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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Feer-Herzog

AES B2143 | ZBZ FA Escher vG 207.102a (Mikrofilm)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 71

Alfred Escher an Carl Feer-Herzog, Zürich, Donnerstag, 7. Dezember 1865

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Compagnie des chemins de fer de l'Est (französische Ostbahn) (EST), Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Zürich 7. Dezember 1865

Hochgeachteter Herr!

Ihr mir gestern Abend zugekommenes Telegramm1 mahnt mich gewissermaßen an Nachrichten über den gegenwärtigen Stand der Alpenbahnfrage, welche Sie von mir zu gewärtigen haben. Wenn ich mich nicht irre, so bestand unsere Verabredung darin, daß, wenn gemäß der weitern Entwicklung der Dinge in der politischen & in der finanziellen Richtung Schritte in Paris als angezeigt erscheinen, ich Sie hievon benachrichtigen & Ihre gef. Mitwirkung in Anspruch nehmen soll. Da nun der gegenwärtige Stand | der Dinge solche Schritte nicht erheischt, so bin ich Abrede gemäß auch nicht an Sie gelangt. Nichts destoweniger mache ich mir in Folge des von Ihnen geäußerten Wunsches ein Vergnügen daraus, Sie von den in der Alpenbahnfrage zur Zeit obwaltenden Verhältnissen in übersichtlicher Weise zu benachrichtigen.

Die Subventionsfrage2 anlangend beehre ich mich, diesen Zeilen die Abschrift eines Schreibens3 beizulegen, das ich unter dem 29. v. M. im Auftrage des Gotthardkomité an Hr von Roggenbach abgehen ließ. Der Operationsplan, der hinsichtlich der Subventionen nach der Ansicht des Comité's befolgt werden sollte, ist | in dem Schreiben einläßlich dargelegt.4 Ich habe fortwährend Hoffnung, daß dieser Plan werde durchgeführt werden können, obgleich mancherlei unerwünschte Wechselfälle sich in den Weg stellen, zu denen ich namentlich den Gesundheitszustand des Königs der Belgier5 & die Gefährdung der Stellung des Holländischen Premier's Thorbecke6 rechne. 7 Ich erwähne hier noch, daß gemäß einem mir gestern Abend zugekommenen Berichte8 des Hrn. Schmiedlin9 der Endentscheid der Italienischen commerziellen Commission doch ein für den Gotthard günstiger sein dürfte.10

Betreffend die Tessin'sche Conzession für den Gotthard ist nur Beklagenswerthes zu melden.11 Man hat es im Tessin mit nur wenigen Männern | von Einsicht & Character, zumeist aber mit Kindern & direct oder indirect Bestochenen zu thun. Weit entfernt, es natürlich zu finden, daß, wenn man eine Combination für den Gotthard zu Stande bringen will, der Lucmanier wenigstens für einige Zeit ausgeschlossen werden muß12, ist nun die sich Gotthardfreundlich nennende Gaz. Ticinese auf den scharfsinnigen Gedanken gekommen, der Ctn. Tessin möge zwar auf den Lucmanier zeitweilig verzichten, das Gotthard comité habe aber dem Ctn. Tessin für dieses große Opfer eine bedeutende Geldentschädigung zu leisten!! Es genügt, diese Eine Thatsache anzuführen, um Ihnen den Barometerstand | der Geister im Tessin zu kennzeichnen. Das Comité nimmt den Standpunct ein, man müsse den Dingen im Ctn. Tessin ihren Gang lassen, in der Meinung daß unter veränderten Verhältnissen die gleichen Personen, die jetzt das unerbauliche Gewebe, welches in Arbeit steht, zu Stande zu bringen beschäftigt sind, dasselbe wieder ebenso emsig auflösen werden. So lange von allen möglichen Alpen pässen die Rede ist, werden die Tessiner nicht bloß mit Einem vorlieb nehmen zu können glauben. Wenn aber einmal die in sicherer Aussicht stehende Situation, daß nur noch Ein Alpenpaß auf den Tractanden steht & dieser Eine mit den größten | Schwierigkeiten zu kämpfen hat, vorhanden sein wird, dann wird mit mehr Aussicht auf Erfolg als heute auch mit den Tessinern eine nüchterne Sprache geführt werden können!

Die Bildung einer Gesellschaft für die Ausführung des Gotthard endlich anlangend sind bis anhin greifbare Resultate nicht erzielt worden.13 Warme Freunde des Gotthardprojectes in den finanziellen & eisenbahnlichen Kreisen Deutschland's haben es sich nicht nehmen lassen wollen, in Sachen den Frankfurter Rothschild14 zu sondiren. Bis zur Stunde sind wir ohne Nachricht über das Ergebniß dieser Operation. Bis uns Berichte zugegangen sind, soll Abredegemäß nach | anderer Seite hin nichts gethan werden. Wenn wir, was ich, gerade auch gemäß den neusten Berichten, fortwährend hoffe, auf eine Subventionssumme von 90–95 Millionen für den Gotthard15 kommen, so sollte wie mir scheinen will, die Bildung einer Gesellschaft für die Ausführung unseres Projectes nichts weniger als in das Gebiet der unlösbaren Probleme gehören.

Wie die Dinge gegenwärtig stehen, halte ich also Schritte in Paris nicht für angezeigt. Wenn die Verhältnisse sich ändern, was von heute auf morgen der Fall sein kann, so ist man ja auch von heute auf morgen in Paris, um das Nöthige vorzukehren. Selbstverständlich bleiben | die Schritte bei der französischen Ostbahn für Erhältlichmachung eines Beitrages an die Kosten der Vorarbeiten für das Gotthardproject vorbehalten. Eine sehr erhebliche Betheiligung bei diesen Kosten scheint mir doch das Wenigste zu sein, was man von der fraglichen Gesellschaft zur Unterstützung des Gotthard erwarten darf.

