Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1738 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Bad Kissingen, Dienstag, 10. August 1858

Schlagwörter: Bundesrat, Familiäres und Persönliches, Kuraufenthalte, Presse (allgemein), Rechtliches, Schweizerische Centralbahn (SCB), Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein lieber Freund!

Obschon seit fast 3 Wochen ohne jedes Lebenszeichen von Dir, nehme ich doch an, daß Du wohl von Bern zurückgekommen seist, denn ich glaube in einem Artikel der N. Z. Zeitung Dich in selbsteigener Person erkannt zu haben u. bin, wie die Basler Zeitung neugierig, was darauf mit Grunde wird erwiedert werden wollen. Alle die Herrn St compromittirenden Thatsachen werden füglich nicht mit den gewohnten Phrasen abgefertigt werden können und die abgelaufene Sitzung der Bundesversammlung wird der erste Nagel zu St politischem Sarge bleiben. Bei dem was sich in der jüngsten Zeit zugetragen hat, bleibt es mir immer unerklärlich, wie St die Majorität bei der zweiten Wahl erhalten u. wie er trotz seiner frühern Erklärung die Wahl annehmen konnte. Auch die Abstimmung über den Bundesräthlichen Ges.Entwurf über den Anschluß usw kann ich mir nicht erklären, denn bei der Motivirung ist ja dem Bundesrath das [...?]irt, was er durch das Gesetz erreichen wollte. Unter den Namen der Abstimmenden sind mehrere Zürcher auffallenderweise abtrünnig geworden. |

Vom Belvoir glaube ich annehmen zu dürfen, daß alle Bewohner desselben sich recht wohl befinden. Die Frau Bürgermeister – der ich mich unterthänigst zu empfehlen bitte – u. Fräulein Escher jünger namentlich werden sich eines Wohlseins erfreuen, daß nichts zu wünschen übrig lässt. Deine gute Mutter wird erfreut über deine unerwartet schnelle Rückkehr wieder von ihrem Unwohlsein, an dem sie bei meiner Abreise litt, befreit mit gewohnter Energie u. Thätigkeit die gehäuften häuslichen Geschäfte besorgen können u. nicht mehr befürchten, daß sie denselben entzogen werde u. von Frau Stockar werden hoffentlich die besten Kur Berichte wiederholt eingelaufen sein. So darf ich denn wohl, mein guter, lieber Freund hoffen, daß ich im Laufe der nächsten Woche wieder in Euern lieben, treuen Kreis eintreten werde, in dem jetzt alle Mitglieder wieder vereinigt sind, denn auch Frau stockar wird wohl bis dahin wieder in Zürich eingetroffen sein. Nie fühle ich lebhafter, als wenn ich längere Zeit abwesend bin, welches große u. dankenswerthes Glück es für mich ist, Euch Allen so nahe stehen zu dürfen u. zu welcher großen Dankbarkeit ich Dir verpflichtet bin, daß Du mich in den Kreis der Deinen – fast darf ich wohl sagen, als | ein Mitglied dieses Kreises – eingeführt hast.

Von hier kann ich Dir wenig schreiben. Die Kur griff mich diesmal u namentlich in der letzten Zeit mehr an, als vergangenes Jahr. Uebrigens sieht der hiesige Arzt darin ein gutes Zeichen. Zum Arbeiten ist man ganz unfähig u. der Umgang den ich hier gefunden, läßt hin u wieder zu wünschen übrig; obschon ich dankbar anerkenne, daß die Zürcher, die ich hier getroffen, sehr liebenswürdig gegen mich sind u mich dadurch zu lebhaftem Danke verpflichten. Jedenfalls verreise ich Ende dieser Woche; kann aber noch nicht sagen, ob ich direct nach Zürich komme. Die Direction der Centralbahn hat mir die Führung ihres Processes vor Schiedsgericht übertragen, wozu ich so bald wie möglich die Acten einsehen u. mich darüber mit Herrn Bluntschli ins Vernehmen setzen soll. Da nun die Acten wahrscheinlich bereits in München sind, werde ich von hier vielleicht dorthin gehen müssen, um die bezeichnete Arbeit vorzunehmen, was 2-3 Tage in Anspruch nehmen dürfte. So bald wie ich fertig bin gehe ich übrigens von München fort u werde somit, auch im Falle einer Reise dorthin, Mitte nächster Woche in Zürich eintreffen. |

Empfiehl mich Frau und Fräulein Uebel bestens; ebenso deiner guten Mutter u. Herrn Stockar u. Armin. Heinrich kannst Du vorläufig sagen, daß seine Empfehlung an Hofrath Balling mir die Ehre von dessen häufigen Besuchen verschafft u somit die Veranlassung einer unnöthigen Ausgabe geworden ist u daß ich in Zukunft seinem Rahte, ohne hofräthlichen Beistand Woker zu trinken, getreulich folgen werde.

Lebe nochmals recht wohl u. sei meiner treuen u freundsch. Anhänglichkeit versichert.

Ganz Dein

Er

Kissingen
10. Aug. 1858.