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Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Schenk

AES B2075 | CH-BAR#J1.165#1983/44#67*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 63

Alfred Escher an Karl Schenk, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 15. Mai 1864

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Ständerat, Wahlen

Briefe

Hochgeachteter Herr Bundesrath!

In Folge einer Abwesenheit von Zürich, welche ich zu machen genöthigt war, wird es mir leider erst heute möglich, Ihnen für die in Ihrem geschätzten Schreiben vom 12 .1 enthaltenen Mittheilungen zu danken & mich über dieselben gemäß Ihrer verehrl. Einladung auszusprechen.

Die Ansichten, welche ich Ihnen letzthin zu entwickeln die Ehre hatte, sind unverändert dieselben geblieben: es scheint mir ungemein wünschbar, daß bei der Unklarheit der Situation in der Angelegenheit der Tessin'schen Eisenbahnen die Bundesbehörden möglichst viel Einfluß auf den Gang der Dinge auszuüben in der Lage bleiben.2 Ich begreife, daß, wenn die von Ihnen dem Consul Rapp3 gestellten Fragen in befriedigender Weise beantwortet werden, es schwieriger wird, eine bloß vorläufige & noch nicht abschließliche Genehmigung des Finanzausweises auszusprechen.4 Indessen steht noch dahin, ob Ihre Fragen in vollständig genügender Weise beantwortet werden. Und sodann bleibt immerhin sehr fraglich, ob das für den Bau der Tessin'schen Bahnen in Aussicht | genommene Baucapital hinreiche & ob es bei diesen Bahnen möglich sein wird, die Hälfte des erforderlichen Capitales in Obligationen zu beschaffen. Es will mir also scheinen, Stoff zu einer bedingten Genehmigung wäre unter allen Umständen vorhanden & es wäre der Vorbehalt des Art. 4 des Beschlusses der Bundesversammlung5 als die jedenfalls gelinderte Form einer solchen bedingten Genehmigung anzusehen.

Die Ihnen wohl bereits bekannte Ratification der Gotthardt Übereinkunft durch den Tessin'schen Großen Rath6 ist eine erfreuliche Thatsache. Die Wahl neuer Ständeräthe dürfte mit der Alpenbahnfrage auch wenigstens in etwelchem Zusammenhange stehen.7

Genehmigen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Belvoir
15. Mai 1864.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Am 12. Juni 1863 hatte der Kanton Tessin an Robert George Sillar die Konzession für die Linien BiascaChiasso und BellinzonaLocarno vergeben. Eschers Kurswechsel und die Gotthardkonferenz von 1863, Die Ausgangslage zu Beginn der 1860er Jahre. – Der Bund genehmigte diese Konzession am 31. Juli 1863 unter der Auflage, dass innerhalb von sechs Monaten mit den Erdarbeiten begonnen und ein «genügender Ausweis über die Mittel zur gehörigen Fortführung der Bahnunternehmung» geleistet werden müsse. Während die Bauarbeiten bis zur vorgegebenen Frist in Angriff genommen wurden, informierte Sillar den Bundesrat erst im Mai 1864 über die Finanzlage der European Central Railway Limited (ECR). Diese Gesellschaft, an welcher Sillar beteiligt war, hatte inzwischen die Konzession für die Tessiner Talbahnen übernommen. Der Bundesrat genehmigte den Finanzausweis Sillars mit Beschluss vom 6. Juni 1864. Bericht der Minderheit der nationalräthlichen Kommission in Sachen der Tessiner Eisenbahnen (Motion Weber) (vom 21. Juli 1865), in: BBl 1865 III, S. 418, 423–425. Vgl. Bericht der Mehrheit der nationalräthlichen Kommission, betreffend die Eisenbahnlinie Chiasso–Biasca mit Abzweigung nach Locarno (Motion Weber) (vom 21. Juli 1865), in: BBl 1865 III, S. 406–407.

3 Jean Rapp (Lebensdaten nicht ermittelt), Generalkonsul der Schweiz in London.

4Der Bundesrat erkundigte sich bei Rapp über die führenden Köpfe der European Central Railway Limited und erhielt von diesem «den beruhigenden Aufschluß, daß die an der Spize stehenden Männer Vertrauen verdienen» . Bericht der Mehrheit der nationalräthlichen Kommission, betreffend die Eisenbahnlinie Chiasso–Biasca mit Abzweigung nach Locarno (Motion Weber) (vom 21. Juli 1865), in: BBl 1865 III, S. 407.

5Die Bundesgenehmigung der Konzession Sillar vom 31. Juli 1863 hielt in Art. 4 fest: «Die Bauarbeiten sind im Verhältnisse zu den in der Konzession festgesezten Vollendungsterminen zu fördern. Sollte dieser Vorschrift zuwidergehandelt werden [...] kann im äußersten Falle die Bundesversammlung die Genehmigung des Bundes für die vorliegende Konzession als erloschen erklären.» Bericht der Minderheit der nationalräthlichen Kommission in Sachen der Tessiner Eisenbahnen (Motion Weber) (vom 21. Juli 1865), in: BBl 1865 III, S. 418

6Der Grosse Rat des Kantons Tessin entschied sich in seiner Sitzung vom 14. Mai 1864 mit 47 gegen 35 Stimmen für die Ratifikation der Gotthardübereinkunft vom 8. August 1863. Vgl. Processi verbali del Gran Consiglio, 14. Mai 1864 (S. 396–398); Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung,2. August 1864; Eschers Kurswechsel und die Gotthardkonferenz von 1863, Absatz 20.

7Ab dem 4. Juli 1864 nahm Daniel Wirth-Sand für den Kanton St. Gallen neu Einsitz im Ständerat. Ebenfalls neu im Ständerat vertreten war der als hartnäckiger Kämpfer für eine Ostalpenbahn geltende Bündner Peter Conradin von Planta (1815–1902).Vgl. Gruner, Bundesversammlung I, S. 623–624; National- und Ständeratsmitglieder online, Peter Conradin von Planta.