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Korrespondenz: Alfred Escher – Karl Schenk

AES B2028 | CH-BAR#J1.165#1983/44#67*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 53

Alfred Escher an Karl Schenk, Luzern, Donnerstag, 3. September 1863

Schlagwörter: Gewässerkorrekturen, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat BE, Italienisches Parlament, Kuraufenthalte, Regierungsrat BE

Briefe

Luzern, 3 Sept. 1863.

Hochgeachteter Herr Regierungspräsident!

Die verehrliche Zuschrift1, welche Sie mir nach Zürich adressiert haben, ist mir nach Luzern gesandt worden, wo ich einen mir ärztlich vorgeschriebenen Erholungsaufenthalt mache.

Für die in Ihrem geschätzten Schreiben enthaltenen Mittheilungen bin ich Ihnen sehr dankbar & zwar um so mehr, als dieselben nicht bloß davon Meldung thun, welche Beschlüsse die H. Regierung von Bern in Sachen der Gotthardübereinkunft gefaßt hat2, sondern auch darüber Auskunft geben, welche Motive sie dabei geleitet haben. Ich weiß die unumwundene Offenheit, welche Sie in dieser ersten Zu| schrift, mit der Sie mich beehrt, beurkunden, in hohem Grade zu schätzen & werde mir zur Pflicht machen, dieselbe stetsfort zu erwiedern.

Es ist natürlich nicht in meiner Stellung zu erörtern, inwiefern es vom Standpuncte der kantonalen Politik Bern's aus angezeigt sei, die Gotthardübereinkunft mit der Angelegenheit der Jurabahnen & derjenigen der Juragewässercorrection in Verbindung zu bringen. Außerhalb des Cantons Bern wird dieses Verfahren vielleicht mehr, als es es verdient & jedenfalls entgegen den dabei obwaltenden Absichten den Eindruck einer Erschwerung des Zustandekommens einer Gotthardbahn machen. Wenn daher etwa im Großen Rathe die Frage der Jurabahnen& der Juragewässer| correction der Genehmigung der Gotthardübereinkunft Hindernisse in den Weg legen sollte, so dürfte es wohlgethan sein, bei dem Großen Rathe darauf hinzuwirken, daß er diese Übereinkunft von jener andern, in keinem nothwendigen Zusammenhange damit stehenden Materien trenne & für sich genehmige.

Man muß sich gewiß sehr davor hüten, die Angelegenheit der Gotthardbahn allzusehr auf die lange Bank zu schieben. Es ist bisanhin schon genug durch Unthätigkeit in dieser Beziehung gesündigt worden. Wenn nun in Folge verzögerter Genehmigung der Übereinkunft Seitens der betheiligten Cantone & Eisenbahngesellschaften die Organe der neuen Vereinigung 3 ihre Wirksamkeit noch lange nicht| beginnen können, während davon die Rede ist, daß die Italienische Regierung schon im künftigen November ihre Alpenbahnvorlagen dem Parlamente unterbreiten werde, so wäre dieß in hohem Grade zu beklagen. In Eisenbahndingen vielleicht mehr als in allen andern Sachen heißt den rechten Zeitpunct verpassen – Alles verlieren! Es will mir auch scheinen, daß die Begründung unserer neuen Vereinigung zur Anstrebung des Gotthard sich nur dann rechtfertigt, wenn mit ungleich mehr Thatkraft & Raschheit vorgegangen wird, als dieß bisanhin der Fall war.

Verzeihen Sie mir diese Expectorationen & empfangen Sie mit der Versicherung ausgezeichneter Hochachtung freundeidgenössischen Gruß & Handschlag von

Ihrem ergebenen

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt. – Wie Escher weiter unten festhält, handelt es sich dabei um die erste von Schenk an Escher gerichtete Zuschrift.

2Die Frage nach dem Beitritt des Kantons Bern zur Gotthardvereinigung wird in den BriefenAlfred Escher an Jakob Dubs, 1. September 1863 sowieJakob Dubs an Alfred Escher, 2. September 1863 thematisiert.

3Gemeint sind die ständige Kommission sowie der engere Ausschuss der Gotthardvereinigung. Eschers Kurswechsel und die Gotthardkonferenz von 1863, Die Gotthardkonferenz von 1863.