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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1736 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Konstanz, Donnerstag, 29. Juli 1858

Schlagwörter: Bundesrat, Parteienstreitigkeiten, Presse (allgemein), Wahlen

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein bester Freund!

Die Zeitungen, aus denen wir hier nicht klug werden können, wie eigentlich die Sachen in Bern, die Stämpflische Wahl betreffend, stehen, machen mir es deutlich, daß du die letzten Tage eben nicht in einer ruhigen Stimmung dich wirst befunden haben können. Selbst der sonst vorsichtige «Bund» scheint anzudeuten, daß der Berner Zorn dir vor allen das Wahlresultat beizumessen versucht. Mit Ausnahme einiger Berner stimmen wir hier mit dem vortrefflichen Artikel der N. Z. Zeitung, den wir gestern hier gelesen haben überein u. sind in der That neugierig zu erfahren, ob denn Bern oder richtiger die Parthei Stämpfli sich wirklich so geriren darf, wie sie es jetzt zu thun versucht. Warum sah man denn früher in der Uebergehung des Herrn Ochsenbein nicht einen Schimpf für den ganzen Canton Bern?! Nun das wäre fatal, wenn wirklich ein Irrthum stattgefunden hätte; denn von einer Betrügerei oder Unterschlagung von Stimmzetteln kann natürlich vernünftigerweise keine Rede sein. Die Sache lenkt übrigens die Aufmerksamkeit selbst des Auslandes schon auf sich u. ich bin mehrfach gefragt: ob es möglich sein könne, daß bei einem so wichtigen Acte ein Irrthum sich einschleichen könne? – |

Hast Du nach deiner Rückkehr nach Zürich Zeit, mir mit einigen Worten zu schreiben, was man aus den Zeitungen nicht herauslesen kann, so wird das für mich u. Andre von großen Intresse sein; doch kann ich mich auch in Geduld bis zu meiner Heimkehr fehlen; denn ich fühle es, daß du vielleicht am wenigsten jetzt schon disponirt sein wirst, über Gegenstände zu referiren, die Dich so sehr in Anspruch genommen u. geistig so sehr affizirt haben müssen, wie die in den letzten Tagen in Bern behandelten.

Für jetzt muß ich mich auf den Wunsch beschränken, daß der Sieg über die Intriguen der Parthei Stämpfli, der ein so eclatanter zu sein schien, nicht zu einem werthlosen werden oder vielleicht gar in das Gegentheil umschlagen möge. Neugierig bin ich zu erfahren, wie Dubs sich in dieser ganzen Geschichte genommen hat?

Von hier kann ich Dir nichts von irgend welcher Bedeutung mittheilen u. schweige deshalb über Alles was meinen Aufenthalt betrifft.

Daß im Belvoir sich Alles wohlbefindet, hat mir Herr Kunz geschrieben. Empfiehl mich Allen in bekannter Anhänglichkeit u. Ergebenheit. Der nächste Brief wird an deine gute Mutter gerichtet sein. Herr Schmid trägt mir auf, dich bestens zu grüssen. Er macht jetzt immer ein schlaues Gesicht u sagt «die Sache wird nicht so schlimm sein» (d. h. in Bern).

Mit der herzlichsten Treue dein

E.

K. 29. VII. 1858.

Grüsse an Häberlein u. Bekannte!