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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1855 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Bern, Donnerstag, 20. Dezember 1860

Schlagwörter: Alpenstrassen, Bundesrat, Familiäres und Persönliches, Gotthardbahnprojekt, Kommissionen (eidgenössische), Krankheiten, Lukmanierbahnprojekt, Nationalrat, Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Bern den 20. Dezember 1860.

Mein lieber Freund!

Empfange meinen besten Dank für Deinen l. Brief von vorgestern, aus welchem ich mit Vergnügen ersehen konnte, daß Deine Genesung sicher, wenn auch etwas langsam, forschreitet u. daß es auch Deiner verehrten Mutter etwas beßer geht. Gewiß war es eine sehr heilsame Anordnung des Arztes, daß er die Rückkehr nach Hause empfahl; denn selbst wenn Du hier die Sitzungen nicht besucht hättest, so hätten Dich doch Privatgespräche über die Tagesfrage u. petits comités im Bernerhofe, denen Du wahrscheinlich beigewohnt hättest, in beständiger Aufregung gehalten u. auf Dein körperliches Befinden ungünstig eingewirkt. Dazu kommt, daß man in kranken Tagen eben doch nirgendwo so liebreiche u. sorgsame Pflege findet wie im Schooße seiner Familie. Möge Deine Hoffnung, auf Weihnacht wieder vollkommen hergestellt zu seyn, in Erfüllung gehen u. mögest Du zugleich für die Zukunft Dich durch diesen neuesten Anfall gewarnt seyn laßen!

Was die Frage der Alpenstraßen betrifft, welche im Nationalrathe wohl auch heute noch nicht erledigt werden wird, so halte ich es keineswegs für ein Unglück, daß die HH. Stehli u. Fehr einen eignen Antrag | gestellt haben, indem, wie mir scheint, der Minderheitsantrag keine Aussicht hat angenommen zu werden, sondern dem Mehrheitsantrage gegenüber nur vielleicht der Antrag Stehli eine Mehrheit erhält. Geschieht letzteres, was mir in diesem Augenblicke noch als unsicher erscheint, so kömmt es mir vor, der praktische Erfolg sey so ziemlich der gleiche wie bei Annahme des Minderheitsantrages, nämlich Rückweisung an den Bundesrath zu gründlicherer u. umfaßenderer Untersuchung der ganzen hochwichtigen Angelegenheit. Ob Hr. Curti wohl daran that Deinen Antrag zu modifiziren, darüber kann man nun allerdings verschiedner Ansicht seyn; zu seiner Entschuldigung läßt sich jedenfalls anführen, daß Dein Antrag so ziemlich allgemein als eine reine Negation aufgefaßt wurde, die Du doch eigentlich auch nicht wolltest. Hrn. Curti's Bericht war sehr gründlich u. hat mich im Allgemeinen befriedigt; die Begünstigung des Gotthard gegenüber dem Lukmanier hat er sehr scharf betont, vielleicht nur zu scharf, indem nun sämmtliche Gotthardbetheiligte sich nur um so entschiedner von uns abwenden. Deine Vermuthung, daß die HH. Stehli u. Fehr sich mit durch Gotthardsympathien bestimmen laßen, wird wohl nur zu richtig seyn; auch Gutzwyler, der früher ganz auf unsrer Seite zu stehen schien, fängt sehr zu wanken an. Die Graubündner aber, anstatt wegen der aus dem Antrage des Bundesrathes so entschieden hervorleuchtenden Gotthardstendenzen sich rundweg auf unsre Seite zu schlagen, sind immer noch nicht mit sich darüber in's Reine gekommen, ob sie die Fr. 1,200,000 für ihr Straßennetz eher erhaschen können, wenn sie zum Antrage der Mehrheit oder wenn sie zum Antrage Stehli stimmen. | Das Votum des Hrn. Stehli war sehr gut u. gewandt; indem er alle möglichen Bergpäße als einer nähern Untersuchung würdig bezeichnete, hat er nach allen Seiten hin Netze für seinen Antrag ausgeworfen; nur die Graubündner waren nicht recht mit ihm zufrieden, indem es ihnen schien, er habe ihr Straßennetz zu wenig hervorgehoben. Hr. Stämpfli, deßen Vortrag wie immer viel Eindruck machte, brachte seine Gebirgsstraßen in Verbindung mit den drei großen europäischen Fragen, welche ihrer Lösung harren: 1. italienische Frage, 2. Frage der Rheingränze, 3. orientalische Frage; er schloß mit der patriotischen Ermahnung, man solle bei allgemein vaterländischen Intereßen die Eisenbahnfragen aus dem Spiele laßen!! Wie gesagt, zweifle ich sehr daran, daß der Nationalrath heute mit der Sache fertig werden wird; aber selbst wenn dies der Fall wäre, so würde man dem Ständerathe nicht zumuthen können, in die wichtige Frage jetzt noch einzutreten, soferne man wenigstens Sonnabends schließen will. Das Wahrscheinlichste ist also wohl, daß in dieser Session gar kein Bundesbeschluß zu Stande kömmt, dann aber wohl eine Frühlingssitzung anberaumt wird.

Mit den herzlichsten Wünschen für Deine vollständige Genesung u. der Bitte, mich Deiner verehrten Frau Mutter u. Gattin bestens zu empfehlen,

verbleibe Dein treuer

J J Blumer.|

P. S. Aus der heutigen Sitzung nur noch folgendes Intereßante: Salis ist nach einer schönen Rede zur Mehrheit übergesegelt, wie ich es so ziemlich von den Herren Grisons erwartete. Peyer stellt folgendes Amendement zu Art. 2 des Antrages Stehli: nach den Worten u. endlich soll es heißen: «eine Vorlage über die sämmtlichen vorauszusehenden Ausgaben, welche nach seinem Dafürhalten für das Militärwesen in der nähern Zukunft werden gemacht werden müßen, über die Reihenfolge, in der sie zu machn seyn werden, u. über die Frage, in welcher Weise diese Ausgaben gedeckt werden sollen, an die Bundesversammlung zu machen.» Mit großem Witz u. Humor, mitunter schlagend u. treffend, hat Hofmann den Minderheitsantrag vertheidigt. Die Berathung ist auf morgen verschoben!