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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2145 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 10. Dezember 1865

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Berufsleben, Bundesgericht, Familiäres und Persönliches, Krankheiten

Briefe

Glarus den 10. Decbr. 1865.

Mein theurer Freund!

Indem ich Dir Deine freundliche Theil nahme an dem Befinden meiner l. Frau auf's herzlichste verdanke, will ich Dir sehr gerne nähere Auskunft darüber ertheilen. Als ich von Bern nach Hause zurückkam, traf ich sie leider recht krank an, in einem Zustande von Nervenschwäche u. Abspann ung, der mich nicht wenig erschreckte. Eine Erkältung war die Ursache ihres Uebelbefindens, welches anfäng lich einen rheumatisch-biliösen Charakter hatte, bald aber ihren Nerven sich mittheilte, die bekanntlich ihre empfindlichste Seite sind. Sie litt namentlich an einem sehr starken u. schmerzhaften Druck im Kopfe, der sie ganz niederbeugte, u. an einem Augen übel, das sie besonders beunruhigte, indem sie näm | lich in etwelcher Entfernung alle Gegenstände doppelt, u. auch in der Nähe nichts recht klar sah. In den drei Wochen, die nun seit meiner Rückkehr verflossen sind, hat sich in beiden Beziehungen ihr Zustand, wenn auch langsam, doch ganz entschieden gebessert. Sie bringt nun wieder den ganzen Tag außer dem Bette zu, ihre Schwäche nimmt zusehends ab, die Kopfschmerzen stellen sich nur selten noch u. nicht mehr in so heftigem Grade ein, u. endlich, freilich erst seit wenigen Tagen, scheint auch die Sehkraft wieder in ihren normalen Zustand zurückkehren zu wollen. Ueber den letztern, allerdings wichtigen Punkt hat Dr. Streiff mit Prof. Horner kor respondirt u. die von beiden Aerzten verordneten Mittel scheinen ihre gute Wirkung nicht zu verfehlen.

Wenn ich nicht bei gegenwärtiger Sachlage ge gründete Hoffnung hätte, daß nach 8 Tagen meine l. Frau beinahe völlig wiederhergestellt seyn wird, so würde ich überhaupt nicht in's Bundesgericht kommen, sondern statt meiner einen der zahlreichen Suppleanten einrücken | lassen, welche nichts Besseres verlangen als einberufen zu werden! So aber werde ich, wenn nicht ein unerwarteter Rückfall eintritt, in Zürich mich einfinden u. freue mich recht sehr darauf, während der Bundesgerichtswoche hin u. wieder mit Dir zusammenzutreffen. Dagegen kann ich Deiner gütigen Einladung, in Belvoir zu logiren, nicht entsprechen u. hoffe, du werdest mir dieß um so weniger verübeln, als ich auch bei frühern Sitzungen des Bundesgerichtes nicht bei Dir ge wohnt habe. Du weißst sehr wohl, daß man bei solchen Sitzungen (u. namentlich bei Gerichtssitzungen) kein freier Mann ist: des Morgens muß man früh an die Arbeit, u. wann man zu Mittag essen kann, ob schon um 12 oder erst um 5 Uhr, das weiß man nie voraus; es wäre daher nicht anders möglich, als daß man die ganze Hausordnung stören würde, wollte man in einem Privathause logiren. Dazu kommt noch, daß ich in den Nachmittagsstunden sehr viele Besuche in Zürich zu machen haben werde, die ich| zum Theil auf diesen Anlaß verspart habe; Du wirst begreifen, daß auch in dieser Beziehung es nicht recht für mich passen würde, in Belvoir zu logiren. Dagegen kannst Du darauf zählen, daß ich wohl schon Montag Abends Dich u. die werthen Deinigen in Belvoir besuchen werde; ich freue mich namentlich auch darauf, zu sehen, wie sich Deine Tochter entwickelt!

Auf Betrachtungen über politische Fragen will ich mich gegenwärtig nicht einlassen, da sich im münd lichen Verkehre dazu hinlänglicher Anlaß finden wird. Was die Alpenbahnfrage betrifft, so ist es mir am lieb sten, wenn ich bis zum nächsten März gar nichts mehr davon hören muß!

Mit vielen Empfehlungen an Deine verehrte Frau Mutter, Schwiegermutter u. Schwester grüßt Dich

herzlich

Dein treuer Freund

J J Blumer.