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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1825 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Bad Rippoldsau, Dienstag, 24. Juli 1860

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Krankheiten, Kuraufenthalte, Liberale Presse, Nationalrat, Reisen und Ausflüge, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

F: G: EHRHARDT
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ZÜRICH

Mein theuerster Freund!

Ich rechne auf deine Nachricht, wenn ich erst heute an Dich schreibe u. dir – da ich Deine u. der Deinen liebevolle Theilnahme für mich nur zu gut kenne – vor allen Dingen sogar, daß ich mich erträglich, bisweilen so gar recht wohl fühle und befinde. Mein Befinden würde wahrscheinlich noch besser sein, wenn nicht das fürchterliche Wetter nicht nur für mich, sondern alle Anwesenden einen deprimierenden Einfluß hätte. Seit ich hier bin haben wir nur einen regenfreien Tag gehabt. Ein Regentag in Rippoldsau ist aber doppelt Grau u. traurig! Daß ich dann aber ebenfalls Alles Grau u. niedergeschlagen ansehe, ist so in der Ordnung für mich, daß ich mich selbstverständlich darüber nicht wundere u. noch weit weniger darüber klagen darf. Doch darüber genug; ich will Dich nicht mit Klagen aus der Ferne belästigen. |

Die Gesellschaft, welche ich hier gefunden habe ist im Ganzen angenehm. Zuerst Landsleute aller Art. Ich habe aus der großen Masse nun als meinen sehr angenehmen Tischnachbar den Schwiegervater von N.R. Planta Herr v. Planta-Reichenau se[nior?] u. Prof. Grob aus Zürich, mit dem ich viel verkehre u. der mir ungemein gefällt. Wir haben schon Alles, was zwischen Zürcherischen Himmel u. Erde liegt u. sich bewegt durchgesprochen u. ich muß seine Unbefangenheit gegen Freund u. Feind anerkennen. Du hast, beiläufig bemerkt, eine wahre u. anerkennende Würdigung deiner Bestrebungen u. nicht nur aus neuester Zeit, bei ihm gefunden. Unter den übrigen Schweizern, Deutschen u. Elsässern befinden sich ganz umgängliche Persönlichkeiten, die sich zu einem recht erquicklichen Kreise vereinigt hatten, dem ich mich angeschlossen habe u. so bieten die hiesigen socialen Verhältnisse auf alle Fälle mehr Resourcen, als es in Kissingen war. Frau Stockar wird es besonders interessiren, zu hören, daß in diesem Kreise Frau Lessing die Gattin des bekannten Mahlers, eine mehr liebenswürdige als schöne Dame herrscht. |

Ueber Politik erhalten uns N. Z. Zeitung u. Bund auf dem Neusten. Dubs hat auf Basis der nationalräthlichen Verhandlungen mit Geschick die erhaltene Schlappe wieder zu verwischen gesucht u. so dürften die Gesammtresultate der letzten Bundesversammlung am Ende doch nicht so erfolgreich für Stämpfli geworden sein, wie seine Anhänger annehmen. Recht albern scheint, nach unser aller Ansicht, Welti gesprochen zu haben.

Wie geht es im Belvoir? Wie befindet sich deine gute Mutter? Hat sie die Beschwerde der großen Wäsche glücklich überwunden? Ich habe lebhaft wegen der Schwierigkeiten des Trocknungs–Processes an sie gedacht. Leider muß ich befürchten, daß bei diesen Sorgen, die zu den schwersten einer Hausfrau gehören sollen, die Erinnerung an mich ganz verwischt oder richtiger verwaschen worden ist u. daß es deshalb dringend nöthig ist, Dich zu bitten, mich durch freundliche u. herzliche Empfehlungen u. Grüsse wieder in ein lebendiges Andenken zu bringen. Frau Escher u. Jgfr Escher sind jetzt wohl in Stachelberg, wo nach Versicherung einiger hiesiger Glarner ein detestables Wetter sein muß. Empfiehl mich beiden aufs aller Angelegentlichste; ebenso Herrn u. Frau Stockar, die, wie ich annehme zur Stunde noch in Zürich sein wird. Ueber Eggbert hat sich Grob recht günstig, hinsichtlich dieses Semesters, ausgesprochen. Grüsse ihn ebenfalls! |

Am 7. August reise ich von hier nach Heidelberg um eine Schwester & ihre Tochter nach Zürich abzuholen. Leider ist sie ohne wesentlichen Erfolg schon 2 Monate wegen eines Herzleidens in Schlangenbad gewesen u. soll bis Ende September Molken u reine Luft in der Schweiz genießen. Ich bin in einiger Verlegenheit, wo ich in der Nähe von Zürich einen passenden Ort für sie finden werde, freue mich aber sehr, endlich ein Mitglied meiner Familie in meiner Nähe haben zu können; wobei es freilich betrübt ist, daß meine arme Schwester wegen ihres Leidens sich fast nur auf ihre Wohnung u. deren nähere Umgebungen wird beschränken müssen.

Adieu, mein guter lieber Freund. Nochmals die herzlichsten u. wärmsten Empfehlungen für Alle die Deinigen u. für dich die Versicherung meiner treusten u. aufrichtigsten Anhänglichkeit u. Freundschaft.

Stets Dein

Er

Rippoldsau
den 24. Heumon. 1860.