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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1880 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 82

Alfred Escher an Johann Jakob Blumer, Belvoir (Enge, Zürich), Mittwoch, 5. Juni 1861

Schlagwörter: Brand von Glarus (1861), Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Finanzielle Unterstützungen, Freundschaften, Krankheiten, Landsgemeinde GL

Briefe

Belvoir 5. Juni 1861

Mein theurer Freund!

Ein neuer Schlag hat Dich & die lieben Deinigen betroffen.1 Dein trefflicher Oheim2 ist Dir entrissen worden. Es ist in der That, wie wenn Du den Becher des Unglücks bis auf die Neige austrinken müßtest! Gleichwohl hoffe ich, Du werdest den Muth nicht verlieren! Es fügt sich oft so im Leben, daß sehr viel Leid & auch sehr viel Freude innerhalb kurzer Zeitfristen zusammen kömmt. Des Mannes Aufgabe ist es dann im letzern Falle nicht übermüthig zu werden, im erstern nicht zu verzagen. Die Ruhe & Stärke des Characters, die ich von den ersten Zeiten unserer Freundschaft an, an Dir schätzen lernte, wird Dich auch jetzt nicht verlassen. Wenn es Dir aber gelungen ist, inmitten alles dessen, was auf Dich eindringt & Dich niederzubeugen droht, unent| wegt aufrecht stehen zu bleiben, so wird Dir dieß nicht bloß von der Außenwelt zu hohem Verdienste angerechnet werden, sondern es wird vor allem auch Dir selbst in der Zukunft, wenn Du auf diese Zeit der Trübsal zurückblickst, zu großer Genugthuung gereichen!

Dein verewigter Oheim wird mir wie meinem Hause in ebenso freundlichem als ehrwürdigem Andenken bleiben. Die Biederkeit & Geradheit seines Wesens, seine unermüdliche Thätigkeit für das Wohl des Gemeinwesens, & das Wohlwollen, das er jedermann & besonders denen, deren Streben er als ein redliches erkannte, an den Tag legte, sichern ihm einen Ehrenplatz in der Reihe der Glarner'schen & Schweizerischen Staatsmänner. Ach, daß er die Schreckensnacht vom 10 Mai nicht mehr hätte erleben müssen! Und doch hat es ihm offenbar wohlgethan, daß er Dir & Deiner theuern Familie gleich ein Asyl in seinem wohnlichen & Euch bereits heimi| schen Hause anbieten konnte. Er hat ja immer mit besonderer Freundschaft an Dir gehangen & sich der schönen Laufbahn im politischen & wissenschaftlichen Leben, die Du Dir geschaffen, aufs innigste gefreut!

Ich habe dem Leichenbegängnisse des Verewigten beiwohnen wollen & hatte Hrn. Nationalrath Jenny3 ersucht, mir den Tag & die Stunde desselben mitzutheilen, was er auch nicht versäumt hat. Ich wurde jedoch in der Nacht v. 2ten auf den 3ten unwohl & mußte den größten Theil des 3ten im Bette zubringen. Dann trat aber ein noch unübersteiglicheres Hinderniß in den Weg. Am 4ten früh 1 Uhr begann die Niederkunft4 von Augusta & nach 5 Uhr (gleichzeitig mit dem Abgange des Zuges nach Glarus) gebar sie ein kräftiges, gesundes Mädchen. Es freut Dich & die lieben Deinigen gewiß, zu vernehmen, daß das Ereigniß glücklich von Statten gegangen ist & daß sich Mutter & Kind bis zur Stunde recht wohl befinden. Ein Mädchen also & kein Knabe! Es ist sehr schwierig & jedenfalls unnütz zu discutiren, ob es so | recht sei oder ob es besser anders gewesen wäre. Wenn ich bedenke, wie viele Freude uns Lydia5 macht, so wird es am gerathensten sein, zu wünschen, daß es unsere zweite Tochter der ersten in dieser Beziehung gleich thue. Daß aber bei dem gerade wieder in letzter Zeit so angegriffenen Gesundheitszustande Augustens die Niederkunft bis jetzt einen so günstigen Verlauf genommen hat, ist für mich natürlich eine große Beruhigung.

Und wie geht es bei Euch? Hat die Katastrophe nicht einen nachtheiligen Einfluß auf den Gesundheitszustand Deiner verehrten Mutter6 & Deiner lieben Frau7 ausgeübt? Du hast nun wohl mit Landes-Gemeinde & Privatangelegenheiten vollauf zu thun. Es ist uns so peinlich, daß Ihr trotz meiner wiederholten Bitten nicht über uns verfügt habt. Wir hätten Euch so gerne mit Dingen, die Euch in den Flammen aufgegangen & die man sich nicht sofort wieder verschaffen kann, ausgeholfen! Die Bibliothek, deren Verzeichniß in Deinen Händen ist, harrt Deiner Verfügung.

Meine Mutter hat wieder schwere Anfälle durchzumachen gehabt. Meine Schwiegermutter8 & Schwägerinn9 sind vor der Niederkunft Augustens eingetroffen. Herzliche Grüße von uns Allen an Euch alle.

In alter Freundschaft

Dein treuer

A. Escher

Kommentareinträge

1Escher bezieht sich hier auf einen Brief von Johann Jakob Blumer vom 1. Juni 1861 und die Brandnacht von Glarus vom 10./ 11. Mai 1861. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 1. Juni 1861; Blumer, Erinnerungen, S. 34(c), 35(a); Miszellen, Eschers Engagement für die Opfer des Brands von Glarus.

2 Cosmus Blumer (1792–1861), Landammann (GL).

3 Peter Jenny (1800–1874), Nationalrat (GL), Verwaltungsrat der Vereinigten Schweizerbahnen.

4Es handelt sich um die Geburt Hedwigs. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 262–267; Jung, Escher, S. 110–112; Jung, Lydia Welti-Escher 2009 (Quellen, Materialien), S. 62–63; Alfred Escher an Kaspar Lebrecht Zwicky, 28. Juli 1862.

5 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta Escher-Uebel und Alfred Escher.

6 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter von Susanna Heer-Zwicky und Ratsherrn Joachim Heer; ab 1811 Frau des Kaufmanns und späteren Appellationsgerichtspräsidenten Adam Blumer.

7 Susanna Blumer-Heer (1820–1902), Tochter von Dorothea Heer-Schindler und Cosmus Heer, Cousine und ab 1843 Ehefrau von Johann Jakob Blumer, ältere Schwester des späteren Bundesrats Joachim Heer.

8 Juliane Charlotte Uebel-von Geiger (1816–1867), Tochter von Auguste von Geiger-von Kalb und Johann August Alexander von Kalb; seit 1837 Ehefrau von Bruno Uebel (1806–1840).

9 Anna Uebel (geb. 1840), Tochter von Juliane Charlotte Uebel-von Geiger und Bruno Uebel.