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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1881 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 83

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 7. Juni 1861

Schlagwörter: Bankinstitute, Brand von Glarus (1861), Familiäres und Persönliches, Finanzielle Unterstützungen, Kommissionen (kantonale), Krankheiten, Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Steuern und Abgaben

Briefe

Glarus den 7. Juni 1861.

Mein theurer Freund!

Vorerst danke ich Dir in unser Aller Namen herzlich für die wohlwollende Theilnahme, die Du dem vielen Leide schenkst, das uns in letzter Zeit betroffen hat, insbesondere auch für die freundlichen Worte der Erinnerung, welche Du meinem sel. Onkel1 gewidmet hast. Das große Leichengeleite, welches seinem Sarge folgte, zeigte am besten, daß unser Kanton die vielen Verdienste, die der Verewigte sich um ihn erworben, zu würdigen weiß u. von auswärts sind uns viele, in hohem Maße anerkennende Beileidschreiben zugegangen. Die Beerdigungen finden bei uns zu einer Zeit statt, daß man Auswärtigen in der That nicht zumuthen darf daran zu erscheinen; so sehr ich daher die gute Meinung, die Du hattest, zu schätzen weiß, so kann ich mich doch | nur freuen darüber, daß die Ausführung Deines Vorhabens durch ein so wichtiges u. glückliches Ereigniß, welches in Deiner Familie stattfand, verhindert worden ist. Empfange meine u. der Meinigen herzliche Glückwünsche zu der Geburt Deiner zweiten Tochter2! Vor Allem freute es uns zu vernehmen, daß ungeachtet des angegriffnen Gesundheitszustandes Deiner l. Frau die Entbindung ganz wohl von Statten gegangen ist, und bis jetzt Mutter u. Kind sich wohl befinden. Daß Du lieber einen Sohn gehabt hättest, ist Dir gewiß nicht zu verargen; ich hätte an Deiner Stelle den nämlichen Wunsch gehegt. Indeßen hat mich gerade das schreckliche Ereigniß, das uns betroffen, so oft an unsre menschliche Kurzsichtigkeit erinnert, daß ich auch hier wieder sagen möchte: Wenn wir vorläufig auch nicht einsehen, daß es so beßer ist, so ist es vielleicht doch beßer! Es gereicht mir zur großen Befriedigung, daß Du die Sache auch so auffaßst u., Deinen Wunsch einstweilen vergeßend, Dich der neuen Gabe des Himmels aufrichtig | freust.

Sehr leid thut es mir zu vernehmen, daß sowohl Deine verehrte Mutter als auch Du selbst in letzter Zeit wieder leidend waren. Ich kann Dir nicht genug empfehlen, zu Deiner Gesundheit ernstlich Sorge zu tragen u. Dich aller übermäßigen geistigen Anstrengung zu enthalten!

Die l. Meinigen befinden sich nach Umständen recht ordentlich. Mir fehlt es allerdings nicht an Geschäften, doch bin ich auch nicht gerade außerordentlich in Anspruch genommen, da man mich, vielleicht mit Rücksicht auf meine Privatverhältniße3, mit öffentlichen Angelegenheiten ziemlich verschont. Vorgestern war ich in einer Kommissionssitzung, in welcher unsre beiden Abgeordneten über die Finanzangelegenheit rapportirten. Wie es scheint, warst Du der Ansicht, wir sollen uns an die gemeinnützige Gesellschaft wenden, um ein Anleihen à 2 bis 3% zu erhalten; wir müßen aber, nachdem so reichliche Liebesgaben bereits für uns gefloßen sind, doch große Bedenken tragen, diesen Weg zu betreten, | der uns leicht als bettelhafte Zudringlichkeit ausgelegt werden könnte.4 Unsre Deputirten hegen auch wenigstens die Hoffnung, daß es auch ohne die gemeinnützige Gesellschaft möglich seyn werde, von den schweizerischen Kapitalisten oder auch von auswärts her, namentlich bei auszusetzenden Prämien, hauptsächlich aber wegen der lebhaften Sympathien, die sich überall für unser Unglück kund gaben, 1 bis 2 Mill. zu niedrigem Zinsfuße zu erhalten. 1 Million hoffen wir als Anleihen zu möglichst günstigen Bedingungen vom Bunde zu empfangen;5 es ist dieß das Wenigste, was die Eidgenossenschaft für einen so schwer heimgesuchten Kanton thun kann. Jedenfalls kann die Gefahr einer erdrückenden Steuerlast, mit der uns die verhältnißmäßig enorme Summe der zu bezahlenden Assekuranzentschädigungen bedroht, nur abgewendet werden, wenn auch noch unserm Kanton als solchem kräftig unter die Arme gegriffen wird; gleichwie es bereits gegenüber den Brandbeschädigten geschehen ist.

