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Korrespondenz: Alfred Escher – Eduard Häberlin

AES B1847 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#591*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 42

Eduard Häberlin an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 25. November 1860

Schlagwörter: Bodenseegürtelbahn, Glattalbahn (Gl-TB), Grosser Rat TG, Lukmanierbahnprojekt, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Schweizerbahnen (VSB)

Briefe

Mein Lieber!

Da ich wegen des Gr. Rathes1 nur in einer Abendsitzung (von 4 Uhr an) erscheinen könnte &. somit auf die Mitwirkung verzichten muß, so will ich nicht unterlaßen, Dir offen zu sagen, daß ich große Bedencken hätte, für eine finanzielle Betheiligung gegenwärtig zu stimmen.2 Es scheint mir nämlich ziemlich ausgemacht, daß die Beitrags summe zum größeren Theile verloren sein wird &. also eine ökonom. Einbuße für die Aktionärs involvirt. Ob nach Abwägung der indirekten Vortheile &. Nachtheile des Luckmanier-Projektes für die N.O.B. sich eine solche unmittelbare Einbuße rechtfertiget, scheint mir zweifelhaft. | Ich fürchte sehr, der Verwaltungsrath &. die Generalversammlung werden ungefähr die gleichen Bedenken haben.3 Man wird einwenden: wenn das Unternehmen Chancen hat, so sollte es ohne 1 Million 4 der NO.B. zu Stande kommen; die N.O.B. hat nicht jede Zweigbahn, die im Projekte steht, finanziell zu unterstützen. Geht es aber schlecht, warum sollen wir schließlich in eine Gesellschaft kommen, von welcher wir uns bisher sorgfältig ferne gehalten haben &. nachdem unser Geschäft glänzend auf die eigenen Füße gestellt ist? Auf der andern Seite anerkenne ich gerne die allgemeinen politischen &. speziell die zürcher. Intereßen, die für die Sache sprechen. Doch schlage ich den Werth der erstern nicht sehr hoch an &. meine, wenn wir einmal den Finger | geboten haben, daß wir im Verlauf noch tiefer in den Sack werden greifen müßen, da das Obligationen-Kapital sich nicht finden wird.5

Die polit. Gesichtspunkte sind so wenig im Causalzusammenhang mit den materiellen Intereßen der N.O.B., daß es mir fast scheinen will, als Verwaltungsbehörde der letztern sei es gewagt, eine finanzielle Betheiligung auszusprechen. Als Mitglied6 der Staats- &. Stadt Behörden &. der Bundesversammlung mag es dagegen gut und ebenso werthvoll sein, jede nur mögliche [...l?] &. mittelb. Unterstützung der Union suisse zukommen zu laßen.

Das führt mich auf einen letzten Punkt, den ich nicht vorenthalten will. Als quasi thurg. Repräsentant in der Direktion habe ich ein doppeltes Bedencken in der Sache. |

Aus welchem Gesichtspunkte kann ich eine (obwol verhältnißmäßig unbedeutende) Beeinträchtigung der kantonalen Aktien rechtfertigen? Bei uns faßt man nun einmal die Sache als ein Mittel auf, den Curs der Aktien der Union suisse zu heben, wogegen die Luckmanierbahn der N.O.B. per Saldo keinen reellen Vortheil bringen werde, zumal wenn die Gürtelbahn sich anschließt &. die Glatthallinie7 nachfolgt?

Möglich, daß Deine Auffaßung &. Einsicht mich beruhigen wird, oder doch, daß ich höheren Intereßen die angedeuteten Rücksichten zu opfern habe. Finde ich den Fall vorhanden, so werde ich es jedenfalls thun.

Allein es ist vielleicht auch gut, daß ich Dir in Vorstehendem meinen ersten individuellen Eindruck geschildert habe.

In aller Eile
Mit besten Grüßen Dein

E. H.

Zürich d. 25 Nov. 1860.

Kommentareinträge

1Gemeint ist der Thurgauer Grosse Rat.

2Häberlin, Direktionsmitglied der Schweizerischen Nordostbahn, bezieht sich auf das Gesuch des Lukmanierkomitees an die Schweizerische Nordostbahn um Aktienbeteiligung vom 5. November 1860. Vgl. Schreiben Lukmanierkomitee an Dir. NOB, 5. November 1860 (BAR J I.67-5.53); Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, 28. April 1861; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 44.

3Die nächste Generalversammlung der Schweizerische Nordostbahn fand erst am 30. April 1861 statt. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1860.

4Im Gesuch des Lukmanierkomitees an die Schweizerische Nordostbahn wird keine Summe genannt. Die als Absichtserklärung verfasste Antwort der Schweizerischen Nordostbahn ans Lukmanierkomitee vom 19./23. März 1861 spricht davon, «bei der General-Versammlung der Nordostbahngesellschaft die Ermächtigung zur Uebernahme von Actien für die Lucmanier-Unternehmung im Betrage von einer Million Franken nachzusuchen» . Schreiben Dir. NOB an Lukmanierkomitee, 19./23. März 1861 (BAR J I.67-6.59). Vgl. Geschäftsbericht NOB 1860, S. 5–7.

5Gemäss der Auflistung im Abschnitt «Constituirung des Baucapitals» des Gesuchs beabsichtigte das Lukmanierkomitee einen guten Drittel (24 Mio. Franken) der veranschlagten 70 Mio. Franken durch Obligationen zu decken. Für die anderen zwei Drittel war eine Aktienbeteiligung Sardinien-Piemonts bzw. von Kantonen und Gemeinden in der Ostschweiz und den Vereinigten Schweizerbahnen vorgesehen. Vgl. Schreiben Lukmanierkomitee an Dir. NOB, 5. November 1860 (BAR J I.67-5.53).

6Gemeint ist Escher, der ab November 1859 auch auf kommunaler Ebene, im Grossen Stadtrat Zürich, politisch tätig war. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 145, 1004.

7Gemeint ist nicht die alte Glattalbahn, sondern deren Fortsetzung dem unteren Lauf der Glatt nach. Um die entsprechende Konzession hatte sich 1857 ein eigenes Komitee bemüht. Diese Linie wurde von der Schweizerischen Nordostbahn und von Grossrat Escher als von den Vereinigten Schweizerbahnen initiierte Konkurrenzlinie bekämpft. Vgl. NZZ, 3. Juli 1857, 4. Juli 1857, 8. September 1857, 14. Dezember 1858.