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Korrespondenz: Alfred Escher – Joachim Heer
  • 1820
  • 1830
  • 1840
  • 1850
  • von Joachim Heer, 21. Juni 1860 Schlagwörter: Lukmanierbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Südostbahn (SOB), Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnen Bau und Technik, Bittbriefe (diverse), Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Gotthardbahnprojekt AES B1815+
    1860
  • von Joachim Heer, 27. Juni 1863 Schlagwörter: Brand von Glarus (1861), Versicherungswesen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Landsgemeinde GL, Regierungsrat ZH AES B2009
  • von Joachim Heer, 8. Dezember 1866 Schlagwörter: Wahlen, Bundesrat AES B2179
  • von Joachim Heer, 20. April 1867 Schlagwörter: Bundesrat, Personelle Angelegenheiten, Gesandtschaft in Berlin AES B2194
    1. von Joachim Heer, 19. März 1869 Schlagwörter: Schweizerische Bundesverfassung AES B2304
    2. von Joachim Heer, 23. März 1869 Schlagwörter: Schweizerische Bundesverfassung AES B2305
    3. von Joachim Heer, 1. April 1869 AES B2308
    4. von Joachim Heer, 6. Juni 1869 Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Einladungsbriefe (diverse) AES B2340
    5. von Joachim Heer, 23. Juni 1869 Schlagwörter: Schweizerische Bundesverfassung AES B2346
  • 1870
    1. an Joachim Heer, 17. August 1876 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesrat, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahnprojekt AES B8474
    2. von Joachim Heer, 20. August 1876 Schlagwörter: Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Gotthardbahnprojekt, Reisen und Ausflüge AES B2837+
    1. von Joachim Heer, 5. Januar 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Personelle Angelegenheiten, Beschwerdebriefe (diverse), Gotthardbahnkonferenzen AES B2893
    2. von Joachim Heer, 16. Januar 1877 Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesgericht, Rechtliches, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Kommissionen (eidgenössische) AES B2895+
    3. von Joachim Heer, 19. Januar 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesrat, Gesandtschaft in Berlin, Gesandtschaft in Turin/Florenz/Rom, Vereinigte Bundesversammlung, Gotthardbahnkonferenzen AES B2897+
    4. an Joachim Heer, 24. Januar 1877 Schlagwörter: Bundesrat, Presse (allgemein), Gotthardbahn-Gesellschaft (GB) AES B8475+
    5. von Joachim Heer, 25. Januar 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bözbergbahn (BöB), Presse (allgemein), Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Gesandtschaft in Berlin, Gesandtschaft in Turin/Florenz/Rom AES B2900+
    6. an Joachim Heer, 31. Januar 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB) AES B2905
    7. von Joachim Heer, 1. Februar 1877 Schlagwörter: Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt AES B2906+
    8. an Joachim Heer, 2. Februar 1877 Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB) AES B2911
    9. von Joachim Heer, 14. Februar 1877 Schlagwörter: Schweizerische Nordostbahn (NOB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt AES B2913
    10. von Joachim Heer, 18. Februar 1877 Schlagwörter: Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Vereinigte Bundesversammlung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt AES B2915+
    11. an Joachim Heer, 19. Februar 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung, Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt AES B8476+
    12. an Joachim Heer, 21. Februar 1877 Schlagwörter: Schweizerische Nordostbahn (NOB), Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion AES B8477+
    13. von Joachim Heer, 29. April 1877 Schlagwörter: Schweizerische Nordostbahn (NOB), Landrat GL, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur) AES B2969
    14. an Joachim Heer, 30. April 1877 Schlagwörter: Schweizerische Nordostbahn (NOB), Eisenbahnen Finanzierung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur) AES B8478+
    15. von Joachim Heer, 12. Juni 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur) AES B3001
    16. an Joachim Heer, 9. Juli 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB) AES B8479
    17. von Joachim Heer, 21. Juli 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnkonferenzen, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt AES B3010+
    18. an Joachim Heer, 31. Juli 1877 Schlagwörter: Schweizerische Nordostbahn (NOB), Gotthardbahn-Gesellschaft (GB) AES B8480
    19. von Joachim Heer, 16. August 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesrat, Regierungsrat BE, Grosser Rat BE, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Schweizerische Centralbahn (SCB), Jura Bernois (Bernische Jurabahnen) (JB), Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahnprojekt AES B3016+
    20. von Joachim Heer, 20. August 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Italienisches Parlament, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Lagebeurteilungen (diverse), Kuraufenthalte, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion AES B3019
    21. von Joachim Heer, 7. September 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesrat, Gesandtschaft in Berlin, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Regierungsrat BE, Gotthardbahnkonferenzen AES B3035+
    22. von Joachim Heer, 9. Oktober 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Rechtliches, Presse (allgemein) AES B3062+
    23. an Joachim Heer, 10. Oktober 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Eisenbahnen Finanzierung, Rechtliches, Bundesrat, Schweizerische Nordostbahn (NOB) AES B3064+
    24. von Joachim Heer, 11. Oktober 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Rechtliches, Bundesrat, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahnprojekt AES B3066+
    25. an Joachim Heer, 15. Oktober 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Eisenbahnen Finanzierung, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion AES B3067+
    26. von Joachim Heer, 17. Oktober 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Rechtliches, Eisenbahnen Finanzierung, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Tunnelbau, Gotthardtunnel AES B3068+
    27. von Joachim Heer, 11. November 1877 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesrat, Bundesgericht, Diplomatische Aktivitäten, Personelle Angelegenheiten AES B3078+
    28. an Joachim Heer, 19. November 1877 Schlagwörter: Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Rechtliches AES B8481
    1. von Joachim Heer, 5. Januar 1878 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Eisenbahnen Finanzierung, Kommissionen (kantonale), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt AES B3091+
    2. von Joachim Heer, 15. März 1878 Schlagwörter: Bundesrat, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Kommissionen (kantonale), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Presse (allgemein), Gotthardbahnprojekt AES B3118+
    3. von Joachim Heer, 15. April 1878 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Eisenbahnen Bau und Technik, Krankheiten, Vereinigte Bundesversammlung, Gotthardbahnkonferenzen AES B3138+
    4. von Joachim Heer, 17. Mai 1878 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Presse (allgemein), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur), Eisenbahnen Finanzierung AES B0085
    5. von Joachim Heer, 10. August 1878 Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Bundesrat AES B3204+
  • 1880
  • o. J.

