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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1903 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 86 | Jung, Aufbruch, S. 458 (auszugsweise)

Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, Belvoir (Enge, Zürich), Montag, 4. November 1861

Schlagwörter: Brand von Glarus (1861), Bundesrat, Dappentalangelegenheit (1860–1863), Diplomatische Aktivitäten, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Gebietsverletzungen (Schweiz), Konflikte mit Drittstaaten, Krankheiten, Kuraufenthalte, Neuenburger Frage (1848–1857), Reppischtallinie, Vereinigte Bundesversammlung

Belvoir 4. Novber 1861

Mein theurer Freund!

Ich habe ein recht schlechtes Gewissen, indem ich die Feder ergreife, um Dir wieder einmal zu schreiben, liegt doch Dein l. Brief v. 9. Septber1 immer noch unbeantwortet vor mir! Wenn ich aber Herz & Nieren bis auf den Grund prüfe, so darf ich doch sagen, daß ich wenigstens «mildernde Umstände» geltend zu machen habe. Schrieb ich Dir auch lange nicht, so habe ich doch oft, recht oft treu & redlich an Dich gedacht & wenn ich dir dafür keine schriftliche Bescheinigung habe zukommen lassen, so geschah es wegen wirklicher Wälle von Geschäften, die sich während meiner Abwesenheit in Baden-Baden2 aufgethürmt & seit meiner Rückkehr statt vermindert fortwährend vermehrt haben.

Aus Deinem l. Briefe & seither wieder| holt auf indirectem Wege habe ich vernommen, daß Du Dich wohl befindest & daß dieß auch von den lieben Deinigen gesagt werden könne. Wie hätte es uns gefreut, Dich & Deine l. Frau3 diesen Herbst zu etwelcher Erholung einige Zeit auf Belvoir beherbergen zu können! Es sollte nicht sein: Die Einladung Augustens blieb unerhört!4 Ist es in einer Jahreszeit, in der wir bald wieder fast in einer Einsiedelei zu leben scheinen, unbescheiden, Euch daran zu erinnern, daß fortwährend zwei Zimmer in Belvoir zu Eurer Verfügung stehen & daß ein Besuch in den Wintermonaten als doppeltes Freundschaftszeichen gelten würde?!

Du bist wohl fortwährend von den wichtigen Geschäften, welche der Wiederaufbau von Glarus mit sich bringt, sehr in Anspruch genommen. Eine traurige, aber auch eine schöne Aufgabe! Wer weiß, ob nicht nach Jahrzehenten, was jetzt als ein Un| glück erscheint, als ein Glück für die Fortentwicklung von Glarus mit seiner rührigen & strebsamen Bevölkerung angesehen wird! Ein eigen Gefühl muß es für Dich sein, Dir ein neues Haus zu bauen, nicht, wie man es gewönlich thut, um Dich bequemer einzurichten, sondern weil Dir das alte, das Du Dir nicht wohnlicher & freundlicher hättest wünschen können, verbrannt ist!! Du willst nur einen kleinen Theil der Bücher, die ich Deiner neuen Bibliothek einzuverleiben wünschte, annehmen! Und doch wären sie in Deinem Bücherschranke wahrlich in würdigern Händen. Ich unterziehe mich vorläufig Deinem Ausspruche unter der Bedingung, daß Du mir wenigstens erlaubest, das Archiv für civilistische Praxis5 der Sendung noch beizulegen, von dem ich annehmen muß, daß es nicht unerheblichen Werth für Dich hätte. Einige Bände dieses Werkes | sind noch beim Buchbinder. Sobald er sie mir geschickt, sollen die Bücher ihre Wanderung nach Glarus antreten.6

Von Belvoir kann ich Dir im Ganzen ziemlich günstige Nachrichten geben. Zwar leidet meine Mutter, in dem ich Dir diese Zeilen schreibe, an einem heftigen Herzklopfenanfalle. Ich kann aber doch sagen, daß ihre Gesundheit sich während des letzten Sommers recht ordentlich gestaltet hat, namentlich in Vergleichung mit dem verflossenen Winter. Auguste befindet sich sehr wohl. Der Aufenthalt in Baden-Baden ist ihr sehr gut bekommen. Alles freut sich über ihr gekräftigtes, blühendes Aussehen! Die Kinder prosperiren auch sichtlich & streben der vollkommensten geometrischen Figur, der Kugel, zu! Was mich anlangt, so hat mir die in Baden-Baden nach allen Regeln durchgeführte Müßiggängercur ungemein wohl angeschlagen. Nach meiner Rückkehr aus diesem Eldorado des Schlaraffenlebens war | ich wie ein anderer Mensch. Nicht bloß war ich körperlich wie wiedergeboren: ich fühlte mich auch geistig ganz verjüngt. Mittlerweile ist wieder viel über mich gegangen: gleichwohl bin ich auch jetzt noch ein ganz anderer Mensch, als ich letzten Juli war!7 Ich werde nun jedenfalls alljährlich einen längern Erholungsaufenthalt fern von meinen Bureaux machen.

