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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B1778 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#87*

Arnold Otto Aepli an Alfred Escher, St. Gallen, Mittwoch, 17. November 1852

Schlagwörter: Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Grosser Rat SG, Kommissionen (kantonale), Regierungsrat SG, Regierungsrat TG, Ständerat, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB), Wahlen, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

St. Gallen 17. Nov. [1852?].

Mein lieber Freund.

Du wirst denken, ich sey unserer Verabredung, dich über den Stand der hiesigen Eisenbahnunternehmung unterrichtet zu erhalten, bis dahin schlecht nachgekommen. Es geschah eines Theils deshalb nichts von meiner Seite, weil ich erst dann berichten wollte, wenn ich etwas Entscheidendes zu berichten hätte, andern Theils auch weil ich wußte, daß du von H. Ott-Trümpler, welcher von meinem Schwager Weydmann Briefe empfängt, unterrichtet werdest über das was letztere Bezügliches enthalten. Nachdem nun heute der Gr Rath die wichtigen Beschlüße, die ich dir mittheilen werde, gefaßt, säume ich nicht länger zu schreiben.
Der Gr Rath hat, wie du vielleicht bereits aus telegraphischen Berichten, die heute nach Zürich erlaßen worden entnommen, im Wesentlich folgendes beschloßen:

1o Betheiligung mit im Ganzen 3 Mill. Fr. bei der Eisenbahn RorschachWil.

2o do mit 500 000 Fr. für die direkte Fortsetzung von Wil nach der Zürcher Grenze

3o do mit 2. Mill. Fr. für die Linie RorschachChurWallenstadt, unter verschiedenen Bedingungen. |

4o 700,000 Fr Betheiligung bei der Linie RapperswilWeesenWallenstadt.

5o die Staatsunterzeichungen sind erst verbindlich wenn für RSt GWil 8 Mill., für RWallenstadtChur 8 Mill u. für RapperswilWeesenWllstdt. 3 Mill, – jene inbegriffen – gezeichnet sein werden.

6o das zu erhebende Staatsanleihen ist unaufkündbar; mit der Rückzahlung soll nach Verfluß von 10 Jahren nach Vollendung der resp. Bahnen begonnen u. dieselbe in 20 Jahren vollendet werden.

7o die Amortisation hat durch das ordentl. Budget zu erfolgen.

Du wirst vielleicht, wie es manchen unseren Großrathsmitgliedern gegangen ist, anfänglich über die Großartigkeit dsr finanziellen Operation die Achseln zucken – nach langen Debatten u. äußerst einläßlichen Erörterungen ist es endlich gelungen, nicht nur diesen Plan festzustellen, sondern denselben auch dem um seiner Häuslichkeit willen beinahe berüchtigten Gr Rathe zugänglich zu machen. Es würde mich hier jetzt zu weit führen, wenn ich in volle Details eintreten müßte, doch bin ich sehr gerne bereit dir weitere Aufschlüße zu geben, wenn du solche zu besitzen wünschest.

Was mich vor Allem drängt, ist Dir mitzutheilen | was wir nun von der Zukunft hoffen. Vorher muß ich aber noch bemerken, daß uns bereits sehr günstige Geldofferten gemacht worden sind, für den Fall hin, daß wir unsere Bahn bis Zürich, evtl. Winterthur herstellen können.