AES B1815 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#252*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 37

Joachim Heer an Alfred Escher, Glarus, Donnerstag, 21. Juni 1860

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bittbriefe (diverse), Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Schweizerische Südostbahn (SOB)

Briefe

Hochgeachteter Herr Bürgermeister!1

Entschuldigen Sie, wenn ich mir die Freiheit nehme, Ihre vielfachen & wichtigen Beschäftigungen für einen Augen blikk zu unterbrechen: der Gegenstand meiner Mittheilung ist der Art, daß ich das entschiedene Bedürf niß fühle, mich darüber mit Ihnen zu besprechen; es ist die Ihnen bereits hinlänglich bekannte Lukmanier-Bahn-Angelegenheit, über welche, wie ich heute durch Hrn. Boller erfahre, lezzter Tage bereits einläßlich mit Ihnen verhandelt worden ist.2 In der Ungewißheit, wie Sie zu der Sache stehen, ob Sie dem Gründungs- Comité beizutreten gesonnen sind oder nicht, ligt mir die Anmaßung sehr ferne, irgend wie auf Ihren Entschluß influiren zu wollen; aber ich halte es für angemessen, Ihnen in ganz vertraulicher Weise über die Eindrükke zu berichten, welche ich an der Versammlung von lezztem Sonntag empfangen habe. –

