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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Schwarzenbach-Hüni

AES B1784 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#446*

Johann Jakob Schwarzenbach-Hüni an Alfred Escher, Kilchberg (ZH), Samstag, 28. Januar 1860

Schlagwörter: Handelsverträge, Zollwesen

Briefe

J. J. SCHWARZENBACH
KILCHBGERG
près Zurich

An Herrn Doctor Escher Nationalrath in Bern .

Hochgeehrter Herr!

Da ich aus Erfahrung weiß daß Sie jederzeit bereit sind, die Intressen der Schweiz nammentlich auch diejenigen Ihres Heimathscantons zu wahren, & daß Ihr Wort bei den Bundesbehörden den größten Nachdruck hat, so erlaube mir Sie hier über einen Gegenstand zu unterhalten, welcher für mehrere Cantone der Schweiz von sehr großer Wichtigkeit werden könnte. –

Nach der dato bestehenden Zollgesezgebung wird in England für Seidenwaare, Seidenbänder ein Eingangszoll von 5 [...?] Sterling pr. 1 Pfund englisch Gewicht netto bezahlt, was auf Seidenstoff ca 10% des Werthes ausmachte. Dieser Eingangszoll wird von allen fremden Seidenwaaren ohne Ausnahme bezogen. – Troz dieses sehr hohen Schutzzolles konnte bei dem enormen Consum gleichwohl in den lezten Jahren, in Seidenbändern noch sehr große Geschäfte, & in Seidenstoffen obwohl viel stärker durch den Eingangszoll gedrückt, immerhin noch sehr bedeutende Geschäfte in Schweizerischem Fabricat mit England gemacht werden. – Wir lebten in der Hoffnung daß bei der dort grundsetzlich angenehmen, allmähligen Herabsetzung der Zölle sich dort in Zukunft ein größerer Markt für unser Fabricat eröffnen werde. –

Nun melden gestern & heute die französischen Zeitungen daß durch den im Abschluß begriffenen Handelsvertrag mit Frankreich in Zukunft Seidenwaare & Seidenbänder Zollfrei eingehen werden. In Lyon scheint man der Ansicht daß die Aufhebung des Zolles einzig & allein zu Gunsten des französischen Fabricates stattfinden, von den Seidenwaaren & Bändern aller anderen Staaten dagegen der bisherige Eingangszoll fortbezahlt werden müße – Durch einen solchen Differenzial Zoll zu Gunsten von Frankreich würde aber der Schweiz nicht nur jede Aussicht auf einen vergrößerten Absatz nach England vernichtet, sondern es würde derselbe die unvermeidliche Folge haben, daß auch der bisherige Verschleiß von schweiz. Seidenwaare & Seidenbändern nach England, ganz vollstendig aufgehoben würde, den bei Seidenwaare & Bändern macht ein Zollunterschied zu Gunsten Frankreichs von 10% jede andere Concurenz zur Unmöglichkeit. – Ein Ereigniß daß um so mehr zu bedauren wäre, als schon lange der Ct: Zürich für seine Producte in Seidenwaare den empfindlichsten Mangel an sichern Absatz Märkten leidet, gezwungen ist den größten Theil seines Fabricats nach New-York zu werfen, wo jede günstige Conjunctur schon im Keime wieder durch eine Maaßenhafte Überführung des Marktes verdorben wird. –|

Die Schweiz aber als der eigentliche Sitz der Handelsfreiheit, die Schweiz wohin alljährlich für enorme Sumen englischen Fabricates jeder Art beinahe Zollfrei eingeht hat die größte Berechtigung von England zu verlangen, daß sie mit Bezug auf die Zölle für ihr Fabricat den am meisten begünstigten Staaten gleichgestellt werde. Auch die Times & mit ihr vielleicht ein großer Theil des englischen Publicum scheint mit diesem einseitigen Handels Vertrag nicht ganz einverstanden, sie sagt sie wünsche ein Fortschreiten im Sinne der Handelsfreiheit aber keine seperaten Handels Verträge. –

Ich bin überzeugt daß wenn der englisch-französiche Handelsvertrag diesen ihm von Lyon aus unterlegten Sinn & Bedeutung hat in der nächsten Zeit von Basel & aus dem Ct Zürich eine Menge Petitionen an den Bundesrath gelangen werden um zu verlangen daß derselbe in dieser Angelegenheit die Schweiz: Intreßen mit allen ihm zu Gebotte stehenden Mitteln schützen möchte. – Allein das Beispiel von Belgien, welches wenn ich nicht irre auch in der gegenwärtigen Sitzung des Nationalrath's zur Sprache gekommen ist zeigt wie schwer es ist gegen einen solchen Vertrag aufzukommen wen derselbe einmahl ein fait accomplie geworden ist. –

Ich erlaube mir nun die Bitte an Sie verehrtester Herr, daß falls Sie wie ich hoffe mit dem obigen einverstanden sind, die Güte haben möchten, mit dem Herrn Director des eidsgenösischen Handels-Departement mündlich Rücksprache über diesen Gegenstand zu nehmen, & falls von Seite der Schweiz: in dieser Angelegenheit noch gar nichts gethan worden wäre, denselben zu veranlaßen sogleich & mit Anwendung aller zu Gebotte stehenden Mittel, von dem englischen Ministerium zu verlangen daß die Schweiz als die Älteste & uneigenützigste Vertheidigerin der Handelsfreiheit auch in Zukunft in England den am meisten begünstigten Staaten gleich gestellt werde & glaube daß in dieser Angelegenheit um so mehr Eile erforderlich ist als nach der franzsch: Partrie schon in den ersten Tagen des Februar dieser Handelsvertrag in Kraft tretten soll, was ich indeßen bezweifle da ich glaube daß derselbe vorerst dem Parlement zur ratification vorgelegt werde. – |

Wahrscheinlich würde auch Herr Nationalrath Feer-Herzog sich lebhaft für diese Angelegenheit intreßieren, wennigstens nach deßen Anträgen in Betreff Belgien sollte man dieses vermuthen. –

Entschuldigen Sie es gütigst daß ich Sie mit diesem Gegenstand behellige, allein ich habe die Überzeugung daß falls hier noch nichts geschehen ist derselbe nur durch Ihre gefällige Vermitlung, auf die schnellste & wirksamste Weise in Anregung gebracht werden kan & empfehle mich Ihnen

mit vorzüglichster Hochachtung ergebenst

J J Schwarzenbach-Hüni

Kilchberg 28 Jenner 1860

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