway Limited (ECR) in London hatte vom Bundesrat am 17. Februar 1865 die Genehmigung zur Übernahme der im Sommer 1863 an Robert George Sillar erteilten Konzession für die Tessiner Talbahnen (Linien ChiassoBiasca und BellinzonaLocarno) erhalten. Vgl. Bericht der Minderheit der nationalräthlichen Kommission in Sachen der Tessiner Eisenbahnen (Motion Weber) (vom 21. Juli 1865), in: BBl 1865 III, S. 425–426; Prot. BR, 23. Januar 1865; Prot. BR, 10. Februar 1865; Alfred Escher an Karl Schenk, 15. Mai 1864.

3Nachdem sich die Regierung des Kantons Tessin im November 1864 «über die Langsamkeit des Vorrükens der Arbeiten an der teßinischen Eisenbahn» beklagt hatte, beauftragte der Bundesrat mit Beschluss vom 28. Juli 1865 die Ingenieure Bridel und Kocher, den Stand der von der European Central Railway Limited ausgeführten Arbeiten zu untersuchen. Aufgrund der unbefriedigenden Resultate des Berichts lud der Bundesrat die Tessiner Regierung am 22. November 1865 ein, der European Central Railway Limited mit dem Konzessionsentzug zu drohen, falls die Arbeiten nicht mit voller Kraft angegangen und ein befriedigender Finanzausweis geleistet würde. Ein per Ende 1865 von seiten der Tessiner Regierung übermachter Bericht über die Arbeiten an den Tessiner Bahnen fiel erneut unbefriedigend aus. Prot. BR, 20. Januar 1865. Vgl. Prot. BR, 28. Juli 1865;Bericht des Bundesrathes an die h. Bundesversammlung über den gegenwärtigen Stand der Eisenbahnen im Tessin (vom 30. November 1866), in: BBl 1866 III, S. 312–317.

4Schon am 10. Februar 1866 erteilte das von Schenk geführte Departement des Innern Ingenieur Kocher den Auftrag zu einer neuen Untersuchung über den Fortgang der Arbeiten im Tessin. Kocher stellte in seinem dem Bundesrat am 19. Februar 1866 erstatteten Bericht fest, dass die Arbeitsstellen im Tessin seit August 1865 «ohne Erweiterung» geblieben seien, weshalb mit einer fristgerechten Vollendung derselben auf den 20. Januar 1867 nicht gerechnet werden könne. Bericht des Bundesrathes an die h. Bundesversammlung über den gegenwärtigen Stand der Eisenbahnen im Tessin (vom 30. November 1866), in: BBl 1866 III, S. 317–320.

5 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 8. Februar 1866.

6 Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 8. Februar 1866; Die Gotthardvereinigung, Absatz 8.

7 Severino Grattoni (1815?–1876), italienischer Ingenieur, Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer; zusammen mit den Ingenieuren Germano Sommeiller (1815–1871) und Sebastian Grandis (1817–1892) führend am Bau des 1871 eröffneten Mont-Cenis-Tunnels beteiligt.

8Dokument nicht ermittelt.