Zuerst meine persönliche Stellung zu der ganzen Sache: vor etwa 14 Tagen war Hr. v. Planta hier bei mir, um mich ins Interesse zu ziehen & zum Beitritt zum Comité zu bewegen. So sehr die Frage mich interessirt, hatte ich doch geringe Lust, mich näher zu betheiligen, zumal ich mir in keiner Richtung die erforderlichen Eigenschaften zutraute, um etwas nüzzen zu können & ich hinwieder keinerlei Neigung habe, den bloßen Figuranten zu spielen oder meinen Namen zu einer Unternehmung zu leihen, deren Gang ich nicht auch in irgendwelchem, wenn auch noch so bescheidenem Maße mitzubestimmen in der Lage wäre. Ich lehnte daher den Eintritt in ein Comité bestimmt ab, erklärte mich aber bereit, nach St. Gallen zu kommen, wenn dahin - wie Hr. v. Planta andeutete - eine größere Versammlung von notablen Ostschweizern berufen würde, um die Angelegenheit in öffentlicher Besprechung etwas weiter zu fördern. Auf lezzten Sonntag nun erhielt ich auf telegraph. Wege die Einladung nach Horn bei Rorschach u. in der Voraussezzung, daß es sich eben um jene größere Versammlung handle, begab ich mich nebst dem ebenfalls einberufenen Hrn Rathsh. P. Jenny 3 auf den Weg. Ich war etwas erstaunt, als ich an Ort & Stelle erfuhr, daß außer dem bisherigen Lukmanier -Comité ( Planta , Michel , Wirth , Boller & Killias ) nur wir zwei Glarner erwartet wurden, & gestehe, daß ich, hätte ich das zuerst ge wußt, wahrscheinlich nicht erschienen wäre. Die Versammlung war von vorneherein etwas verduzzt durch Ihre Abwesenheit, von der man voraussezzte, daß sie auf einem Mangel an Bereitwilligkeit zur Cooperation beruhe; indessen ging man an die Discussion u. verhandelte ein Paar Stunden, ohne er hebliches Resultat. Das Wesentliche kennen Sie ohne Zweifel bereits aus den Mittheilungen von Hrn. Boller & ich will also nicht wiederholen; namentlich wissen Sie, daß Michel nach Turin geht, um mit Brassey 4 – auf Ratification hin – einen traité à forfait abzuschließen.5 In Hrn. Jenny & mich wurde sehr gedrungen, daß wir dem Comité beitreten möchten u. wenigstens Hr. Jenny scheint nicht abgeneigt zu sein, diesem Rufe zu folgen.6 Was mich anbelangt, so behielt ich mir Bedenkzeit anvor & er klärte von vorneherein, daß es für meinen Entschluß maßgebend sein werde, ob Sie sich zum Beitritte bestimmen lassen werden oder nicht. Ich habe seither reiflich & ruhig die Sache erwogen & die Neigung, «in dem Ding zu sein» hat sich eher vermindert als vermehrt; jedenfalls steht die Resolution fest, daß | sofern Sie sich nicht an die Spizze stellen, auch von mir keine Rede sein kann, während unter Umständen allerdings ich mich dazu verstehen könnte, unter Ihrer Fahne als bescheidener Adjutant mit ins Feld zu ziehen. Das Motiv zu diesem Entschlusse ist ein sehr einfaches: es handelt sich um eine großartige, weit aus sehende, hochwichtige Unternehmung u. meine Beobachtungen am Sonntag haben mir den Eindruck zurükkge lassen, daß die Männer, die bisher die Sache in ihren Händen gehalten u. ferner zu halten gedenken, einer solchen Aufgabe nicht gewachsen sind. Ich war eigentlich erstaunt über die wunderbare Leichtigkeit, womit man die Angelegenheit behandelt, über die Unbesonnenheit, womit man, ohne vorher der Mittel irgendwie sicher zu sein, bereits an Vertragsabschlüsse denkt; über den Mangel an Gedächtniß für die bittern Erfahrungen der Südostbahn , womit man abermals einem englischen Spekulanten das wichtige Unternehmen überlassen will7 , ohne zuvor sich über das System, worauf die Alpenbahn angelegt werden soll, ins Klare gesezzt zu haben. Sie kennen ohne Zwei fel den Plan von Wethli 8 , der nicht über den Lukmanier, sondern über den Greina-Paß gehen will9 , der einen Tunnel von 20 Kilom. (davon 9 Kilom. ohne Schacht ! ) anbringen, aber den Ein- & Ausgang desselben in eine relativ äußerst niedrige Region (1000–1100 mètres über Meer) verlegen will. Es ist kein Zwei fel, daß gegen dieses Project sehr ernste Bedenken10 erhoben werden können; aber wenn nun die Hrn. Pestalozzi 11 & Michel in aller Schnelligkeit in Wethlis werthvolle topographische Aufnahmen ein anderes Project eingezeichnet u. ein ganz absonderliches System von s.g. Tiroirs mit 16 Kopfstationen aufge stellt haben, wobei die Bahn (außerhalb des Tunnels an der Spizze) in eine Höhe von 6000' hinaufgeführt würde, so mag das eine geistreiche u. originelle Lösung der Lage sein; an Bedenken dagegen wird es aber sicherlich, namentlich in Betreff des Betriebes, auch nicht fehlen.12 Meine Ansicht nun ist es, wenn man ernstlich an die Sache hingehen will, so sollte zu allererst recht ernstlich & reiflich das System erwogen werden, nach welchem das Unternehmen ausgeführt werden soll, u. das entscheidende Wort hierüber gehört doch sicherlich auch Denen, die ihr Geld dazu hergeben, resp. einer engern Behörde, welche duch das Vertrauen Jener hiezu berufen ist. Daß aber ein Comité, das nur sich selbst repräsentirt u. von Niemanden Vollmacht trägt, diese wichtige Frage von sich aus abthue oder gar durch einen traité à forfait in das Ermessen eines Bauspeculanten lege, & hinterher bei Regierungen & Privaten um Millionen bettle – das, scheint mir, ist ein ganz ungehöriges Verfahren, das Alles compromittiren könnte. Wenn mich nicht alle Zeichen trügen, verstehen sich die Hrn. Michel & Brassey ziemlich gut. Hr. Michel wird aus Turin zurükkehren mit einem auf Ratification hin abgeschlossenen Vertrage;13 er wird uns sagen: wenn Ihr Ja dazu sagt, so ist schleunige Ausführung & energische Subvention von Seite der piemontischen Regierung gesichert; sagt Ihr Nein, so zerschlägt sich Alles u. Ihr tragt dann die Verantwortlichkeit, wenn inzwischen der Gotthard den Bündner Pässen den Vorrang abläuft. So genau ist es s. Zt. gegangen bei allen wichtigen Entscheiden in Sachen der S.O.-Bahn u. die thörichte Furcht vor jenen Drohungen führte von übereilten Schritten & Mißgriffen zu andern. Soll Aehnliches bei der Alpenbahn vermieden werden, so bedarf es einer festen Hand, die, unverrükkt das Ziel im Auge, sich nicht bange machen läßt durch augenblikkliche Conjuncturen von spekulationssüchtigen Intriguen; die das Unternehmen zur Hand nimmt, wie man solider & verständiger Maßen große Fragen zur Hand nehmen muß; welche die ganze Sache aus dem nebel- & traumhaften Zustande, in dem sie jezzt sich befindet, herunterzuziehen weiß auf den festen Boden praktischer Untersuchung, Sichtung & Entscheidung. Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: soll das Lukmanier-Project als eine ernsthafte Unter nehmung, nicht bloß als eine Phantasie, auf die Tagesordnung kommen, so ist es unerläßlich, daß ein bedeutender & bewährter Name an der Spizze stehen, nicht vorzugsweise Leute, deren Eisenbahn-Präcedentien so fataler u. omi nöser Natur sind, wie bei den Hrn. Planta , Wirth , Killias &s. f.14 In allen diesen verschiedenen Richtungen wendet sich ganz von selbst jeder Blikk nach Ihrer Person; Ihr Beitritt gibt der Sache nicht blos Relief (das wäre am Ende von minderer Bedeutung), aber einen ganz anderen Character; von dem Augenblikke an, wo Sie | dabei sind, wird Jedermann wissen & glauben, daß es Ernst gilt; das Vertrauen wird sich dem Unternehmen zuwenden & mit diesem sicherlich auch die ökonomischen Mittel, während, wenn Sie ferne stehen, u. die Dii minorum gentium 15 allein sich mit der Sache zu schaffen machen, sicherlich entweder nichts oder etwas Verfehl tes zu Stande kommen wird. Das ist die Ueberzeugung, die ich am Sonntag mit nach Hause gebracht & worüber ich auch auf der Heimreise Hrn. Boller ganz freimüthige Bemerkungen gemacht habe.

