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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1890 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 9. September 1861

Schlagwörter: Brand von Glarus (1861), Familiäres und Persönliches, Finanzielle Unterstützungen, Freundschaften, Kuraufenthalte

Briefe

Glarus den 9. Septbr. 1861.

Mein theurer Freund!

Durch Deine Schwester habe ich mit Vergnü gen vernommen, daß Du mit Deiner l. Frau u. mehrern Freunden eine recht angenehme Badekur in Baden-Baden gemacht hast. Das Wetter hat Euch allerdings ungemein begünstigt! Ich hoffe, die Kur werde von den wohlthätigsten Folgen für Euer Beider Gesundheit begleitet seyn; Dir mag insbesondere die Enthaltung von Geschäften während mehrern Wochen recht wohl bekommen haben.

Was uns betrifft, so hast Du wohl ebenfalls durch Deine Schwester vernommen, daß es mir u. den l. Meinigen in Bezug auf körperliche Gesundheit recht ordentlich geht u. daß wir uns auch in gemüthlicher Beziehung allmählig wieder erholen von den niederschla | genden Eindrücken der schrecklichen Katastrophe. Ich arbeite nach Kräften an dem Wiederaufbau des zerstörten Fleckens wie an demjenigen meines eignen Hauses u. freue mich herzlich an den, wenn auch langsam, doch ernstlich vorschreiten den Vorbereitungen zur allgemeinen Wiederherstellung. Meine Frau besorgt inzwischen die Erneuerung unsres Haus rathes, u. ich habe bereits einen Theil des Manuskriptes wiederhergestellt, welches mir in der unglücklichen Brand nacht verloren gegangen ist. Das Gefühl, daß, wenn nicht alle, doch die meisten unsrer Verluste sich wieder ersetzen lassen, ist es, was mich gemüthlich am meisten aufrichtet u. gewiß wohlthätiger auf mich einwirkt als eine Badekur es gethan hätte, welche für meine körperliche Gesundheit kein Bedürfniß war u. bei der ich doch niemals ganz die traurigen Zustände in der Heimath hätte vergessen können, vielmehr in der Ferne mir dieselben nur noch schwärzer vorgemalt hätte als sie wirklich sind. Damit | soll keineswegs ausgeschlossen seyn, daß ich mir noch eine kurze Erholung gönnen werde, ehe der Winter wieder heran rückt; nur gerade in diesem Augenblicke würden es mir weder meine Privat- noch die öffentlichen Geschäfte erlauben. In letzt rer Beziehung sind es drei ebenso schwierige als tiefeingreifende Operationen, welche uns dermalen in Anspruch nehmen: 1) die Zutheilung der Hausplätze für den planmäßigen Neubau von Glarus, 2) die Verwendung der so reichlich zugeströmten Hülfsgelder, welche sich auf circa Fr. 2,400,000 belaufen, 3) die Entwerfung eines allgemeinen Finanzplanes für unsern Kanton auf die Dauer von 25 Jahren. Es fehlen uns noch vollständige Angaben über das Schicksal des 3% Anleihens u. man kann daher noch nicht mit Gewißheit sagen, ob dasselbe als vollständig gescheitert zu betrachten sey. Ungefähr 1 Million Frkn. ist jedenfalls gezeichnet worden; gelänge es diese Summe noch um einige 100,000 Frkn. zu erhöhen, so könnte dann wohl für den Augenblick von einem weitern | Anleihen abstrahirt werden.

Und nun will ich Dich nicht länger warten lassen auf eine Antwort auf Dein gestriges Anerbieten, meine abgebrannte Bib liothek aus der Deinigen theilweise zu ersetzen. Du findest in dem mir sr Zeit dargereichten Verzeichnisse, wel ches ich hier beilege, die Bücher, welche ich gerne wieder hätte, mit rother Dinte angestrichen. Du wirst freilich den ken, ich habe zum Theil gerade das Beste ausgelesen, u. wenn Du das eine oder andere Werk, wie namentlich Savigny's System, nicht leicht entbehren kannst, so will ich es auch nicht haben. Im entgegengesetzten Falle werden mir die Bücher willkommen seyn als bleibende Erinnerungszeichen Deiner Freundschaft, welche sich in den ersten Tagen nach dem Brande auf eine für uns so rührende u. zarte Weise geoffenbart hat.

Meine l. Frau u. ich lassen sich Deiner Frau Mutter u. Gemahlin bestens empfehlen. Mit herzli chem Gruße verbleibe

Dein treuer

J J Blumer.