Was sagst Du zu unsern neusten Verwickelungen mit Frankreich? In der Ville-la-Grand -Angelegenheit hat Dir wohl auch die von dem Bundesrathe in seiner letzten Note eingenommene Haltung entsprochen.8 Dieselbe ist auf Antrag von Dubs mit 4 gegen 3 Stimmen beschlossen worden. In der Dappenthalgeschichte; stehe ich noch wie vor einem Räthsel. Dort scheint mir die erste Frage die zu sein, ob die Waadtländerpolizei in neuerer Zeit etwa ein übriges d. h. mehr als gewöhnlich im Dappenthal gethan habe. Wäre dem nicht so, so würde sich der Vorgang französi| scher Seite als Händelsucherei qualifiziren & es wäre höchstens etwa noch zu hoffen, daß der Kaiser9 nichts davon gewußt habe & das Vorgehen der französischen Polizei mißbillige. Es scheint mir nämlich gemäß allem, was ich in der letzten Zeit gehört habe, daß der Kaiser & Persigny10 der Schweiz günstig gestimmt sein dürften, daß im übrigen die Regierung der Schweiz abgeneigt sei, daß das Volk in Frankreich längs der Schweizergrenze nicht am besten auf uns zu sprechen sein dürfte, während die große Mehrheit der französischen Nation eher günstig als indifferent gegen uns gesinnt sein mag. Die weitern Erörterungen, die nun zwischen der Schweiz & Frankreich in Betreff des Vorfalles im Dappenthal Statt finden dürften, werden denselben mehr ins Licht setzen & überhaupt größere Klarheit darüber verbreiten, ob es Frankreich bloß um die Aufrechthaltung des Status quo11 im Dappenthale, beziehungsweise um die Erledigung dieser alten | Pendenz oder um etwas mehr zu thun sei. Je nach dem sich das eine oder das andere herausstellt, wird die Schweiz ihr weiteres Vorgehen einzurichten haben. Jedenfalls ist uns große Vorsicht geboten. Wir würden gegenwärtig wohl sehr isolirt Frankreich gegenüber stehen. England ist zu weit von uns entfernt, um uns wirksame Hülfe angedeihen lassen zu können. Rußland & Österreich sind durch ihre innern Verhältnisse absorbirt. Von Preußen mit seinem Wilhelm I12 von Gottes Gnaden, der sein Neuenburg noch nicht vergessen haben soll, haben wir wohl nicht viel gutes zu erwarten. Wir wären also in der That im Falle eines Conflictes mit Frankreich ganz isolirt. Unter diesen Umständen scheint mir die Politik derjenigen, welche einen solchen Conflict recht eigentlich herbeiwünschen, einen sträflichen Leichtsinn zu verrathen!

Gewiß freut es Dich auch sehr, daß unser Freund Rüttimann wieder in der Bundes| versammlung, & vollends, daß er in Euerm geweihten Komite sitzen wird!13

Ich beschäftige mich gegenwärtig sehr mit der Herstellung einer Eisenbahn, welche die östliche Schweiz mit der Centralschweiz direct verbinden soll . Es leiten mich dabei wesentlich politische, eisenbahnpolitische, & volkswirtschaftliche Motive. Obgleich große Hindernisse verschiedener Art im Wege stehen, hoffe ich doch, dieselben bemeistern zu können! 14

Auch die projectirte Pferdebahn in den Bezirken Bülach & Regensberg15 nimmt meine Thätigkeit zur Zeit in Anspruch. Es muß ein Verkehrsmittel geben, welches zwischen der gewöhnlichen Landstraße & der Locomotivbahn die Mitte hält: denn vielorts ist der Verkehr zu groß, um nur mit gewöhnlichen Wagen auf gewöhnlichen Landstraßen bewältigt zu werden, dagegen zu klein, um auf eine Locomotivbahn Anspruch machen zu können.