Ob das Project eines Alpenübergangs mittelst der Eisenbahn überhaupt reif sei; ob man sich nicht großen Täuschungen hingibt in Betreff des dadurch zu vermittelnden Verkehrs; ob eine Alpenbahn mit ihren unzähligen Betriebs schwierigkeiten die Concurrenz auszuhalten im Stande sein wird auch mit der viel längern, aber durch ebenes Land sich hinziehenden Linie Genf Marseille; ob Genua das Zeug an sich hat, der großartig ent wikkelten Rhederei des südfranzösischen Emporiums16 Abbruch zu thun – das sind noch lauter Fragen, die ich mir zweifelvoll aufwerfe, ohne der Antwort sicher zu sein. Genaue Studien über das ganze Unternehmen, mit Ausnahme der spezifisch-technischen, scheinen gar nicht gemacht zu sein: die schweiz. Kreditanstalt17 ist seit Jahren im Besizze d. Concessionen & hat viel Geld für Reisen & Untersuchungen an Ort & Stelle ausgegeben; aber ein lucides Exposé mit Darlegung aller sachbezüglichen Factoren fehlt meines Wissens ganz. Auch die Verhandlungen mit Sardinien stehen ziemlich in der Luft: begreiflicher Weise; wie könnte es anders sein, da schweizerischer Seits der Contrahent über keine halbe Million zu verfügen hatte18 & also an eine ernstliche Un terhandlung kaum zu denken war, es sich vielmehr nur um ein ewiges Sollicitiren handeln konnte. Das ein zige wirklich Werthvolle, was zur Zeit besteht, ist die vorzügliche topographische Vorarbeit von Wethli , welche für die ganze technische Frage eine unschäzzbare Grundlage darbietet. Sonst aber, glaube ich, muß Alles von vorne angefangen & zum Theil anders angefangen werden. Sind Sie geneigt, auch diese neue Last zu den alten zu übernehmen? Von Ihrem Ja oder Nein hängt meines Erachtens das Geschikk einer der interessantesten u. folgenreichsten Unternehmungen ab. Wichtig ist der Entscheid hauptsächlich deshalb, weil die Frage: Gotthard oder Bündner-Pässe? ohne Zweifel nächstens gestellt sein wird & die Chancen für den Gotthard & Alles, was damit zusammenhängt, ohne Weiteres in derselben Proportion steigen, als die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Anhand nahme des Lukmaniers geringer wird.

