Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1694 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, 9. Dezember 1857

Schlagwörter: Bundesgericht, Familiäres und Persönliches, Wahlen

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein bester Freund!

Von hier habe ich Nichts zu berichten, was deiner Aufmerksamkeit in der Residenz würdig wäre. Das bedeutendste ist wohl, daß Herr Brosi gestern hier u Abends im Belvoir sehr liebenswürdig gewesen ist. Nachdem Freund Br diesen günstigen Eindruck hier hinterlassen, war es heute doppelt schmerzlich, als deine gute Mutter beim Mittagsessen, das ich im Belvoir einzunehmen das Vergnügen hatte, daß wegen mangelnden [...?] er nicht mehr ins H Bundesgericht gewählt werden solle, eröffnete. Wenn es in irgend eine andre Behörde wäre, möchte ein solcher Grund wohl zu hören sein; allein beim Bundesgerichte sehe ich nicht die geringste Veranlassung in denselben. Zwei oder drei Personen ausgenommen, kann Herr Br mit den übrigen am Ende auch noch concurriren u. ist doch immer brauchbarer, als einige Richter die wegen Sprachunkenntniß dem Gerichte weit eher schaden als nützen. Warum soll gerade der arme Br geopfert werden? Sollen alle Kollegen, die es verdienen, als Bauernopfer, fallen, so muß es einen argen Qualm geben! Wir haben heute beim Mittagsessen diese bemühende Frage | reiflicher erwogen, gründlicher discutirt u. tiefer erwogen, als es je das H Bundesgericht gethan hat u. ich eröffne dir in Folge dessen von Deinen Damen die ernste Weisung u. von mir die devote Bitte, Herrn Br, wenn immer möglich, Gnade angedeihen u., wenn nicht Recht, doch weitere 3jehrige Nachsicht bei deinen Collegen auszuwirken. Der arme Mann würde so durch das Gegentheil förmlich nach Schiers ins Exil geschickt. Beiläufig sage ich noch, daß ich Br wegen der Herren Mittheilung zur Rede stellte u. von ihm erfuhr – was nicht unglaublich zu sein scheint – daß er von H. falsch verstanden worden sei. Er will nur gesagt haben «er könne diese Namen schon durch mich, habe aber Zweifel, ob Techniker d. h. Ingenieurs, die geeigneten Personen seien, er ziehe andre verständige Leute z. B. Juristen oder dergleichen vor». Leicht kann Freund H. der Br nicht leiden mag, etwas starke Töne in seine Farben gebracht haben. Kann somit Br gerettet werden, so verdienst du dir außer einen Gotteslohn – die Anerkennung der heutigen Tafelrunde im Belvoir.

Rogner & Hoffmann werden wohl gehalten werden. am 21. ist eine Creditoren-conferenz. | Vor der Affaire Br hätte ich dir eigentlich sagen sollen, daß im Belvoir Alles wohl ist. Frau Bürgermeister u. Frau Escher befinden sich gut u. Deine gute Mutter war gestern u. heute recht heiter u. hat ihr Mögliches gethan, meinen armen Magen zu ruiniren.

Grüsse Bekannte vor allen Herrmann, Häberlin u. Blumer. Letzterm verrathe aber nicht, daß ich nicht mit dem erforderlichen Respet von dem hohen Gerichtshofe gesprochen habe, der hoffentlich die unverdiente Ehre empfangen wird, ihn seinen Präsidenten fürs nächste Jahr nennen zu dürfen. Bei den Wahlen fürs Bundesgericht, so weit sie auf Franzosen fallen müssen, lasse Dich von dem einzig richtigen Princip leiten, solche Herren zu wählen, von denen man annehmen kann daß sie nie in die Sitzungen kommen werden. Auch ist es besser sie verstehen gar kein Deutsch, als etwas; man weiß dann doch, woran man ist u. wessen man sich zu vorsehen hat.

Mit den herzlichsten besten Grüssen

Dein

Er

Zürich
den 9.Christmon 1857.