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Korrespondenz: Alfred Escher – Kaspar Wetli

AES B2109 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#538*

Kaspar Wetli an Alfred Escher, Lugano, Samstag, 25. Februar 1865

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Rechtliches, Regierungsrat TI

Briefe

Lugano, den 25. Febr. 1865.

Hochverehrter Herr,

Da Sie sich nach frühern Briefen und der mündlichen Besprechung für meine hießige Angelegenheit interessirten und Sie vielleicht nach Zeitungsnachrichten urtheilen, so bin ich so frei, Sie mit einigen Worten über die Sachlage zu belästigen.

Was die Zeitungen über Offerten, Forderungen, Schiedsgericht, Vereinbarung etc. gebracht haben, ist theilweise ganz erlogen, theilweise entstellt. Von Seite Holden's oder der frühern Concessionäre oder Bevollmächtigten derselben ist nie eine Offerte oder irgend welcher Vergleichsvorschlag gemacht worden. Vorschläge von Seite der neuen Unternehmer wurden nur in der Meinung gemacht, dass sie solche bei Holden befürworten würden; übrigens konnten sie keinen andern Zweck haben, als das Publicum zu täuschen & für sie zu gewinnen. Entweder waren sie darauf berechnet, mich von den Unternehmern abhängig zu machen, ohne mir irgend welchen Einfluß auf den weitern Bau zu gewähren oder ich sollte mich für den Fall einer direkten Entschädigung | verpflichten, nie ⌜mehr⌝ & unter keinen Umständen weder von Privaten noch von Behörden irgend einen Auftrag bezüglich der teßinischen Bahnen anzunehmen. Ich wies deßhalb eine solche Vermittelung ab; stellte auch nie eine bestimmte Forderung, sondern zeigte mich nur bereit, mit Bevollmächtigten zu verhandeln. Vollmachten wurden aber bis jetzt verweigert. Aus einer beiläufigen Äußerungen zu Dritt-Personen, daß ich lieber meinen Vertrag auszuführen wünschte als ohne diß die doppelte Besoldung zu beziehen, was mir wirklich aus dem Herzen kam, leitete man alle die publicirten Forderungen ab. Eine Bezahlung für die geringste Bauzeit, d. h. noch für 4 Jahre darf ich, wie ich glaube, mit Fug & Recht fordern; obschon ich eine positive kleinere Offerte nicht von der Hand gewiesen hätte. Man schlug Holden mit meiner Zustimmung ein Schiedsgericht vor, er schlug es zuerst aus, später aber ließ er durch Jemanden an Cecovi schreiben, daß er zu einem solchen unter gewißen Bedingungen Hand bieten würde. Dieß erfolgte wahrscheinlich | auf die ersten Beschlüße des Bundesrathes hin. Man telegraphirte & schrieb, daß ich einverstanden sei, vorausgesetzt, daß der Obmann allenfalls durch eine schweizerische Autorität gewählt werden könne. Eine definitive Zustimmung oder eine Vollmacht zur Unterzeichung der [Basis ?] ist aber noch nicht eingetroffen & wird, nachdem der Bundesrath unbegreif-licher Weise die frühren Beschlüße zurückgenommen & die Abtretung genehmigt hat, höchst wahrscheinlich nie eintreffen. Die Direktoren der neuen Gesellschaft erklärten bei ihrer Durchreise von Bern, daß die Sache sie Nichts angehe, sondern nur den Unternehmer Holden, welchem sie allenfalls ein Schreiben von mir überbringen würden. Ich konnte auf meine Ansprüche an die Gesellschaft nicht verzichten & gab deßhalb auch keinen Brief an Holden ⌜denselben⌝ mit. Wie mein Vertrag mit Holden, den sie gelesen haben, gemeint war, mögen Sie aus beiliegendem Anstellungsvertrage entnehmen. Uebrigens war ich in der That der Einzige, der die Planirung & die Bauten bis jetzt geleitet hat. | Nun soll zuerst vor teßinischen Gerichten entschieden werden, ob ich Angestellter der Conzessionäre oder nur von Holden gewesen. Im letztern Falle müßte ich diesen in London suchen.

Das hauptsächlichste Material besitzt nun die Gesellschaft, indem mir die Regierung die Catasterpläne von 13 Gemeinden mit Gewalt weggenommen & andere vorher copirt wurden. Auch vor teßinischen Gerichten wird es schlecht gehen, weil die Einfluß-reichsten Personen für die neuen Unternehmer gewonnen sind. Sie vertheilten Bauactien (mit fixem Zins zu 5% & Superdividenden) im Betrage von 800.000 Fr.

Unter solchen Umständen wird es allerdings schwer sein, mir einen guten Rathe zu ertheilen. Könnte es von Ihnen dennoch geschehen, so würde ich einen solchen um so dankbarer annehmen.

Entschuldigen Sie meine Freiheit & genehmigen Sie die Versicherung meiner wahren Hochachtung

Ihr ergebener

K Wetli.