Sie sehen, mein hochgeachteter Herr Bürgermeister! daß ich Ihnen eigentlich nichts Anderes zu sagen weiß, als sub jective Eindrükke, Befürchtungen, Bedenken, Zweifel – & nur Eine bestimmte Ueberzeugung: daß Sie das Ge schikk des Lukmanier-Projectes in der Hand halten. Es ist beinahe ein Zufall, der mich mit dieser Unter nehmung in eine nähere Berührung gebracht hat: nachdem es geschehen, ist ein höheres Interesse dadurch in mir gewekkt worden u. dieses Interesse allein ist es, was mir den Gedanken nahe legte, Ihnen diese Zeilen zu gehen zu lassen. Ich zähle auf Ihre gütige Nachsicht, indem ich hoffe, Sie werden mir diesen Schritt nicht als un bescheiden oder zudringlich übel nehmen. Im höchsten Grade aber bin ich gespannt auf den Entschluß, welchen Sie fassen werden u. den mir wohl Hr. Boller wieder mittheilen wird, da ich Ihnen in keiner Weise zumuthe, mir darüber directe Mittheilungen zu machen -

In der Hoffnung, Sie in kurzer Zeit in Bern wieder begrüßen zu können19 , ergreife ich gerne diesen Anlaß, Ihnen den Ausdrukk meiner hochachtungsvollen Gesinnungen darzubringen, womit ich mich zeichne

als Ihr ganz ergebener:

Dr J. Heer

Glarus , 21. Juny 1860. –

Kommentareinträge

1Mit «Bürgermeister» wurde in Zürich vor 1850 der Regierungspräsident bezeichnet. Escher hatte dieses Amt allerdings nur bis 1855 inne. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 134, 145, 1017; Staatsarchiv ZH, Zürcher Verfassungsgeschichte, S. 54–56.

2Die Lukmanieranhänger versuchten Escher zum Beitritt ins neue, erweiterte Lukmanierkomitee zu veranlassen. Daniel Wirth-Sand an Alfred Escher, 22. Juni 1860; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 40.

3 Peter Jenny (1800–1874), Ratsherr, Nationalrat (GL) und Verwaltungsrat der Vereinigten Schweizerbahnen.

4 Thomas Brassey (1805–1870), international tätiger englischer Geschäftsmann, grösster Eisenbahnunternehmer seiner Zeit; baute unter anderem den Hauenstein-Scheiteltunnel. Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 34.

5 «Herr General Director Michel besorgt die einleitenden Unterhandlungen mit dem Deleguirten des Hauses Brassey bezüglich der Übernahme der Ausführung, wobei als Einleitungs Bedingung aufgestellt wird, dass sich fragliches Haus für eine Minimal Summe von Elf Millionen franken am Lukmanier Unternehmen betheilige.» Prot. Ausschuss Lukmanierkomitee, 28. Juni 1860. Vgl. Prot. Ausschuss Lukmanierkomitee, 23. Juli 1860.

6Weder Jenny noch Heer traten dem Lukmanierkomitee bei. Vgl. Brief Joachim Heer an Daniel Wirth-Sand, 26. Juli 1860 (SBB Historic VGB_GEM_SBBZH104_041); Planta, Bericht, S. 5, 11.

7Zu den Auseinandersetzungen zwischen dem englischen Konsortium und der schweizerischen Sektion der Schweizerischen Südostbahn Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 11 Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 22.

