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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1668 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 5. Oktober 1857

Schlagwörter: Bundesgericht, Bundesrat, Eidgenössischer Schulrat, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Kommissionen (eidgenössische), Landsgemeinde GL, Nationalrat, Regierungsrat VD, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen, Westbahnkonflikt (1856/57)

Briefe

Glarus den 5. Oktober 1857.

Mein theurer Freund!

Empfange meinen besten Dank für Deinen l. Brief vom 1. d. M. Die freundschaftliche Anhänglichkeit, welche Du darin gegen mich aussprichst, hat mich wahrhaft gerührt u. Du kannst versichert seyn, daß Deine Worte meinem Herzen tief eingeprägt bleiben werden. Wie Du mit Recht annahmst, hat es mir zu großer Beruhigung gereicht, daß Du den Entschluß, den ich über die von Hrn. Furrer an mich ergangne Anfrage faßte, von meinem Standpunkte aus gebilligt hast. Ich konnte dies in der That auch nicht anders erwarten, da Du selbst Deinen Eltern gegenüber immer eine musterhafte Pietät an den Tag gelegt hast!– Wie ich aus den Zeitungen ersehe, ist nun Kappeler zum Präsidenten des eidgen. Schulrathes gewählt. Mit ihm ist die Stelle gewiß vollkommen gut besetzt, möge nur die Stelle für ihn nicht ein allzu bequemes Ruhekissen werden!

Was nun Deine Anfrage über die Wahl des Obmanns in der Streitsache zwischen dem Kanton Zürich u. der Nordostbahngesellschaft betrifft, so muß ich Dir vorerst bemerken, daß, wenn Hr. Dubs als Zürcher sich im Ausstande befindet, das Nämliche auch bei mir als Aktionnär der Nordostbahn der Fall seyn wird. Das Präsidium des Bundesgerichtes geht also in dieser angelegenheit an Hrn. Dr. Pfyffer über. Ich bin aber auch der Meinung, daß der Dreiervorschlag, | den nach dem Konzessionsakte für die Nordostbahn das Bundesgericht den Partheien zu machen hat, nicht wohl auf dem Wege des Cirkulars gebildet werden kann u. daß es ebensowenig gerechtfertigt wäre deßhalb eine außerordentliche Sitzung zu veranstalten. Die nächste ordentliche Sitzung des Bundesgerichts soll, wie mir Hr. Dubs in Bern sagte, unmittelbar vor der Bundesversammlung, also Ende November's stattfinden. Natürlich aber liegt es – vorausgesetzt, daß der Stand der übrigen Geschäfte es erlaube – in seiner Hand, das Bundesgericht auch früher einzuberufen, wenn ihm an Beförderung der Obmannswahl gelegen ist. was die Unpartheilichkeit des Bundesgerichts, d. h. der nicht im Ausstande sich befindenden Mitglieder desselben betrifft, so glaube ich nicht, daß dieselbe mit Grund bezweifelt werden könne.

Auch wir (meine Frau u. ich) denken oft u. mit Vergnügen an unser trauliches Zusammenleben mit Euch in Bern zurück. Wir haben dort einige schöne Wochen verlebt trotz allem Unangenehmen, was sich an die letzte Bundesversammlung knüpfte. Ich betrachte es namentlich auch als einen grossen Gewinn für uns zwei Freunde, daß unsre Frauen bei diesem Anlasse sich näher kennen gelernt haben u. in ein freundschaftliches Verhältniß zu einandder getreten sind. Dein Notenwitz war mir ein sehr heiteres Andenken an jene schöne Zeit u. hat namentlich auch meiner Frau viel Spaß gemacht. Ich wußte bis jetzt nicht, daß Du auch Tonsetzer bist; um dieses Talent in Dir auszubilden, will ich gerne auch fernerhin als sujet für Deine musikalischen Kompositionen dienen. Vielleicht giebst Du uns bald eine Oper zum besten, die wir dann en famille aufführen!

Deine Einladung nach Belvoir, die wirklich fast unwiderstehlich lautet, verdanke ich Dir bestens. Da das Schiedsgericht in Schaffhausen nicht vor Anfang November stattfinden | kann, so kann ich jetzt natürlich auch noch nicht sagen, ob ich mich einige Tage werde in Zürich aufhalten können; ich werde Dir darüber später Mittheilung machen.

Wenn ich in meinem letzten Briefe über Politik schwieg, so geschah es, weil ich von meiner persönlichen Angelegenheit zu sehr präokkupirt war. Ich habe aber auch jetzt nicht Vieles zu sagen. Der Waadtländer Konflikt nimmt einen für mich wenigstens sehr unerfreulichen Verlauf: ich kann weder das rücksichtslose Verfahren des Bundesrathes billigen noch die Politik des «passiven Widerstandes» von Seite der Waadtländer Regierung, welche mir sehr unpraktisch vorkömmt. Der erhobne Kompetenzkonflikt gegen den Beschluß der Bundesversammlung ist eine Trölerei, bei der sich Waadt zum voraus im Unrecht befindet; überhaupt kömmt es mir vor, der jetzige Staatsrath von Waadt bringe sich selbst um allen Kredit u. werde bald entweder seinen Gegnern oder, was wahrscheinlicher, seinen jetzigen guten Freunden von der konservativen Seite weichen müssen. Gespannt bin ich darauf, was nun die eidgen. Kommission mit den Parzellarplänen anfangen werden! – Auffallend ist es, mit welcher Ruhe die Schweiz im Ganzen den Nationalrathswahlen entgegengeht. Im Kanton Zürich scheint zwar eine gewisse Presse etwas Opposition machen zu wollen gegen Dich u. Deine Freunde, hoffentlich aber ohne Erfolg! Vor Allem bin ich nun, wie Du leicht begreifen wirst, auf Eure Ständerathswahl gespannt, die den Nationalrathswahlen vorausgeht. Wie es bei uns gehen wird, weiß der liebe Himmel. Ziemlich allgemeiner Wunsch ist es, daß einmal zwei Bessere nach Bern gehen möchten, aber bei dem eingewurzelten Komplimentwesen wird wieder Niemand den Bisherigen vor den Kopf stoßen wollen. Von Jenni verlautet gegenwärtig nicht mehr, daß er ablehnen wolle. Trümpi war in den letzten Wochen sehr krank, scheint sich aber wieder zu erholen. Item, wir werden sehen! Organisiren läßt sich bei uns nicht viel, da an einer Landsgemeinde Alles vom Moment abhängt.

Mit herzlichen Grüssen u. Empfehlungen von uns beiden an Dich u. Deine Frau, sowie an Deine Frau Mutter u. Schwester verbleibe

Dein treuer

J J Blumer.