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Korrespondenz: Alfred Escher – Eugen Escher

AES B2074 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#188*

Eugen Escher an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 14. Mai 1864

Schlagwörter: Bankwesen (allgemein)

Briefe

Zürich, den 14. Mai 1864.

Hochgeehrter Herr!

Bezug nehmend auf frühere Äußerungen von Ihrer Seite erlaube ich mir, Ihre Aufmerksamkeit auf die Frage der Gründung einer Baugesellschaft für die hiesige Stadt zu lenken, indem mir ungeachtet der jetzigen Geldverhältnisse Manches dafür zu sprechen scheint, die erwähnte Frage nicht länger zu verschieben, sondern jetzt deren Lösung zu unternehmen.

Einmal besorgte ich früher, als Geld mit größerer Leichtigkeit zu erhalten war, und als in Folge dessen eine Menge kleinerer Bauspeculanten in reger Thätigkeit war, es möchte einem erfolgreichen Handeln der Gesellschaft die Concurrenz dieser Speculanten störend in den Weg treten und in mehr oder minder ausgedehnten Kreisen eine mißtrauische und ungünstige Stimmung gegen die Gesellschaft wecken. Diese Besorgniß kann wohl gegenwärtig dahinfallen, und bei der großen Mehrzahl des Publicums dürfte das Auftreten einer Gesellschaft freudig begrüßt werden, welche in die trotz steten bedeutenden Wohnungsmangels stockenden Privatbauten neues Leben brächte.|

Sodann ist nunmehr das Bahnhofquartier, welches der Gesellschaft ein besonders fruchtbares Feld böte, beschlossen, und die öffentlichen Bauten desselben sind so eingeleitet, daß schon jetzt Privatbauten daran anschließend begonnen werden könnten. Wartet man nun zu lange mit Bildung der Baugesellschaft, so besorge ich die Vorwegnahme gerade solcher Baustellen im Bahnhofquartier, welche für eine planmäßige Thätigkeit der Gesellschaft später ungerne vermißt würden.

Auch finanziell dürfte das Vorgehen im laufenden Sommer vortheilhaft sein, weil die Concurrenz an Übernahmsofferten von Bauplätzen jedenfalls kleiner sein wird als zu andern Zeiten, und weil namentlich Speculanten, die aus imaginären Hoffnungen die Preise einzelner Plätze unsinnig steigern würden, jetzt kaum zu fürchten wären. Unter solchen Verhältnissen halte ich eine allerseits annehmbare Verständigung der Stadt und des Staates mit der Gesellschaft für weit sicherer als z. B. im verflossenen Jahr.

Das einzig mögliche, freilich sehr gewichtige Bedenken liegt, wie mir scheint, in der verminderten Leichtigkeit, im jetzigen Zeitpunkte das erforderliche Actiencapital aufzutreiben, und diesfalls darf ich mir allerdings kein Urtheil anmaßen; nur erlaube ich mir die Bemerkung, daß das in nächster Zeit nöthige baare Capital nicht so bedeutend wäre, als vielleicht hie und da angenommen wird. | Die im Bahnhofquartier und dessen Umgebung verkäuflichen Bauplätze des Staates und der Stadt, die wohl am meisten ins Auge gefaßt werden müßten, repräsentiren nach dem städtischen Kostenvoranschlage einen Werth von Fr. 2,880,000; allein die Gesellschaft dürfte überhaupt und namentlich für einstweilen nicht auf alles dortige Land Anspruch machen, und ferner wäre wenigstens der Stadt nach den von ihr aufgestellten Verkaufsbedingungen in der ersten Zeit nur ein Viertheil des Kaufpreises zu bezahlen, der Rest aber bloß zu 4% zu verzinsen; eine sofort verfügbare Summe für Landankauf im Betrage von etwa Fr. 600,000 stelle ich mir daher als genügend vor. Daneben müßte allerdings mindestens der doppelte Betrag als Betriebscapital beschafft werden, wenn das Wirken der Gesellschaft kräftig und erfolgreich sein soll; allein dieser weitere Betrag wäre nur successiv einzubezahlen.

Ich möchte Sie recht angelegentlich bitten, dieser Angelegenheit, die für gehörige bauliche Entwicklung unserer Stadt eine große Wichtigkeit hat, Ihre Aufmerksamkeit zu Theil werden zu lassen, und bin, falls Sie dieselbe einer näheren Besprechung werth halten, ganz zu Ihrer Verfügung. Gerne erneuere ich übrigens bei diesem Anlasse die Versicherung meiner wahren Hochachtung und freundschaftlichen Ergebenheit.

Dr E. Escher

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