Was wir nun zunächst hoffen, ist eine loyale Behandlung von Seiten Zürichs. Wir wollen nicht bloß mit dem Auslande, wir wollen auch mit der Schweiz vermittelst Eisenbahnen verbunden sein u. natürlich auf die für uns vortheilhafteste Weise. Dieß kann nun, was auch bereits das Resultat unserer frühern mündlichen Besprechungen zeigte, nur dann geschehen, wenn uns von Seiten Zürichs eine freundliche Hand geboten wird. Wir sind weit davon entfernt, das Romanshorner Projekt hindern zu wollen – mag dasselbe ins Leben rufen, wer sich dazu berufen fühlt, – aber wir erwarten daß man uns um dieses Projektes Willen im Kant Zürich keine Schwierigkeiten mache, sondern daß man sich dahin herbeilaße, mit uns das Unternehmen einer RorschachWilWinterthur resp. Zürcherbahn in dieser od. jener Weise herzustellen. Wir werden eigentlich vom Kantone Zürich nur eine Komißion brauchen, ich glaube nicht einmal daß eine Staatsbetheiligung von dorther nothwendig sein werde, da wir alle Aussicht besitzen, das noch weiter nöthige Capital vom Auslande herzuerhalten. Ob nun aber diese Conceßion von Seiten einer | in Zürich zu bildenden Gesellschaft für die betreffende Bahnstrecke od. auf irgend eine andere Weise nachzusuchen sey, das wird Gegenstand der Unterhandlungen sein, welche demnächst von hier aus im Kanton Zürich angeknüpft werden. Ich kann dir nicht verhehlen, daß die Ansichten hier ziemlich verbreitet waren, es herrsche in Zürich – in folge gewißer persönlicher Einflüße, – in den höhern Regionen eine entschiedene Abneigung, sich diesfalls mit St Gallen nur überhaupt einzulaßen u. es schienen mir selbst gewiße kleinliche Orts- u. Gewerbsjalousien sowohl in Winterthur als in Zürich zu herrschen, welche eine StGaller Bahn durchaus zu hindern bemüht seyen. Ich habe mich aber bemüht, im Gr Rath diese Eindrücke so viel als möglich zu verwischen u. darauf hinzuweisen, daß wir in Zürich auf ein Entgegenkommen zählen dürfen, sobald wir durch eigene Anstrengungen die Lebensfähigkeit unsers Unternehmens bewiesen haben. Dieses ist nun allerdings geschehen. Die 8 Mill sind beisamen u. selbst wenn wir gar keine Unterstützung vom Auslande erhalten würden, könnten wir unsere Lokalbahn erstellen. Der Grund, die Ausführbarkeit unserer Linie zu bezweifeln, mit dem man sich mancher Orts so gerne breit machte, ist deshalb durchaus gehoben u. es könnte nur noch übelm Willen zugeschrieben werden, wenn man uns ferner | nicht entgegen kommen od. mit Hofbescheiden abfertigen wollte. Ich kann aber auch nicht glauben, daß die erlauchtesten Staatsmänner Zürichs – ich wähle dieses Beiwort in allem Ernste u. mit vollem Bewußtsein – nicht gerne u. willig auf unser Unternehmen eintreten werden. Sie können dadurch dem ganzen gewerbreichen Osten einen so großen Dienst leisten, sie können sich den doch immerhin nicht so ganz zu verachtenden Kanton St Gallen wahrhaft verpflichten u. sich darüberhin für die Hauptstadt ihres Kantons Vortheile zuwenden, die man dort noch kaum mit der gehörigen Unbefangenheit gewürdiget hat. Zürich nämlich, im Mittelpunkt eines größern od. kleinern Eisenbahnnetzes, zieht doch ganz gewiß größern Vortheil, wenn die Radien dieser letztern in volk- u. gewerbreiche Gegenden laufen, als wenn sie in einem See verschwinden und wesentlich nur für die Zufuhr u. den Transit von Waaren, die das Ausland abzugeben hat, angelegt sind. Die Attraktionskraft eines solchen Centralpunktes macht sich ganz gewiß auch auf die Individuen, die im Zauberkreise eines solchen Netzes sind, geltend u. trägt dadurch mehr zur Belebung u. Hebung des Verkehres an demselben bei, als es bei einer bloßen Verbeßerung des Waarentransportes der Fall sein würde. Ich will indeßen dadurch gar nicht etwa der Romanshornerbahn entgegen reden; mag, wie gesagt, diese bauen, wer Lust hat; wenn uns nur durch dieselbe die Sympathien, welche wir für | uns gewiß mit vollem Rechte in Anspruch nehmen, nicht entzogen od. verkümmert werden.

Ich habe heute einige Exemplare der neusten Broschüre unsers Oberingenieurs [Hartmann?] an Dubs gesandt. Ich denke, er werde dir auch eines derselben übermittelt haben. Diese Broschüre ist eine Erwiederung auf das Machwerk, das Sulzberger im letzten Frühjahr geschrieben u. das unter der Autorität der Thurgauer Regierung im Geheimen im Kanton Zürich verbreitet worden ist. Ich empfehle dir die Lektüre derselben angelegentlich.

Ich will dich indeßen nicht weiter durch mein Geschreibse ermüden. Ich wiederhole nur noch einmal, daß man hierorts auf eine loyale Behandlung der Sache von Seiten Zürichs zählt u. glaube beifügen zu dürfen, daß der Kant St Gallen in dsr Seßion noch verschiedene andre Beschlüße gefaßt hat, welche dem Kant. Zürich nur angenehm sein können u. welche zeigen, wie sehr man hierorts werth darauf setzt, mit dsm Nachbar in gutem Vernehmen zu stehen. Hoffentlich werden auch die Ständerathswahlen, insoweit sie wenigstens meine Beseitigung betreffen, der Regierung keine Veranlaßung geben, mit der politischen Haltung des Gr Rathes unzufrieden zu sein – vorausgesetzt immerhin, daß man mich auch in Zürich für ein räudiges Schaaf hält, wozu mich ein Theil meiner hiesigen Collegen gemacht hat.|

Ich hoffe bald einige Mittheilungen Euerer Pläne bezüglich unsers Unternehmens mit derselben Offenheit von dir zu erhalten, mit der ich dir von unsern Beschlüßen u. u. Absichten gesprochen habe u. bitte dich schließlich mich deinen Eltern zu empfehlen u. Brändli, Dubs, Rüttimann u. wer mir etwa nachfragen mag zu grüßen.

Von ganzem Herzen

Dein

Aepli