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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B2078 | FA Tschudi

Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, Belvoir (Enge, Zürich), Freitag, 20. Mai 1864

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Krankheiten, Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL)

Briefe

Belvoir 20 Mai 1864.

Mein theurer Freund!

Leider habe ich nun auch dazu beigetragen, den Abgang der beiliegenden Zeilen Augustens an Deine l. Frau zu verzögern, da ich denselben durchaus noch ein Paar Worte beifügen wollte & hiezu bis zum heutigen späten Abende, buchstäblich gesagt, nicht eine Minute frei machen konnte.

Für's erste habe ich Dir herzlich danken wollen für Deine freundliche Einladung. Wenn es mich irgendwohin von Hause wegziehen würde, so wäre es jedenfalls zu Euch!| Ich habe aber Morgen von früh bis spät die honneur's bei der Collaudation der Luzernerlinie zu machen, eine saure Pflicht bei meiner gegenwärtigen Stimmung. Daß ich unter diesen Umständen nicht auch den darauf folgenden Tag ohne zwingende Nothwendigkeit von Belvoir abwesend sein möchte, wirst Du begreifen.

Sodann habe ich Dir & Deiner verehrten Frau noch genauere Nachrichten über das Befinden Augustens, als sie der Natur der Sache nach von ihr selbst erwartet werden können, geben wollen. Ich schicke voraus, daß Prof. Griesinger seit etwa 4 Wochen als consultirender Arzt beigezogen worden| ist. Sein Parere stimmt mit demjenigen Zwicki's im Wesentlichen überein. «Tuberculöse Affection der Lunge, aber deshalb durchaus nicht ein hoffnungsloser Zustand»: so lautet das Urtheil. Größte Sorgfalt wird empfohlen; eingreifende Maaßregeln mit Beziehung auf Curen, Winteraufenthalt in südlichem Clima u. s. w. sind in Aussicht gestellt. Eine Reihe von Wochen hindurch scheint den Zustand Augustens ungefähr der gleiche geblieben zu sein. Frau Uebel, die etwa 3 Wochen in München war, glaubte bei ihrer am letzten Dienstag erfolgten Rückkehr die Wahrnehmung zu machen, daß der Ton des Hustens einen etwas fatalern| Character angenommen habe. Der Puls ist immer etwas gesteigerter. Gott sei Dank kann aber A. viel schlafen, was jedenfalls zur Erhaltung ihrer Kräfte erheblich beiträgt. Die frische Luft, die sie erst seit einigen Tagen in ausgedehnterm Maaße genießen kann, wird hoffentlich auf ihren Gesundheitszustand günstig reagiren. Wie gerne würde ich Euch bessere Nachrichten senden! Ich denke, Ihr wünscht aber die Wahrheit zu erfahren.

Ich werde künftigen Montag 10 Uhr früh in den Bahnhof gehen in der Hoffnung, Dich für einen Augenblick sehen zu können.

Lebe wohl & sei mit Deinen Lieben herzlich gegrüßt von uns Allen & unter diesen nicht am wenigsten von Deinem treuen

A Escher