Darf ich Sie bitten, Herrn Kern16 für den letzten Brief, den er mir geschrieben & den ich als einen ganz confidentiellen behandelt habe, bestens zu danken & ihn von mir herzlich zu grüßen. Wollen Sie ihm auch diese Zeilen, die ihn intressiren dürften, in vertraulicher Weise mittheilen.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebene

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Telegramm nicht ermittelt.

2Die ständige Kommission der Gotthardvereinigung verabschiedete am 21. August 1865 einen Subventionsplan, welcher die Verpflichtung Italiens zur Übernahme der Erstellung des Gotthardtunnels vorsah. Die am Gotthardprojekt mitinteressierten Staaten und Bahngesellschaften sollten Italien im Gegenzug eine finanzielle Beteiligung von 35 Mio. Franken zusichern. Der Anteil der von den Schweizer Kantonen und Bahngesellschaften zu übernehmenden Subvention wurde auf 20 Mio. Franken festgesetzt. Vgl. Prot. ständige Kommission Gotthardvereinigung, 21. August 1865 (S. 6–7); Die Gotthardvereinigung, Absatz 7.

3Beilage nicht ermittelt.

4 Escher ersuchte Roggenbach, sich dafür einzusetzen, dass Baden oder Preussen «die Initiative mit der durch die Umstände gebotenen Beförderung ergreife, um ein Einverständniß zunächst zwischen den für das Gotthardsprojekt sich interessirenden deutschen Staaten unter sich, u. hierauf zwischen diesen Staaten, Belgien, Holland u. der Schweiz in dem Sinne herbeizuführen, daß die bezeichneten Länder Italien die Geneigtheit zu erkennen geben würden, dem Gotthardsprojekte eine Subvention von 35–40 Mill. [...] zu Theil werden zu lassen» . Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. November 1865.

5 Leopold I. (1790–1865), König der Belgier, Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha. Er starb am 10. Dezember 1865.

6 Johan Rudolf Thorbecke (1798–1872), Ministerpräsident des Königreichs der Niederlande.

7Der engere Ausschuss der Gotthardvereinigung beschloss im Spätsommer 1865, eine Abordnung nach Holland und Belgien zu entsenden, um eine « finanzielle Betheiligung an der Gotthardbahn anzuregen» . Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 7. September 1865. – Eine finanzielle Unterstützung durch die beiden Staaten kam nicht zustande. Vgl. Wanner, Gotthardunternehmen, S. 116.

8Dokument nicht ermittelt.

9 Wilhelm Schmiedlin (1810–1872), Direktionsmitglied der Schweizerischen Centralbhan, Mitglied des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung.

10 Schmiedlin vertrat vor der Italienischen kommerziellen Kommission zusammen mit Gottlieb Koller das Gotthardprojekt. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 23. Juli 1865. – Während eine technische Alpenbahnkommission in Italien im Juli 1865 den Lukmanier vor dem Splügen favorisiert und den Gotthard auf den dritten Platz verwiesen hatte, schnitt das zentrale Alpenbahnprojekt in einer im Dezember 1865 fertiggestellten Prüfung unter kommerziellen Aspekten erheblich besser ab. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 23. Juli 1865; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 119–121; Schmidlin, Ostalpenbahnfrage, S. 102–106; Planta, Alpenbahn, S. 88–89; Ministero dei lavori pubblici, Nuovi studi; Die Gotthardvereinigung, Absatz 9.

11Am 27. Oktober 1865 vereinbarten die Regierung des Kantons Tessin und die Gotthardvereinigung eine Konzessionsakte für eine Gotthardbahn. Diese Vereinbarung wurde von einem für den Lukmanier eingereichten Konzessionsbegehren des in Paris niedergelassenen Genfer Bankiers Edouard Hentsch konkurrenziert. Verstärkt wurde die Rivalität um die Konzessionserteilung durch ein von James Hudson zusammen mit der Baugesellschaft Pietro Genazzini und Compagnia eingereichtes drittes Konzessionsbegehren für den Gotthard und die Tessiner Talbahnen. Vgl. Peyer im Hof, Alpenbahnfrage, S. 4–16.

12Der am 27. Oktober 1865 unterzeichnete Konzessionsentwurf für eine Gotthard enthielt einen Passus, wonach der Gotthardvereinigung «mit Ausschluß anderer Konzessionsbewerbungen» ein Jahr Zeit zur Bildung einer Gesellschaft eingeräumt wurde. Peyer im Hof, Alpenbahnfrage, S. 9. Vgl. Peyer im Hof, Alpenbahnfrage, S. 7–9.

13Aufgrund einer Anregung Eschers beschloss der engere Ausschuss im März 1866, das Präsidium zu ersuchen, eine Kommission mit der Frage nach der Bildung einer Gesellschaft für die Ausführung des Gotthardprojekts zu betrauen. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 16. März 1866.

14Gemeint ist das Bankhaus Rothschild, dessen Frankfurter Stammhaus unter der Leitung von Mayer Carl Rothschild und Wilhelm Carl Rothschild stand. Vgl. NDB XXII, S. 132–133.

15Die italienische Regierung sowie verschiedene italienische Städte und Provinzen hatten für den Bau der Gotthardbahn Subsidien von insgesamt 56 bis 57 Mio. Franken in Aussicht gestellt. Diese Unterstützung war an die Bedingung geknüpft, dass die übrigen am Gotthard interessierten Länder ihrerseits Subventionen im Umfang von mindestens 35 Mio. Franken beisteuerten. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1865, S. 4.

16 Johann Konrad Kern (1808–1888), Thurgauer Politiker, ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz in Paris.