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Korrespondenz: Alfred Escher – Basil Ferdinand Curti

AES B1859 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#159*

Basil Ferdinand Curti an Alfred Escher, St. Gallen, Mittwoch, 26. Dezember 1860

Schlagwörter: Alpenstrassen, Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Helvetia (Studentenverbindung), Presse (allgemein), Regierungsrat LU, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Wahlen

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Voraus empfangen Sie meinen besten Dank für die freundlichen Worte am Schlusse Ihres verehrten Schreibens von 18ten. – Wenn dieselben auch viel zu viel Anerkennung für mich enthalten, so hoffe ich doch, daß Sie mich niemals anders kennen lernen werden, als bei diesem Vorgang, der uns zum ersten Mal in eine nähere Berührung brachte; wie sehr mir aber nun eben nun eine gute Meinung, und wenn ich es sagen darf, eine freundschaftliche Gesinnung von Ihnen werth sei, brauche ich Sie nicht erst zu versichern.

Es lag etwas Fatalistisches wie für die Sache, so für mich in Ihrer Erkrankung eben in dem Moment, da Ihre Anwesenheit so nöthig gewesen wäre. Nicht nur ist Ihr Spruch «les absents ont tort» nur allzu wahr; – ich habe es schwer fühlen müssen, daß es Lücken gibt, welche nicht ersetzt werden, & der Zufall seine große Rolle spielt.|

Wären Sie in Bern geblieben, wäre unser ursprüngliche Antrag ohne Zweifel nicht verändert worden; ich habe mich nur mit Widerstreben dem Verzicht auf jene erste Linie gefügt. Ja wäre Ihr Brief oder ein Telegramm womit Sie Ihre Ansicht näher ausgesprochen hätten, an mich gelangt, so hätte ich auch – zumal im Rückblick auf unsere mündlichen Besprechungen, die Aenderung nicht gewagt. Ich war eben im Begriff, Ihnen noch einmal zu telegraphiren, als Ihre Depesche anlangte, auf welche hin ich mich nicht nur legitimirt, sondern gedrungen fühlte, den veränderten Vorschlag abzuliefern. – Ich wußte es, daß diese Politiker par excellence nicht beistimmten, und von Gewinnung einer Mehrheit keine Rede sein könne; aber ich nahm an, durch die Conzession im 1. Satze einen festern Boden zu gewinnen & hoffte damit um so mehr auf den moralischen Sieg. Zu dem schien mir der vorher beendigte Rapport mit dem Antrage in Einklang & eine Mißdeutung oder Mißausbeutung um so weniger zu besorgen. –|

Diese Voraussetzung scheint sich mir auch gerechtfertigt zu haben – obwohl so Viele von dem Antrage noch wie er geboten wurde, zurückschreckten! (Aus Ihrem Canton blieb also, nach Ihrer Abreise, nicht ein Mann, der sich gedrungen gefühlt hätte, ein Wort für die Minoritæt in die Wagschale zu werfen, & aus dem Aargau stimmten Alle für Stehlin wenn nicht zur Majoritæt der Commission.) Als Lehre für die Zukunft muß ich freilich mit Ihnen anerkennen, daß es einer ganzen Festigkeit & Entschiedenheit bedarf, um sehr nahe liegenden Gefahren zu begegnen – aber – die keineswegs erbauliche Erfahrung habe ich in der kurzen Zeit meines Dortseins tief einprägen müssen –: in Bern muß man vorzüglich ausser dem Rathssaale sich vorsehen! Unter den Constellationen, wie sie eben sind, scheint dies in doppeltem Maaße zu gelten. –

Gewiß haben Sie sehr recht, wenn Sie ein Zusammenstehen wünschen, wie Ihr Schreiben es näher bezeichnet. Ich hoffe, daß es durch die Sache sich von selbst ergebe, – allerdings gilt es, für seine Ueberzeugung treu & ganz einzustehen – das ist aber auch | Alles, was ich von Jedem fordern möchte. Sprechen Sie dagegen weiter offen zu mir, wo Ihr Arzt Sie unterbrach; ich habe gerne bis auf den Boden klare Verhältnisse, & werde nichts lieber thun, als wo es von mir abhängt, zur Aufklärung von Mißverständnissen & Beseitigung alter Präoccupationen beizutragen. Die Presse begeht freilich ihre Fehler hie & da – leider sind wir nicht Herr derselben – und ich brauche Sie kaum zu versichern, wie sehr manches Produkt derselben meinen Freunden wie mir nicht recht lag. Es scheint in der Helvetia eine Art Solidaritæt angenommen zu sein, welche bedenklich werden kann. Junge Männer der besten Gesinnung werden befangen.

(Im Momente, da ich diese Worte schreibe, erhalte ich Anzeige von meiner Aufnahme in die hiesige Helvetia, welche auf Vorschlag meines Freundes Weder erfolgt sei & sogleich auch die Ernennung in eine «Alpenstraßencommission» zur Folge gehabt habe. – Ich werde gehen & meine Ansicht aussprechen wie in Bern – selbst wegen den Bundesrathswahlen.) | Nun entschuldigen Sie aber diese Weitläufigkeit, und empfangen Sie nur noch die Versicherung, daß es mich jederzeit freuen wird, Ihre Ansichten über vaterländische Verhältnisse näher zu vernehmen. Ich hoffe auf einen Einklang über alles Wichtigere, das man sich nun vor Augen halten kann. –

In der Anlage folgt die Eingabe des Gotthardtkomites an Ihre Gesellschaft die Hr Präsidt Blumer mir gefäll. übergeben hatte, zurück; die Druckschrift an die Regierung von Luzern wünschte angelegen, behalten zu können. Sie wird Ihnen wohl sonst zur Disposition liegen. Uebrigens muß ich das Geständniß ablegen, daß sie den Augenblick nicht in meiner Hand liegt; ein Mitglied unserer Bahnverwaltung, dem ich sie anvertraute, hat sie mir noch nicht restituirt. Natürlich werde ich aber Alles thun, um den | Fehler gut zu machen & ersuche Sie indessen um gefäll. Entschuldigung.

Ihre Genesung hoffe bestens gefördert, und wünsche von Herzen, daß sie bald eine vollständige seie – und der Jahreswechsel sich mit jedem guten Zeichen einstelle. So ernst die Außichten sind, trauen wir auf den Genius unseres Vaterlandes & den guten Willen wie den gesunden Sinn des Kernes seiner Bürger!

Mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergbster

F. Curti
alt LA.

St Gallen 26. 12. 60.

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