Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1681 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 8. November 1857

Schlagwörter: Bundesgericht, Grosser Rat SG, Nationalrat, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

Glarus den 8. November 1857.

Mein theurer Freund!

Daß ich auf Deinen freundlichen Brief vom 31. Oktober nicht, wie Du es wünschtest, «umgehend», sondern erst jetzt antworte, bedarf freilich sehr der Entschuldigung. Indessen weißst Du, daß mein Besuch in Zürich abhängig ist von dem Schiedsgerichte in Schaffhausen; wann dieses stattfinden werde, wußte ich vor 8 Tagen selbst noch nicht, u. jetzt hat es, wegen der Großrathssitzung in St. Gallen, auf Montag den 23. verschoben werden müssen. Da nun zugleich das Bundesgericht auf Donnerstag den 26. nach Bern einberufen ist, so werde ich dann wohl bis zur Beendigung der Bundesversammlung von Hause wegbleiben; gleichwohl kann u. darf ich Deine freundschaftliche Einladung auf dem Wege nach Schaffhausen einige Tage bei Dir u. den Deinigen in Belvoir zu verweilen, nicht ablehnen u. werde daher schon Donnerstags den 19. d. M. nach Zürich verreisen, wo ich um 1 Uhr Nachmittags mit dem Dampfschiffe eintreffen werde. Sollte irgend etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommen, so würde ich Dir natürlich noch schreiben; sonst kannst Du auf mich zählen.

Zum «Abgeordneten für Zürich u. Thurgau» gratulire ich bestens; Deine Doppelwahl in den Nationalrath hat mich um so mehr gefreut, als sie | überhaupt die einzige u. also eine um so größere Auszeichnung für Dich ist. Deinen offnen Brief an die Thurgauer Wähler habe ich ganz passend gefunden; er enthält viele Wahrheiten. Dagegen habe ich lebhaft bedauert, daß das Zürcher Volk eine so auffallende Theilnahmlosigkeit bei den Wahlen an den Tag gelegt hat; es ist dies eine Erscheinung, die für jeden Freund unsrer neuen Bundeszustände peinlich ist, besonders unerfreulich aber für die Gewählten seyn muß. Ganz besonders leid that es mir für Hrn. Furrer, daß er, dessen Name vielleicht der populärste in der ganzen Schweiz ist, mit so geringer Stimmenzahl gewählt wurde. Hr. Kasimir wird freilich sagen: «gewählt ist gewählt», aber zu dieser philosophischen Anschauungsweise kann ich mich noch nicht erheben.

Doch, ich will auch alles Weitere auf die mündliche Unterhaltung verschieben u. bitte Dich inzwischen nur, mich u. meine Frau den werthen Deinigen bestens zu empfehlen. Herzlich grüßt Dich

Dein treuer Freund

J J Blumer.