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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1792 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 25. März 1860

Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Grosser Rat BE, Helvetia (Studentenverbindung), Konflikte mit Drittstaaten, Landesverteidigung und Militär, Savoyer Frage (1859–1864), Vereinigte Bundesversammlung, Volksversammlungen, -mobilisierungen

Briefe

Glarus den 25. März 1860.

Mein theurer Freund!

Du wirst Dich vielleicht darüber verwundern jetzt noch einige Zeilen von mir zu erhalten, da wir doch in den nächsten Tagen wieder persönlich zusammenkommen werden. Es ist auch in der That nicht meine Absicht, zum voraus mit Dir die wichtige politische Frage selbst zu diskutiren, wegen deren wir wieder nach Bern berufen sind; dazu wird sich in der mündlichen Unterredung der beste Anlaß bieten. Dagegen haben allerdings die letzten Tage Erscheinungen zu Tage geför dert, die mir nicht gefallen u. über welche ich mich frei zu Dir aussprechen möchte: es ist dies die, wie mir scheint, ganz ungehörige Weise, in der man die Frage für die Bundesversammlung zu präjudiziren sucht. Ich denke dabei nicht gerade an die heutige Versammlung der «Helvetin»; da gehört eben's Klappern zum Handwerk u. ein solcher politischer Verein repräsentirt am Ende Niemanden als sich selbst. Was ich zunächst im Auge habe, ist die Debatte im Großen Rathe von Bern, welche nach meiner Ansicht mindestens höchst überflüßig war. Wenn über alle wichtigen Fragen die Großen Räthe vor dem Zusammentritte der Bundesversammlung sich aus sprechen wollen, so ist dies das alte System der Instruktionen, nur mit dem Unter schiede, daß letztere doch wenigstens en pleine connaissance de cause ertheilt wurden, während man jetzt Motionen stellt u. Beschlüße faßt, ehe man von der | Sachlage persönlich unterrichtet ist. Und was soll das eigentlich bedeuten, daß man sich im gegenwärtigen Augenblicke zu allen Opfern bereit erklärt? Will man wirklich unsre Armee aufbieten, in Savoyen einfallen u. mit Frankreich u. Sardinien Krieg anfangen? Wenn nicht, so kann ich keinen Sinn darin finden. Ihr habt übermorgen ebenfalls Großen Rath u. da wäre es möglich, daß eine ähnliche Motion wie in Bern gestellt würde; das sollte man von vornherein zu verhüten suchen, weil es allerdings nachher nicht leicht ist gegen solche Motionen aufzutreten. Und doch sollte man, wie mir scheint, nöthigenfalls auch letzteres thun, eben von dem formellen Standpunkte aus, daß man der Bundesversamm lung volle Freiheit des Handelns u. Beschließens laßen müße. Es wird mich freuen, wenn meine Ansichten über diesen Punkt mit den Deinigen zusammentreffen; in der Hauptsache werden wir, denke ich, ohnehin nicht weit auseinandergehen. Hier ist man allgemein der Ansicht, es schade gar nichts, wenn die östliche Schweiz etwas kühleres Blut mitbringe zu der Hitze, die in Bern zu herrschen scheint.

Ich hoffe, daß sich in Deiner Familie Alles wohl befinde, wie ich es meinerseits berichten kann. Da ich Mittwochs mit dem Abendzuge von Zürich nach Bern fahren werde, so hoffe ich, wir werden mit einander reisen. Mit vielen Empfehlungen an Deine Frau Mutter u. Gemahlin grüßt Dich freundschaftlich

Dein treuer

J J Blumer.