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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1849 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Montag, 10. Dezember 1860

Schlagwörter: Bundesrat, Familiäres und Persönliches, Krankheiten, Parteienstreitigkeiten, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein bester Freund!

Ich hätte dir schon früher geschrieben, wenn ich nicht wegen des Stoffes in einiger Verlegenheit gewesen wäre. Zwar bin ich auch jetzt noch nicht in der Lage, Neuigkeiten dir referiren zu können, aber schon das Gefühl des Dankes für deine freundlichen Zeilen u der Eindruck der größten politischen Ueberraschung, in der wir hier seit Eröffnung des Bundesversammlung leben, drängen mich einigen Worten an dich zu schreiben. Ich glaube, ich habe mich in meinem Leben nie stärker getäuscht, als diesmal in dem Gange der Dinge in Bern; habe aber freilich den Trost, daß ich manchen Genossen hierin habe. Den Grund aller dieser Wahlhergänge kann ich jetzt noch nicht recht einsehen. Mir ist es unbegreiflich, wie ein Theil der Conservativen der Aargauer u. St. Galler mit dem Berner Radicalismus eine Allianz eingehen konnten! Wie man sich so compromittiren konnte, das beschränkteste Mitglied an die Spitze des Bundesrathes zu stellen, in einer Zeit, die eine kräftige Persönlichkeit für diese Stellung gerade erfordern soll, ist mir rein unbegreiflich! |

Doch über Alles kann ich für einstweilen mich nur wundern, denn der rechte Schlüssel fehlt mir dazu u. ich werde denselben wohl erst durch deine Mittheilungen empfangen können. Besonders interessirt mich auch das Benehmen ein oder der andern Persönlichkeit, so zB. Zieglers. Daß du diese unerwarteten Wendungen mit ziemlicher Ruhe hinnimmst, ist in Deinem u. der Sache Interesse. Lange können diese unnatürlichen Verhältnisse nicht Stand halten. Es würde sich die Unhaltbarkeit sofort zeigen, wenn die Hauptfragen in der Politik u. den Eisenbahnen zum Entscheide kommen würden. Hier in Zürich ist man in allen Kreisen empfindlich; denn man sieht in dem Benehmen in Bern einen Angriff auf dich u. den Canton Zürich selbst u. darin mag viel Wahres liegen.

Vom Belvoir wirst du gehört haben, daß deine gute Mutter wieder einen ihrer fatalen Anfälle gehabt hat. Sie befand sich, nachdem sie ihn überwunden, nach Dr Rahns Versicherung gar schwach, allein so gut, wie es unter solchen Verhältnissen möglich ist. Der Arzt hat ihr übrigens streng anempfohlen, daß sie bei den geringsten Voranzeigen jedesmal | sich ins Bett zu begeben u die verordneten Präservation anzuwenden habe. Du darfst wegen der neuen Wiederholung des Anfalls jedenfalls nicht mehr beunruhigt sein, als es früher der Fall gewesen ist. Deine arme Frau wird natürlich durch alles dies recht angegriffen u. die Nachrichten von Bern sind auch nicht dazu angetan, sie zu heben. Jngfr Escher befindet sich vortrefflich.

Mit Bedauern habe ich gehört daß dein Befinden sich nicht gebessert u. du vielleicht vor Ende der Bundesversammlung hierher zurückkehren würdest. Darnach muß ich leider annehmen, daß Du Dich recht unwohl befindest, denn sonst würdest du Bern wohl nicht verlassen wollen. Nimm dich ja, soviel wie möglich in Acht u. hüte dich vor jeder körperlichen u. geistigen Anstrengung.

Grüsse Bekannte u. sei der aufrichtigsten u freundschaftlichsten Zuneigung u. Anhänglichkeit versichert.

Ganz Dein

Er

Zürich
den 10. XII. 60.

Treichler hat gestern im Consumverein einen
glänzenden Sieg erfochten.