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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1729 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 22. Juni 1858

Schlagwörter: Bundesgericht, Expropriationen, Familiäres und Persönliches, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Kommissionen (eidgenössische), Krankheiten, Nationalrat, Reisen und Ausflüge, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Sonderbundskriegsschuld, Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB)

Briefe

Glarus den 22. Juni 1858.

Mein theurer Freund!

Da ich bei meiner nächsten Durchreise nach Bern, bei der jetzigen Abkürzung des schon so oft gemachten Weges, mich wirklich nicht in Zürich aufzuhalten gedenke, so will ich nicht unterlaßen Deinen freundschaftlichen l. Brief von vorgestern mit einigen Zeilen zu beantworten, mehr um Dir dafür zu danken, als weil ich Dir viel Intereßantes mitzutheilen wüßte.

Vor Allem spreche ich meine herzliche Freude aus über das, wie es scheint, vortreffliche Befinden Deiner l. Frau, welches zu den schönsten Hoffnungen für das Euch bevorstehende wichtige Ereigniß berechtigt. Möchten nur auch Deine Berichte über das Befinden Deiner verehrten Mutter günstiger lauten! Was Dich selbst betrifft, so nehme ich an, daß Du immer recht gesund seyest, wie es seit der schweren Krankheit, die Du zu bestehen hattest, durchgehends der Fall war. Mit der Spritzkanne in der Hand bietest Du mir das anziehende Bild eines idyllisch-patriarchalischen Hausvaters dar, der seine «paterna rura» kultivirt, u. ich möchte nur wünschen, daß Deine Schwester sich entschließen könnte, mit ihrem bekannten Talente dieses Bild zu fixiren. Zu Deiner Beruhigung will ich Dir übrigens sagen, daß ich selbst in der letzten Zeit sehr oft u. emsig die Spritzkanne in der Hand geführt habe; es thut mir eben auch sehr wohl, in dieser oder anderer Weise den | Aktenstaub hin u. wieder etwas wegzuspritzen.

Was meine Gesundheit betrifft, so hast Du vielleicht bereits aus der eben wieder hervorgetretnen satyrischen Ader den Schluß gezogen, daß es damit nicht so übel stehen müße. In der That bin ich nun auch in Folge eines auf den Arm gelegten Zugpflasters seit mehrern Wochen glücklich befreit von den leidigen Ohrenschmerzen, die mir meinen letzten, sonst so angenehmen Aufenthalt in Zürich einigermaßen verbitterten u. auch nachher noch bei jeder rauhen Luft sich wieder einstellten. Zu einer Badekur könnte ich mich nur dann entschließen, wenn gegen mein jetziges Erwarten das Uebel sich wieder einstellen sollte. Meine Frau gedenkt, wie Du weißst, diesen Sommer nach St. Moriz zu reisen u. zwar wird dies wahrscheinlich unter geistlichem Schutze geschehen, da es ihr jetzt noch zu früh wäre, bis zu meiner Rückkehr von Bern aber zu spät werden dürfte. Ich werde sie dann abholen u. freue mich darauf, bei diesem Anlaße das mir noch unbekannte Engadin zu sehen, überhaupt die südlichen Theile des Kantons Graubünden näher kennen zu lernen; vielleicht werde ich auch noch etwas weiter abschweifen. Meinen Eltern geht es gegenwärtig Gottlob! recht ordentlich.

Das Bundesgericht ist auf den 27. Juni bis 3. Juli einberufen. Die Traktanden bieten einen reichhaltigen Küchenzettel von sehr verschiedenartigen Gerichten dar, darunter auch Pikantes, wie namentlich der Sonderbunds-Kriegskosten-Prozeß. Das neue Expropriationsverfahren hat, abgesehen von seiner praktischen Zweckmäßigkeit, die angenehme Folge, daß die Bundesgerichtssitzungen intereßanter werden, indem man sich nicht mehr beinahe auschließlich mit Expropriationsfällen beschäftigen muß, sondern nur noch die wichtigsten vor dem Plenum zur Behandlung kommen. Ich hatte diesmal Mühe, | das Bundesgericht vollständig zusammenzubringen, indem mehrere Mitglieder nicht erscheinen können u. auch einige Suppleanten meine Einladung abgelehnt haben. Um so mehr freut es mich, daß Freund Häberli dieselbe bereitwillig akzeptirt hat.

Es ist mir sehr erwünscht, daß Du bereits auf den 1. Juli nach Bern kommen wirst, wenn auch nur um nachher nach Hause zurückzukehren. Die Ein berufung der nationalräthlichen Kommißion durch Hrn. v. Gonzenbach, lange vor der Berathung des Ständerathes, der die Priorität hat, kömmt mir zwar ziemlich auffallend vor. Indeßen freut es mich sehr, daß wir bei diesem Anlaße einige Abende werden mit einander zubringen können. Ich werde allerdings wieder bei Hr. Platel's logiren, jedoch nicht mehr in dem Dir wohl bekannten Hause, sondern in ihrer gegenwärtigen Wohnung, Kramgaße No 155 Sonnseite.

Auch ich will mich einstweilen nicht in Geschäfte einlaßen, aber die Bemerkung kann ich nicht unterdrücken, daß ich es sehr gerne sehen würde, wenn die Unterhandlungen, welche, wie ich aus den Zeitungen ersehen, zwischen der Nordostbahn u. der Union Suisse stattfinden, zu der so wünschenswerthen Verständigung führen würden, indem es mir ganz besonders unangenehm wäre, wenn der leidige Konflikt in dieser oder jener Weise durch die Bundesversammlung entschieden werden müßten.

Mit den herzlichsten Empfehlungen von meiner l. Frau u. mir an die werthen Deinigen, wozu ich auch Deine Frau Schwiegermutter u. Schwägerin rechne, verbleibe

ich

Dein treuer

J J Blumer.