8 Kaspar Wetli (1822–1889), Oberingenieur der Schweizerischen Ost-West-Bahn, vor der Fusion zu den Vereinigten Schweizerbahhnen Oberingenieur der Glattalbahn.

9 Wetli fertigte in seiner 1858 abgeschlossenen Studie genaue Aufnahmen der Terrainverhältnisse in der Lukmaniergegend an und schlug daraufhin eine Linienführung durch die Greina vor. Vom Projekt mit dem von Heer erwähnten 20,5 km langen Tunnel entwarf er eine weitere Variante mit einem höher gelegenen Tunnel von bloss 10 km Länge. Das Lukmanierkomitee konnte sich jedoch mit einer Greinalinie «nicht ganz befreunden» . Planta, Bericht, S. 5. Vgl. Wetli, Eisenbahnstudien; Caprez, Übersteigung, S. 217–218; Schmidlin, Ostalpenbahnfrage, S. 50–51; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 34.

10Sofortige Korrektur, zuvor: «Zweifel» .

11 Ludwig Pestalozzi (1825–1867), Oberingenieur der Vereinigten Schweizerbahnen.

12 Michel und Pestalozzi erhielten 1859 vom Lukmanierkomitee den Auftrag, auf der Grundlage von Wetlis Terrainaufnahmen weitere Details zum Lukmanierprojekt auszuarbeiten. Ihr mehrmals abgeändertes Projekt basierte auf einem Prinzip mit anfänglich 16 Spitzkehren (Kopfstationen), die in den zwei 1860 veröffentlichten Versionen auf 10 bzw. 8 reduziert werden konnten. Der schachtbare Tunnel hätte eine Länge von 1,7 bzw. 5,4 km gehabt; der Kulminationspunkt wäre auf 1870 bzw. 1832 m über Meer (6080 bzw. 6200 Fuss) zu liegen gekommen. Bauprinzip und Kulminationspunkt wurden in der vom Lukmanierkomitee in Auftrag gegebenen Expertise vom Herbst 1860 von August von Beckh und Carl Culmann stark kritisiert. Vgl. Michel/Pestalozzi, Passage; Beckh/Culmann, Bemerkungen; Planta, Bericht, S. 6–7; Schmidlin, Ostalpenbahnfrage, S. 51–52; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 36.

13Die Verhandlungen verliefen ergebnislos, da Brassey sich nicht zur Übernahme von Lukmanier-Aktien bereit erklärte. Vgl. Prot. Ausschuss Lukmanierkomitee, 23. Juli 1860; Planta, Bericht, S. 11.

14Heer meint wohl den unvorsichtigen und unprofessionellen Umgang der schweizerischen Sektion der Schweizerischen Südostbahn mit ihren englischen Geldgebern (Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 20) sowie die mehrfachen Budgetüberschreitungen bei der Baufinanzierung der Vereinigten Schweizerbahnen und die problematischen Finanzoperationen der VSB-Spitze, die neben anderen Faktoren zu einem rapiden Kurszerfall von Aktien und Obligationen der Vereinigten Schweizerbahnen geführt hatten. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 64–75.

15Dii minorum gentium (lat.): Götter aus den geringeren Geschlechtern.

16Emporium ( gr. /lat.): (zentraler) Handelsplatz, Markt.

17Gemeint ist die Deutsch-Schweizerische Kredit-Bank in St. Gallen, welche im Dezember 1856 bzw. Juli 1857 die Tessiner und die Bündner Lukmanierkonzession übernommen hatte. Vgl. Schmidlin, Ostalpenbahnfrage, S. 46–49.

18Der sogenannte Lukmanierfonds war mit 460 000 Franken dotiert und stand der Deutsch-Schweizerischen Kredit-Bank als Konzessionsinhaberin zur Verfügung. Entstanden war der Fonds durch einen Nachtragsvertrag zum Fusionsvertrag der Vereinigten Schweizerbahnen, der aufgrund des Verlustes durch den Vergleich der Schweizerischen Südostbahn mit dem Generalakkordanten Edward Pickering nötig geworden war. Die Aktionäre der Glattalbahn und der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn verzichteten auf die ihnen zustehenden Ausgleichszahlungen zugunsten des Lukmanierfonds. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 55–57. – Zu Fusion und Vergleich mit Pickering Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 17. April 1856, Fussnote 12; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 26.

19Die eidg. Räte traten am 2. Juli 1860 zur ordentlichen Sommersession zusammen. Vgl. BBl 1860 II, S. 508.