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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1687 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 25. November 1857

Schlagwörter: Bundesgericht, Expropriationen, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

Glarus den 25. November 1857.

Mein theurer Freund!

Ich wollte Dich gestern auf der Durchreise im Grünhof besuchen, aber da ich Dich dort nicht traf, so hatte ich nicht Zeit genug um nach Belvoir hinauszugehen, u. muß Dir daher nun schreiben. Ich erhielt in Schaffhausen die Nachricht, daß das Bundesgericht, in Folge abermaliger Verschiebung des unglücklichen Basler Postprozesses, seine Sitzungen nun erst nächsten Montag beginnen werde, u. da Montags u. Dienstags gerade Expropriationssachen vorkommen, bei denen ich nicht sitzen kann, so entschloß ich mich um so eher für diese Woche nach Hause zurückzukehren, wo ich doch meine Zeit besser benutzen kann als anderswo. Da ich nun den Sitzungen des Bundesgerichtes nicht von Anfang an beiwohnen werde u. es sehr möglich ist, daß Hr. Dubs die bekannte Obmannswahl an den ersten Tagen vornimmt, so würde ich Dir rathen, Dich direkte an Hermann oder Brosi zu wenden; Letztern könntest Du ja einladen, Dich auf der Durchreise in Zürich einen Augenblick zu besuchen, wobei aber zu bemerken ist, daß er wahrscheinlich schon Freitag Morgens verreisen u. dann wohl den Abend in Zürich zubringen wird. Ich hätte selbst für Dich an Hermann geschrieben, wenn ich wüßte, wen Du statt Kasimir Pfyffer als Obmann haben möchtest; daß Letzterer vom Standpunkte der Nordostbahn aus nicht wünschbar, darüber | ist Hr. Sulzberger, mit dem ich diese Frage auch besprochen, ganz mit Dir einverstanden.

Es thut mir leid, daß ich bei der schiedsgerichtlichen Verhandlung in Schaffhausen mit Hrn. Sulzberger, den ich sonst sehr hoch schätze, weniger übereinstimmen konnte als ich gehofft hatte. Meine rechtliche u. moralische Anschauungsweise des Streites war im Wesentlichen auf Peyer's Seite u. in diesem Sinne ist denn auch der Entscheid, welcher vorzugsweise von mir abhing, ausgefallen. Die Schiedsrichter des Hrn. Moser, auf deren Vorschlag ich gewählt wurde, u. noch mehr er selbst werden nun freilich nicht mit mir zufrieden seyn; indessen bin ich in Folge meiner kantonalen Stellung gegen allen Tadel, der aus einem Stichentscheide folgen kann, abgehärtet u. gewohnt, mit dem Bewußtseyn, nach bestem Wissen u. Gewissen geurtheilt zu haben, mich vollkommen zu beruhigen. Obschon das Schiedsgericht ziemlich lange dauerte, konnte ich doch Montag Abends noch Besuche machen u. in [traulicher?] Gesellschaft eine Menge alter Bekannter sehen, so daß ich nicht nöthig hatte länger in Schaffhausen zu verweilen.

Für die herzliche u. liebenswürdige Gastfreundschaft, welche ich in Deinem Hause genossen, kann ich Dir nicht genug danken. Du hast mir einige äußerst angenehme Tage bereitet, die nur durch Deine u. der Deinigen Gesundheitsumstände etwas getrübt wurden. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Deine verehrte Frau Mutter u. Deine treffliche Gattin, wie auch Du selbst sich jetzt besser befinden mögen, als wie ich Euch verlassen mußte; für Dich wünsche ich namentlich, daß Dir die rauhe Luft im Bahnhofe nicht geschadet habe. Ob ich mich auf der Reise nach Bern in Zürich aufhalten werde, | weiß ich noch nicht; sehr gerne würde ich mich allerdings nach Deinem u. der Deinigen Befinden erkundigen. Empfange, nebst den besten Empfehlungen von mir u. meiner Frau an die verehrten Deinigen, die herzlichsten Grüsse von

Deinem

J J Blumer.