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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1696 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 12. Dezember 1857

Schlagwörter: Bundesgericht, Familiäres und Persönliches, Krankheiten, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Wahlen, Westbahnkonflikt (1856/57)

Briefe

Mein bester Freund!

Leider sind die Wünsche für Herrn Br zu spät in deine einflußreichen Hände gekommen, um Berücksichtigung finden zu können; doch dürfen die Gönner desselben sich über diese Verspätung um so eher beruhigen, da nach deinen letzten Briefen anzunehmen ist, daß unsre Gnädigen Herrn u. Obern in Bern – Dich nicht ausgenommen wie es fast scheint – wenig willfährige Geneigtheit besaßen, um Br unserm H. Bundesgerichte zu erhalten, in dem er jedenfalls ebenso gut wie mancher andre sein Plätzchen würde ausgefüllt haben. Man scheint [noch?] bei den diesmaligen Wahlen, von denen mich nur die von Herrn Blumer zum Präsidenten freut, wenig sich um die sachlichen Erfordernisse gekümmert zu haben u. ganz andre Gesichtspunkte im Auge gehabt zu haben. Daß dann Wünsche wegen Herrn Häberlin nicht erfolgreich sein würden, habe ich schon vorher befürchtet nachdem was ich in Bern zu hören Gelegenheit hatte. Warum eigentlich Herr Aeppli so viel Gunst hat, begreife ich nicht recht, denn bis jetzt hat er eben nicht bewiesen, daß er sich irgendwie über das gewöhnliche Niveau | der Bundesrichter erhoben. Daß H ein ganz andre Acquisition gewesen wäre, bedarf keines Wortes. Dubs scheint auf eine Präsidentenstelle gehofft zu haben –––– jedoch vergebens!

Hier ist man – sogar in conservativen Kreisen – über die Lection, die Herr St. erhalten hat, erfreut. Nur zwei Stimmen über das absolute Mehr geht sogar über alle Erwartungen u. sollte ein Fingerzeig sein, wie wenig Beifall das System hat, dem St u. seine Freunde folgen! Sehr ist man gespannt auf den Entscheid wegen der Oronfrage; zweifelt aber freilich nicht an der Verwerfung des Freiburg. Gesuches. Das wird somit der würdige Ausgang der erbärmlichsten Intriguen von der Welt sein. Drei bis vier Jahre verlorene Zeit u. große Geldopfer als Belehrung für die, welche diese Intriguen hervorgerufen haben; denn darüber kann man nicht zweifelhaft sein, daß das gute Geld der Freiburger jetzt ein rein verlorenes sein wird. Ich möchte nicht in Herrn Schallers Schuhen stehen! |

Von hier kann ich dir nichts Neues mittheilen. Ich habe von der Erlaubniß im Belvoir Besuche machen zu dürfen, recht oft Gebrauch gemacht u. kann dir sagen, daß dort Alles vortrefflich geht; kleine vorübergehende Unwohlsein der Damen abgerechnet. Beide Damen leben jedenfalls in der besten Harmonie u. Frau Bürgermeister ist ebenso tactvoll wie herzlich deiner guten Mutter gegenüber, wie sich übrigens gar nicht anders erwarten ließ. Beide haben übrigens – was für dich im höchsten Grade schmeichelhaft ist – nach dir Heimweh u. deine Briefe, die stets gegenseitig mitgetheilt werden u. somit als Gemeingut angesehen werden dürfen, verursachen jedesmal die lebhafteste Freude, die doppelt groß wird, da man weiß, wie du Dir die Zeit dazu förmlich abstehlen mußt.

Stockar geht morgen nach Bregenz für die Nordostbahn. Er lamentirt über die ungünstige Zeit; allein ich habe ihn damit zu trösten gesucht, daß er darin eine heilsame Zerstreuung finden muß, die ihm jeder Zeit gut thut.. |

Von mir will ich nichts schreiben. Es würden nur die alten Klagen sein, zu denen ich noch die hinzufügen könnte, daß ich diese Nacht Zahnschmerzen bekommen habe. Grüsse alle Bekannten bestens. Mit der treusten Anhänglichkeit u. Liebe.

Dein

E

Zürich
den 12. Christmon
1857.