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Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Schenk

AES B2149 | CH-BAR#J1.165#1983/44#67*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 72

Alfred Escher an Karl Schenk, Zürich, Dienstag, 6. Februar 1866

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Zürich 6. Februar 1866.

Hochgeachteter Herr Bundesrath!

Ihre verehrl. Zeilen von gestern1 sind mir richtig zugekommen. Ich war eben im Begriffe, rückantwortlich die Ansicht auszusprechen, daß Vornahme einer Eidg. Expertise vor der nächsten Session der Bundesversammlung angezeigt sein dürfte, als ich von Freund Peyer das nachfolgende Telegramm2 erhielt: «Großer Rath von Tessin hat Rücktritt von der Gotthardvereinigung beschlossen.3 Die von Hudson4 versuchte Combination5 ist am Widerstande der Camorra6 gescheitert. Wir (ich den| ke, es sei darunter Peyer & Hudson zu verstehen) reisen ab.» Dann gibt Peyer noch die Absicht Kund, der künftigen Donnerstag Statt findenden Sitzung des Gotthardausschusses beizuwohnen, um in derselben Bericht zu erstatten.

Ich enthalte mich jeder Betrachtung über den Inhalt dieses Telegrammes; ich denke, es werde dasselbe in uns beiden die gleichen Empfindungen hervorrufen. Ich bin übrigens weit entfernt, um dieses unqualifizirbaren Vorganges willen die Gotthardsache als verloren anzusehen. Hingegen scheint mir die Berichterstattung Peyer's | über die Situation abgewartet werden zu müssen, bevor ein reifes Urtheil über die Wünschbarkeit einer Eidgenössischen Expertise in dem gegenwärtigen Augenblicke abgegeben werden kann. Ich werde daher, wenn Sie es erlauben, am künftigen Freitag neuerdings zu schreiben das Vergnügen haben.

Ihre Mittheilungen betreffend die Stellung, welche die Regierung von Bern zu der Gotthardvereinigung einzunehmen beabsichtigt7, haben mich sehr gefreut.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Telegramm nicht ermittelt.

3Nachdem der Grosse Rat des Kantons Tessin am 14. Mai 1864 beschlossen hatte, die Gotthardübereinkunft zu ratifizieren und damit der Gotthardvereinigung beizutreten, entschied er sich in seiner Sitzung vom 5. Februar 1866 mit 50 gegen 20 Stimmen, von derselben wieder zurückzutreten. Vgl. Processi verbali del Gran Consiglio, 5. Februar 1866 (S. 641–642, 647–648); Alfred Escher an Karl Schenk, 15. Mai 1864; Die Gotthardvereinigung, Absatz 10.

4 James Hudson (1810–1885), ehemaliger ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister Grossbritanniens in Turin.

5Im Januar 1866 bahnte sich eine Verständigung zwischen der Gotthardvereinigung und dem ebenfalls an einer Gotthardbahn interessierten Hudson an. Die beiden Parteien reichten gemeinsam ein neues Konzessionsgesuch für den Gotthard und die Tessiner Talbahnen ein, welches sich jedoch «um der z. Z. im Groß. Rat des Kts Tessin obwaltenden Verhältnisse willen nicht habe zur Ausführung bringen lassen» . Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 8. Februar 1866. Vgl. Peyer im Hof, Alpenbahnfrage, S. 21–41; NZZ, 10. Februar 1866.

6Die Bezeichnung «Camorra» wurde im Tessin für diejenigen Personen verwendet, welche der Gotthardvereinigung ursprünglich wohlwollend gegenüberstanden, sich jedoch im Zuge eines Disputs um das Bauunternehmen Pietro Genazzini und Compagnia mit der Gotthardvereinigung zerstritten und in der Folge «eng verbrüdert mit den Freunden des Lukmanier gegen alle Diejenigen, welche den Gotthard [...] wollen und darum [...] die Bestrebungen des Gotthard-Komite unterstützen, bis zum heutigen Tag zu Feld gezogen sind» . Peyer im Hof, Alpenbahnfrage, S. 12–14.

7Die Finanzdirektion des Kantons Bern erklärte am 9. Dezember 1865, dass sie die Realisierung einer Grimselbahn nicht mehr für möglich halte. Bern müsse sich dem Gotthardprojekt zuwenden und dieses mit einer Subvention von 1,5 Mio. Franken unterstützen. Der Berner Regierungsrat schloss sich am 13. Dezember 1865 diesem Antrag der Finanzdirektion an. Vgl. Volmar, Alpenbahnpolitik, S. 111; Die Gotthardvereinigung, Absatz 12.