Aber jetzt genug des Geschreibsels! Wir alle grüßen Euch alle aufs Herzlichste. Du aber sei innig umarmt von Deinem Dir in alter Treue ergebenen

A Escher

Kommentareinträge

1 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 9. September 1861.

2Das genaue Datum von Eschers Kuraufenthalt ist nicht dokumentiert; es lässt sich jedoch auf den Zeitraum vom 20. August 1861 bis spätestens 9. September 1861 eingrenzen. Vgl. Prot. Grosser Rat ZH, 20. August 1861 (S. 233); NZZ, 24. August 1861; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 9. September 1861; Jung, Escher, S. 453; Jung, Aufbruch, S. 219.

3 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter von Dorothea Heer-Schindler und Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

4 Augusta Escher-Uebel hatte im Auftrag ihres Mannes Blumers Brief verdankt und die Blumers dabei eingeladen. Vgl. Brief Augusta Escher-Uebel an Susanna Blumer-Heer, 19. September 1861 (FA Tschudi).

5Es handelt sich um eine juristische Fachzeitschrift für das deutsche Privatrecht, die seit 1818 erscheint. Vgl. Gensler/Mittermaier/Schweitzer, Vorrede; Miszellen, Fussnote 6; Miszellen, Fussnote 7.

6Die Übermittlung verzögerte sich bis Ende Dezember 1861. Vgl. Brief Augusta Escher-Uebel an Susanna Blumer-Heer, 28./29. Dezember 1861 (FA Tschudi).

7Überarbeitung, aber auch der Tod seines engen Freundes Jonas Furrer am 25. Juli 1861 hatten Escher gesundheitlich stark beeinträchtigt. Vgl. Jakob Dubs an Alfred Escher, 25. Juli 1861; Jung, Escher, S. 453.

8Im savoyisch-schweizerischen Grenzdorf Ville-la-Grand war aufgrund eines Missverständnisses bei einem Glücksspiel an der Kirchweih vom 18. August 1861 ein Grenzstreit ausgebrochen. Der Bundesrat nahm in einer Note zu den Vorwürfen des französischen Aussenministeriums Stellung und berichtigte die Darstellung der Sachverhalte im Bemühen, den Konflikt gütlich beizulegen. Vgl. Note des Bundesrathes an die schweizerische Gesandtschaft in Paris, betreffend die Vorfälle in Ville-la-Grand (vom 11. Oktober 1861), in: BBl 1861 III, S. 23–30; Jakob Dubs an Alfred Escher, 22. Oktober 1861.

9 Charles Louis Napoléon Bonaparte (Napoleon III.) (1808–1873), Kaiser der Franzosen, Neffe Napoleons I.

10 Jean Gilbert Victor Fialin de Persigny (1808–1872), französischer Staatsmann und Innenminister.

11Status quo (lat.): Zustand, in dem sich etwas befindet.

12 Wilhelm I. (1797–1888), seit 1861 König von Preussen (Krönung am 18. Oktober).

13Gemeint ist Johann Jakob Rüttimanns Wahl in den Ständerat (mit Sessionsbeginn am 13. Januar 1862). Vgl. Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung, in: BBl 1862 I, S. 92.

14Am 19. Oktober 1861 hatte die Direktion der Nordostbahn dem Zürcher Regierungsrat mitgeteilt, sie werde die Linie LuzernChamZug zum Bau der Verbindung ZürichZugLuzern kaufen, sofern sich diese Kantone finanziell daran beteiligen würden. Am 29. Oktober 1861 waren die Kantone Zürich, Zug, Luzern in offizielle Verhandlungen eingetreten. Vgl. Prot. RR Kt. ZH, 19. Oktober 1861 (S. 109), 26. Oktober 1861 (S. 127–130), 16. November 1861 (S. 286–287); Alfred Escher an Jakob Dubs, 20. Oktober 1861; Brugger, Eisenbahnpolitik, S. 63; Alfred Escher an Jakob Dubs, 15. September 1861; Alfred Escher an Jakob Dubs, 10. Januar 1862, Fussnote 1.

15Die Eisenbahnkomitees dieser Bezirke verhandelten mit der Nordostbahn bezüglich einer Lokalbahn OerlikonBülachDielsdorf. Da dieses Unterfangen unrentabel erschien, schlug Escher eine Pferdebahn vor. Erst am 4. März 1863 einigte man sich auf eine Lokomotivbahn 2. Klasse. Vgl. NZZ, 15. November 1861, 29. Dezember 1861; Brugger, Eisenbahnpolitik, S. 68.