Die Feststellung des Bauplanes für Neu-Glarus | scheint sich so sehr zu verzögern, daß wohl im laufenden Jahre die Neubauten nicht mehr ernstlich an die Hand genommen werden können. Es entsteht daraus ein langes Provisorium, welches im Allgemeinen wie für den Einzelnen viele Nachtheile u. Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Indeßen handelt es sich freilich darum, einen Plan zu entwerfen, der vielleicht auf Jahrhunderte hinaus seine guten oder schlimmen Folgen haben wird, u. da muß man schon Geduld haben.6

Um nochmals auf die Finanzangelegenheit zurückzukommen, so habe ich in dem Cirkular, welches Eure Kreditanstalt7 u. andre Zürcher Häuser in's Ausland schickten, mit Vergnügen einen Passus gelesen, der vielleicht so ausgelegt werden könnte, daß die eingehenden Gelder ganz oder theilweise unsrer Assekuranz statt dem HülfsComité zugewendet werden könnten. Letztres hat, wie mir scheint, eigentlich bald genug Geld, da es doch nicht möglich ist allen Schaden wieder gut zu machen; | um so mehr wäre es für die Assekuranz ein Glück, wenn ihre Last einigermaßen vermindert würde.

Mit der Genesung meines Schwagers8 geht es vorwärts, jedoch etwas langsam, da er leicht Rückfälle bekommt, wenn er viele u. aufregende Besuche hat, wie z. B. vorgestern, da Bundesrath Fornerod9 bei ihm war.

Mit den herzlichsten Grüßen von mir u. meiner l. Frau10 an Dich u. Deine ganze Familie – die liebe Neugeborne nicht ausgenommen – verbleibe

Dein treuer

J J Blumer.

Kommentareinträge

1 Cosmus Blumer (1792–1861), Landammann (GL).

2 Hedwig Escher (1861–1862), Tochter von Augusta Escher-Uebel und Alfred Escher.

3Neben dem Wiederaufbau seines Hauses war Blumer mit der Regelung der Erbschaft und den Verwaltungen seines verstorbenen Onkels befasst. Ausserdem organisierte er die Evakuierung des Glarner Archivs. Vgl. Blumer, Erinnerungen, S. 35(a–b), 35(c)–36(d); Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, 5. Juni 1861.

4Neben dem Glarner Hilfskomitee und den Regierungen von Bund und Kantonen hatte auch die Zentralkommission der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft zu Spenden aufgerufen. Alle diese Sammelaktionen waren sehr erfolgreich gewesen. Vgl. Tschudi, Hülfskomite, S. 12; NZZ, 14. Mai 1861, 15. Mai 1861, 16. Mai 1861; Miszellen, Fussnote 12

5Die Landsgemeinde bevollmächtigte den Landrat, ein Staatsanleihen aufzunehmen. Dieses Darlehen wurde am 13. Juli 1861 einstimmig vom Ständerat und am 17. Juli 1861 vom Nationalrat bewilligt und war für die ersten zehn Jahre zinsfrei, danach zu 2% verzinslich. Die Rückzahlung erfolgte ab dem 15. Jahr mit jährlich 200 000 Franken. Vgl. Bericht der ständeräthlichen Kommission über ein an Glarus zu machendes Anleihen (vom 13. Juli 1861), in: BBl 1861 II, S. 743–746; Bericht der nationalräthlichen Kommission in Sachen des Anleihens an den Canton Glarus (vom 17. Juli 1861), in: BBl 1861 II, S. 747–749; Tschudi, Hülfskomite, S. 39–40; Prot. BR, 19. Juli 1861; Heer, Bundespräsident Heer, S. 88; Blumer, Erinnerungen, S. 35(b–c); Eröffnungsrede Blumers im Ständerat, aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung, in: BBl 1861 II, S. 177–178; NZZ, 28. Mai 1861.

6Bereits am 15. Mai 1861 hatte der erweiterte Gemeinderat die Architekten Bernhard Simon und Johann Kaspar Wolff beauftragt, einen Wiederaufbauplan für Glarus auszuarbeiten. Gleichzeitig wurden Plätze für den Bau von Baracken vergeben, weil man befürchtete, dass sich der Wiederaufbau verzögern werde. Vgl. Tschudi, Glarus, S. 49–50, 57; Blumer, Erinnerungen, S. 35(a); NZZ, 21. Mai 1861, 24. Mai 1861.

7 Vgl. Prot. VR SKA, 14. Mai 1861.

8 Joachim Heer (1825–1879), Landammann und Nationalrat (GL). – Auch Heers Haus war abgebrannt, wobei er in der Brandnacht krankheitshalber bei Dr. Heusser in Richterswil weilte. Er kam bei Dr. Jenny in Ennenda unter und ging Mitte Juni erneut zu Dr. Heusser. Einen Monat später war er wieder soweit genesen, dass er an der Bundesversammlung teilnehmen konnte. Vgl. Heer, Bundespräsident Heer, S. 84–87; Blumer, Erinnerungen, S. 34(c), 35(b).

9 Constant Fornerod (1819–1899), Bundesrat (VD).

10 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter von Dorothea Heer-Schindler und Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.